Geflüster aus dem Klangschatten

Gesprächskonzert mit Walter Zimmermann

Manches müsse man wirklich erst »packen«, meinte Gastgeber Jörn Peter Hiekel, Leiter des Instituts für Neue Musik, am Donnerstag im Konzertsaal der Musikhochschule. Dieses »Packen« betraf einerseits den Termin, der nach der Einladung an den in Berlin lebenden Komponisten Walter Zimmermann zustande gekommen war, andererseits müssen die Ausführenden die Werke ebenso »packen«, also nicht nur bewältigen, sondern sich erst selbst inspirieren lassen und dann sie dann inspirierend vortragen. Derzeit sei aber ein starker Jahrgang gerade im Master an der HfM, hatte Hiekel festgestellt, so daß das Gesprächskonzert bestens gelingen konnte.

Vorausgegangen waren seit dem 25. Januar Tage, an denen Walter Zimmermann als Dozent, Berater und Inspirator Einblicke in seine Arbeitsweise gab, beispielsweise, wie er aus Malerei oder philosophischen Texten Ideen gewinnt und diese in Musik umsetzt. So war am Ende noch vor dem Konzert ein konzentrierter Workshop (Mittwoch) für die Haben-Seite zu verzeichnen.

Walter Zimmermann, Photo: privat (von der Internetpräsenz des Komponisten https://beginner-press.de/)

Für das Gesprächskonzert hatten verschiedene Ensemble vier Werke von Walter Zimmermann vorbereitet, »schnitten« aus dem Umfangreichen Œuvre des Komponisten zwar nur den Bereich der Kammermusik aus, legten dabei aber ebenso unterschiedliche wie verbindende Aspekte offen. Zu letzteren gehörte die Auseinandersetzung mit Liedgut in unterschiedlicher Form und die Synthese von Musik mit Bandeinspielungen.

Der Komponist Morton Feldman sei einer der wichtigen Einflußnehmer für Walter Zimmermann gewesen. Von ihm habe er zum Beispiel gelernt, daß man nicht nur aus dem Zentrum eines »Tellers« schöpfen kann, sondern sich an den Tellerrand wagen sollte.

Gerade diese Ränder, Grenzen und Übergänge wurden im Konzert immer wieder deutlich. Im ersten Stück waren sie sogar titelgebend: »The Edge« (Der Rand) für Sopran, Klarinette, Violoncello, Klavier und Tonband setzte Töne in Szene, deren Vereinzelung von den Pausen noch betont wurde, so daß sie weniger als zusammenhängende Kette von Reflexen, sondern als eine Folge von souveränen Ereignissen wahrnehmbar waren. Reflexe, kurzzeitig sogar melodische Figuren, entwickelten sich darin. Der Text zum Gedicht von Robert Creeley kam wechselnd vom Band bzw. wurde von Sopranistin Yeeun Jeong vorgetragen.

Dieses Zerlegen einer Struktur in Elemente wurde im dritten Werk noch viel deutlicher. »Himmeln« basiert auf einem Langgedicht von Felix Philipp Ingold, dessen elf Strophen bzw. Abteilungen mit Tonsprüngen und Betonungen arbeiten, die weniger das Gedicht oder den Verlauf einer Strophe nachzeichnen, sondern einzelne Elemente (Gedanken) daraus hervorheben. Das »Blau«, dem Text nach in einen Satz eingebunden (»Traut keinem Blau den Himmel zu«) wurde faktisch herausgerissen und zum eigenen Zentrum. Mit extremen Höhen, Tonsprüngen, Melodieverläufen wie in volkstümlicher Jodelmusik (aber ohne zu Jodeln) und mit bestechender Artikulation gelang Marlene Unterfenger der beeindruckendste, atemberaubendste Beitrag des Abends.

Bereits davor waren volkstümliche Lieder erklungen, diesmal in Bandaufnahmen der neunziger Jahre, als Walter Zimmermann von Kindern gesungene Lieder und umgebende Geräusche (Spieldose) aufgenommen hatte, aus denen er 23 Ritornelle für Streichquartett und Tonband kreierte. Das Quartett erwiderte die Lieder, so wie sie gesungen waren, also mit falschen Tönen oder atemlos schnell. Esperança Recio Tugores und Polina Popova (Violinen), Tomas Westbrooke (Viola) und Polina Hlebnikova (Violoncello) imitierten die Stimmen teils im Flageolett, wiederholten gemeinsam Passagen oder fanden in der Vereinzelung neue Schwerpunkte der Wortbetonung.

Solche Umkehr des Fokus‘ oder der Bedeutung war letztlich auch im abschließenden Stück zu finden, daß schon im Titel Ursache & Vorwitz für Ensemble und Tonband (statt Ursache und Wirkung) zeigte, daß ein mit den Elementen »spielen« die Kausalitäten einschließt. In diesem Fall lösten Klavierakkorde als Anfangsimpuls unterschiedliche Glissandi (in verschiedenen Richtungen) aus, streute der Klang in Pizzicati oder wurde gebündelt (Ensembleleitung: Nicolas Kühn). Gegen Ende fügte das Tonband das sinkende Geräusch einer Turbine ein, eines landenden Flugzeuges oder einer auslaufenden Maschine – einerseits war das Sinken spürbar, dennoch schien es im Kontrast zu den Reflexen des Ensembles – für einen Moment – unendlich. Vielleicht waren das die bindenden Elemente: musikalische Paradoxien oder sogar Oxymora.

30. Januer 2026, Wolfram Quellmalz

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