Start mit Neuer Musik

Neujahrskonzert der Musikhochschule

Nicht Rossini, Haydn oder Weber, kein Walzer von Strauß, keine Operette von Suppé – das Neujahrskonzert der Dresdner Musikhochschule bot am Sonntag vor allem eines: Neue Musik. In der ersten, Igor Strawinskys Feuervogel-Suite vorangestellten Konzerthälfte gab es sechs brandneue Werke aus den Reihen der HfM mit dem Hochschulsinfonieorchester (HSO), diesmal allerdings nicht aus dem Bereich Klassik, sondern Rock, Pop, Jazz. Stefan Behrisch, der neben Werken seiner Studenten selbst mit einem Stück beteiligt war, meinte zu Beginn, es gebe für ihn ohnehin nicht eine solche Unterteilung, sondern nur eine Musik. Das mag zwar im Ansatz verbindlich und löblich klingen, führt aber leicht in die Irre, denn gerade wer komponiert, braucht eine Orientierung (Woher? Wohin?). Zudem sind die Genres bei ganz unterschiedlichen Publikumsschichten beliebt, womit die Gefahr wächst, daß sich der jeweils »andere« Teil des Publikums langweilt. Nicht zuletzt: wer Genregrenzen überschreiten, überwinden will, muß schließlich wissen, wo diese Grenzen liegen. Selbst unter Veranstaltern hat sich mittlerweile herumgesprochen: »Cross over is over«.

Ganz so arg wurde es dann nicht, denn die Komponisten des Abends hatten sich bei vielen klassischen Vorbildern bedient oder davon inspirieren lassen. Elias Biegler war mit gleich zwei Werken vertreten: »Orchestral type beat« sowie »Ridiculus«. Das erste griff mit Seufzerfiguren und Melodiebögen klassische Formen auf, ließ sie fanfarenartig wachsen. Wie eine Filmmusik im Breitbandformat war dies anregend, ließ imaginieren – jetzt hätten im Bild die Pferde auftauchen können.

Für die Trompeten war das offenbar herausfordernd, sie fanden sich später intonatorisch besser zurecht. Zunächst fiel aber auf, daß sich die Neue Musik, welchen Genres auch immer, an der Moderne und Avantgarde orientiert, an Komponisten wie Sibelius oder Schostakowitsch. Das galt ebenso für das zweite Stück von Elias Biegler, in dem Polina Popova die Solovioline spielte (in der Uraufführung am Sonnabend hatte dies Clara Shizuko Heise übernommen). Das HSO mußte an diesem Abend eine große Wandelbarkeit zeigen und steuerte dem kühl-virtuosen Violingesang teils Hollywoodklänge bei.

Mit eine Clarinet Concerto, eigentlich einem Concertino, trat Stefan Behrisch als Komponist in Erscheinung (Solo-Klarinette: Sehyeon Kim). Zwar fiel das Stück verhältnismäßig knapp aus, verband dabei aber klassische und jazzige Formen in einer kompakten Art, ohne daß Solo- oder Orchesterteile auseinanderfielen. Sehyeon Kim ließ seine Klarinette rhapsodisch erzählen.

Mit »dorne geschossen« von Sehyeon Kim wurde es etwas komplizierter, denn der Komponist spielte deutlicher mit den Strukturen und deren Zerlegung bzw. Neufindung. Stehende oder gedehnte Klänge, wachsende Rampen, besondere Klänge wie von Schlagwerk und Marimbaphon kennzeichneten vielleicht weniger ein geschlossenes Ganzes als den Sprung, den der Titel suggeriert, als Beginn eines Weges.

Mit Elementen der Verfremdung, Suche, Neuorientierung spielte auch Justus Wolf in »Die eigene Antitra«, das sich inhaltlich und in einer kurzen Textsequenz (»Let me free from …«) mit Kriegen oder Auseinandersetzungen allgemein befaßt. Alda Zinke (Solo-Gesang) machte mit ihren Vokalisen, aber auch durch den Auftritt in Bewegung und mit Kostüm (Emma Schwarz) das Konzertstück zur Performance.

Umberto Boccioni malte 1911, im Jahr, in dem Igor Strawinsky die erste Feuervogel-Suite zusammenstellte, das Bild »La strada entra nella casa« (»Straße dringt in das Haus«, ursprünglicher Titel: »Balkon«, Ölfarbe auf Leinwand, 100 × 100.6 cm), Sprengel Museum Frankfurt am Main, Bildquelle: Wikimedia commons

Doch nicht genug zum neuen Jahr – mit einer sechsten Uraufführung, »ein bißchen mehr« von Jakob Minkenberg, gab es für die Zuhörer noch etwas zu verarbeiten. Noch einmal fanden klassische und jazzige Elemente in ein Gegenüber (Flügelhorn: Ben Mammel, Altsaxophon: Hendrik Marin) und schließlich Miteinander. Ob für jeden etwas dabei war? Wer weiß. Als Werkstattkonzert für einen Einblick in die Studienrichtung war es interessant, als »Richtung« für ein Neujahrskonzert vielleicht nicht ganz das, was mancher erwartet hatte. Auf jeden Fall trotzdem ein Impuls, dem Wirken der HfM zu folgen.

Mit Igor Strawinsky Ballettsuite »Der Feuervogel« gab es, von ostinaten Figuren bis zu Schlagwerken, manche Parallele zu den Uraufführungen. Roland Kluttig, der das HSO leitet und auch am Sonnabend dirigiert hatte, überließ am Sonntag für Strawinsky seinem Studenten und Assistenten in diesem Projekt, Reoto Takagi, die Leitung. Der fand zu einer energiegebundenen, manchmal vielleicht etwas stark ausgeformten Interpretation. Das HSO bewies darin Stärke und Beständigkeit.

12. Januar 2026, Wolfram Quellmalz

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