Krankheitsbild und Märchenwelt

Landesbühnen Sachsen spüren Krankheitsbild von Alzheimer in einer Oper nach

Im ZentralWerk in Pieschen treffen sich ganz unterschiedliche Projekte und erzeugen eine positive »Reibung«. In den letzten Jahren gab es bereits Opernprojekte, an diesem Wochenende entdecken die Landesbühnen Sachsen den Saal als Experimentierraum für eine moderne Oper. Der Titel »The lion’s face« bezieht sich auf eine Bezeichnung in den Memoiren der Philosophin Iris Murdoch, die damit in der Selbstwahrnehmung die »Maske« des Gesichtes bezeichnete, wenn Alzheimer-Patienten unbeteiligt und gleichgültig (löwenhaft) scheinen.

Als Elena Langer vor über fünfzehn Jahren ihre Oper schrieb, hat sie sich intensiv mit dem Alzheimer-Bild befaßt. Bereits damals war Prof. Simon Lovestone (Neurowissenschaftler an der University of Oxford) als Berater dabei. Komponistin und Berater stellten sich dem Publikum zur Premiere (Deutsche Erstaufführung) am Donnerstag vor.

Seth Cardillo-Tietze, Christoph Levermann (Puppenspieler und Stimmen) mit Mr-D.-Puppe, Mrs D. (Antigone Papoulkas), Photo: Landesbühnen Radebeul, © René Jungnickel

Seit der Uraufführung von »The lion’s face« habe sich in Sachen Alzheimer, stellte Simon Lovestone, vieles verändert, verbessert. Damals sei über die Erkrankung nicht gesprochen worden. Heute wäre dies ganz anders, was zum Verständnis beigetragen habe. Auch in der Erkennung, Behandlung, bei den Medikamenten – praktisch überall gebe es enorme Fortschritte.

Den Wendepunkt markierte das für das Brighton-Festival 2010 entstandene Werk insofern, daß es die »Blickrichtung« änderte: nicht die Krankheit oder ihre Symptome sollen beschrieben werden, sondern die Situation. Damit öffnete sich die Szene nicht nur, sie fächerte auf, denn neben den beteiligten Personen (der Patient Mr D., seine Ehefrau, der Arzt, eine Pflegerin und deren Tochter) gibt es Erlebnisebenen in der Sicht von Mr D., bei dem sich Gegenwart und unterschiedliche Vergangenheitsschichten mischen. Das macht es allerdings nicht nur komplex, sondern kompliziert. Die aus Szenen zusammengesetzte Oper folgt keinem narrativen Faden, sondern bildet Ereignisse ab, die unterschiedlich stark miteinander verknüpft sind.

Arzt (Paul Gukhoe) Song, Photo: Landesbühnen Radebeul, © René Jungnickel

Um den Zugang zu erleichtern, hat Regisseurin Kai Anne Schuhmacher das Libretto von Glyn Maxwell ins Deutsche übertragen. Dabei mischen sich gesprochene (vor allem Mr D.) und gesungene Texte (»Zustandsbeschreibungen«). Mobile Spiegelwände (Bühne und Kostüme: Linda Tiebel) erlauben nicht nur, Räume des Pflegeheimes, in dem Mr D. lebt, darzustellen, sie sorgen außerdem für Reflexionen.

Eine fast schon geniale »Annäherung durch Distance« gelingt mit dem Trick, Mr D. nicht von einer realen Person spielen, sondern durch zwei Puppen darstellen zu lassen (Puppenbau: Marieke Chinow, Frieda Kirch, Kristin Schneidenbach). Der alte Mann mit funkelndem Blick, wilden Augenbrauen und Zittern wirkt so real, daß man sich seiner Puppenhaftigkeit erst vergewissern muß! Seth Cardillo-Tietze und Christoph Levermann leihen ihm nicht nur ihre Stimmen, sondern hauchen ihm durch Bewegung, Mimik und Gestik Leben ein. Immer wieder schlüpft Mr D. in sein »inneres Kind«, das in der Tochter der Pflegerin (Anna Maria Schmidt) ein »gleichaltriges« Gegenüber findet. Trotzdem hat das Konzept seine Grenzen: Antigone Papoulkas wirkt als Mrs D. deutlich jünger, eher wie die Tochter, nicht wie die Ehefrau.

Mr. D und sein inneres Kind (Seth Cardillo-Tietze und Christoph Levermann), Photo: Landesbühnen Radebeul, © René Jungnickel

Elena Langer gelingt es, diese unterschiedlichen Welten zu beschreiben. Daß sich die Konturen verwischen, kann als Analogie zum Krankheitsbild verstanden werden, vor allem aber gelingen klangliche Brücken und märchenhafte Bilder, wie gleich zu Beginn, als das Mädchen den Schnee fallen sieht oder später in einer Gartenszene, als der junge Mr D. seine Jugendliebe sucht. Jan Arvid Prée hat diesen Bildgehalt nicht nur im Interview (Programmheft) herausgestrichen, sondern erweckt ihn für die Bühne, wo mit einem kleinen Ensemble der Elbland Philharmonie Sachsen hinter dem Publikum, aber vielen Instrumenten bis zur Celesta, Zaubereffekte entstehen.

Diese Farbigkeit und Kraft wurde am Donnerstag spürbar, ebenso die Hingabe der Spieler wie von Anna Erxleben als Pflegerin, die kurzfristig ihre Stimme von Sopranistin Sophie Klußmann geliehen bekam. Neben Paul Gukhoe Songs markanter Stimme als Doktor wirkt unter anderem Jakob Klein (Dresdner Kapellknaben) mit.

Mr D. (Seth Cardillo-Tietze und Christoph Levermann), Mädchen (Anna Maria Schmidt), Photo: Landesbühnen Radebeul, © René Jungnickel

Den neunzig Minuten scheint dennoch, durch das Stück bedingt, ein Fokus zu fehlen. Denn die Szenen reihen sich aneinander, das Verständnis oder der Erkenntnisgewinn wächst jedoch nicht gleichermaßen mit. Manchmal ist es, als erlebe man immer wieder das gleiche in verschiedenen Variationen. Gerade die aus Mißverständnissen folgenden unterhaltsamen Aspekte gehen teils verloren, dabei zeigen sie zum Beispiel den Witz, mit dem der Patient das Unvermögen, das ihm bewußt wird, überspielt: Auf die Fragen des Arztes nach Jahr, Tag und Jahreszeit antwortet Mr D., weil er das konkrete Datum im Augenblick nicht weiß: »ein neues Jahr«, »Alltag« und »Schneezeit«.

Jeder der Beteiligten trägt zur Geschichte bei, schließlich geht es gleichermaßen um Angehörige und Personal. In der Fülle häufen sich dabei nicht nur Kernsätze, weshalb sie ihre Aussagekraft verlieren, statt herauszuragen (Arzt: »Manchmal sehe ich eine Welt hinter der langen Qual«). Immer wieder stehen sich beklemmende oder fatale und Glücksmomente gegenüber. Am Ende, als sei es ein Eskapismus, überwiegen aber die Zauberbilder wie aus »Alice im Wunderland«.

23. Januar 2026, Wolfram Quellmalz

(Nach der zweiten Aufführung am Sonnabend gab es keine weiteren Termine.)

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