»Tamerlán« von Josef Mysliveček am Theater in Pilsen
Die Musik Josef Myslivečeks ist Musikfreunden mit wenigen Ausnahmen kaum bekannt, denn sie wird selten gespielt. Wir haben sie unter anderem mit dem Collegium 1704 erlebt, das auch am Spielfilm »Il Boemo« (kürzlich wieder auf arte) über das Leben des Komponisten beteiligt war. Durch die atmosphärisch gelungene Darstellung von »Il Boemo« ist Josef Mysliveček, der in Italien reüssierte, zwar einem größeren Publikum bekanntgeworden, die Möglichkeit, seine Werke zu erleben, sind dennoch rar. Doch am Sonntag feierte »Tamerlán« im Theater Pilsen (Divadlo Josefa Kajetána Tyla Plzeň) Premiere.

Die Reise lohnt übrigens schon wegen der reizvollen Landschaft und vielen Sehenswürdigkeiten sowie gastronomischen Einrichtungen. Der Opernbesuch wird mit einer Musik belohnt, die schon bald ihre Unverwechselbarkeit und Myslivečeks Personalstil offenbart, in Streicher- und Ritornellfiguren, typischen Tonartwechseln sowie der Vorliebe, Arien von Hörnern begleiten zu lassen. Der Beiname »Böhmischer Mozart« ist berechtigt, und Mysliveček mag in manchem eine Inspirationsquelle, ein Anstoß für den jungen Mozart gewesen sein – beide trafen sich erstmalig 1770 (da war Mozart vierzehn) und blieben freundschaftlich verbunden.
DAS STÜCK
Die Geschichte von »Tamerlán« basiert auf einem Libretto von Agostino Piovene, daß zur Zeit der Entstehung der Oper bereits fast 60 Jahre alt war – Georg Friedrich Händels Librettist Nicola Francesco Haym hatte es schon für dessen »Tamerlano« verwendet.

Tamerlán hat in einer grausamen Schlacht den türkischen Sultan Bajazette besiegt und nimmt ihn sowie dessen Tochter, in die er sich aber sogleich verliebt, gefangen. Tamerlán will Asteria heiraten und dafür seine bisherige Verlobte Irene an seinen verbündeten Andronico »abtreten« – doch der war sich längst mit Asteria einig, und zwar im gegenseitigen Einvernehmen. Beide wehren sich, so sind Tamerlán und Bajazette – aus unterschiedlichen Gründen – voller Zorn und Rachsucht.
DIE INSZENIERUNG
Der slowenische Regisseur und Performancekünstler Rocc hat für das Tableau einen abstrakten Raum mit veränderlichen Wänden geschaffen und eine stumme Rolle eingefügt – ist die verhüllte Gestalt nur ein Diener oder ein Todesengel (Kostüme: Belinda Radulović)? Denn in dem Kelch, den er trägt, ist Gift. Doch das Gift kommt von keinem Engel, der Sultan will es mit seiner Tochter teilen, damit Asteria und er sich der von Tamerlán verursachten Schmach durch Tod entziehen.

Das grausame und brutale, das der Text immer wieder anspricht, setzt Rocc nicht blutrünstig in Szene, bindet es aber dennoch bereits in der einleitenden Sinfonia szenisch ein. Für das Ende, wenn laut Libretto nur Bajazette stirbt, weil er Zorn und Rachsucht nicht ablegen kann, Tamerlán aber die wahre Liebe Irenes erkannt hat und mit ihr ein neues Leben beginnt, hat sich Rocc einen anderen Schluß ersonnen – weil er die Läuterung des Helden nicht glaubt? Doch was passiert, soll hier nicht verraten werden.
DIE AUFFÜHRUNG
Das Spiel lebt wesentlich von den Akteuren und Myslivečeks betörender Musik – Oper braucht weder spektakuläre Effekte noch übertriebenen Darstellungen, wenn sie sich so auf die Sänger besinnt und wenn die Sänger so großartig agieren! Der junge Countertenor Vojtěch Pelka gewann unter anderem bereits den Publikumspreis bei den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik und war im Markgräflichen Opernhaus Bayreuth zu erleben. Tamerlán verleiht er nicht nur eine enorme Brillanz der Höhe, sondern auch eine beeindruckend emotionale Verve und Kraft – stimmlich wie im Spiel. Dieser Held mag in Schlachten immer siegreich sein, ein wirklicher Gewinner ist er dennoch nicht, sondern kaum mehr als ein grausames, verzogenes, tobendes Kind!

Da bedarf es eines außerordentlichen Widerstands, ihn zu domestizieren. Asteria gelingt dies – Pavla Radostová haben wir schon oft als Solistin des Collegium Vocale 1704 und auch in der Oper erlebt [»Platée« ist derzeit ebenfalls auf arte in der Mediathek zu sehen, unser Bericht vom Opernbesuch in Prag: https://neuemusikalischeblaetter.com/2024/12/10/es-darf-gelacht-werden/%5D, aber so spektakulär kraftvoll und farbintensiv noch nicht! In beiden Fällen setzen die Sänger ihrem Können wahre Spitzen auf, wenn sie die hohen Töne gezielt ins Publikum »schleudern«.
Insgesamt ergibt sich der Eindruck einer perfekten Ensembleauswahl, denn auch der starke Baß von Josef Kovačič (Bajazette) und Marie Šimůnkovás schmeichelnde, aber beständige, sich steigernde Irene (sie führt die Wende herbei) sind an allererster Stelle zu nennen. Barbora de Nunes-Cambraia steht dem, schlank und kraftvoll als Andronico, der mit beiden Seiten verbunden, mit beiden letztlich (zumindest vorübergehend) verfeindet ist, um kein Jota nach.

Ist es nun grotesk, die Geschichte eines grausamen Herrschers so phantastischer Musik auszustatten? Ein beglückender, atemloser Abend, ist es auf jeden Fall. Bleibt zu hoffen, daß er Spuren hinterlasse wird – und das Mitdenken kommt am Ende nicht zu kurz. Diese Gelegenheit sollten Sie sich auf keinen Fall entgehen lassen!
1. Februar 2026, Wolfram Quellmalz
Josef Mysliveček »Tamerlán«, Divadlo Josefa Kajetána Tyla Plzeň, wieder am 5. und 25. Februar, weitere Termine im März, April und Mai, am 23. Mai im Markgräflichen Opernhaus Bayreuth
