Wieviel Show verträgt ein Sinfoniekonzert?

Dresdner Philharmonie demontiert mit selbstgemachten Rahmenbedingungen ihr ureigenstes Format

Man muß ja nicht gleich den Untergang des Abendlandes herbeireden, und um eine Wahrung alter Traditionen geht es ebensowenig. Aber ein paar Grundpfeiler sollten doch stabil bleiben, wenn es ein »Sinfoniekonzerts« geht. Die Dresdner Philharmonie hat in den letzten Jahren verschiedene Formate entwickelt, um ein junges Publikum anzusprechen und unter den nicht mehr ganz jungen ein neues zu finden. Zwischen Schulkonzert, »phil zu entdecken«, »abgeFRACKt« und »Best of Klassik« treffen sich sogar Publikumsschichten – Junge, Familien, Neuzugänge und Anrechtsbesucher.

Derzeit könnte aber der Eindruck entstehen, daß ausgerechnet das Kernpublikum des Sinfoniekonzerts weniger geschätzt wird. Mittlerweile finden viele Konzerte nicht mehr zweimal, sondern nur noch an einem Wochenendtag statt (womit auch die Möglichkeit einer Terminauswahl entfällt), nun breiten sich die Ingredienzien der Schnupperformate dazu übelriechend im Anrechtskonzert aus.

Aus der Nähe sieht alles normal aus (Nicholas Collon und die Dresdner Philharmonie) …, Photo: Dresdner Philharmonie, © Oliver Killig

»Form follows function« lautet ein Gestaltungsgrundsatz, der – eigentlich auf Industriedesign und Architektur bezogen – davon ausgeht, daß sich die (äußere) Form aus dem Funktion ableitet. Legt man dies auf ein Konzert um, wäre die wesentliche Funktion wohl die Musik. Doch am Sonnabend ließ sich für das Programm »Lapwood mit Poulenc« wohl ein Umkehrschluß ziehen, etwa, daß aus Formlosigkeit Funktionslosigkeit folgt. Zumindest wer wegen der Musik, also Boulanger, Poulenc und Nielsen kam, wurde enttäuscht. Nach dem Orgelkonzert von Anna Lapwood im November, das zu einer bejubelten Orgelshow verkam, blieb auch im Sinfoniekonzert mit dem zweiten und bereits letzten Auftritt der Palastorganistin ein schaler Beigeschmack.

Nichts gegen Anna Lapwood, ihr Konzept oder ihr Publikum. Wer das mag – bitte. Wer gern zweimal dieselben Witze hört (»Ich spreche ein wenig deutsch, aber ich verstehe es nicht«), soll das haben. Wer sich mit Lichtergefunkel von der Musik ablenken läßt oder meint, Aerobic gehöre dazu, wer zu jedem Werk begrüßt werden und es moderiert haben möchte – Geschmackssache. Nur: gehört das ins Sinfoniekonzert? Der Rezensent war wegen nichts anderem als Boulanger, Poulenc und Nielsen gekommen und hatte gehofft, Anna Lapwood würde einfach nur spielen. Statt dessen wurde alles geboten, was man nicht braucht und vor allem, was ablenkt und die Stimmung zerstört. Nutzlose Begrüßungen, Ankündigungen und Moderationen mit banalen Fakten, die man dem Programmheft oder der Konzerteinführung hätte entnehmen können, vulgär-bunte, pulsierende Saalbeleuchtung zwischen Kastanienfroschgrün und Eisfeeblau (immerhin ersparte uns Anna Lapwood die Musik aus »Anna und Elsa«).

… aber bei näherer Betrachtung entdeckt man bereits vor dem Dirigentin und der Solistin zwei unheilvolle Mikrophone, Photo: Dresdner Philharmonie, © Oliver Killig

Wie gesagt – es ist Geschmackssache. Wie bei Erdbeereis, Sauerbraten oder »Swicy food«. Wenn es dransteht, kann jeder wählen, was er mag. Wenn ich aber eine Packung Eis kaufe, auf der »Erdbeere« steht, und dann ist ein Sauerbraten mit Schokoladenglasur drin, bin ich sauer. Braucht die Dresdner Philharmonie einen Nutri-Score für die Programmankündigung?

Dirigent Nicholas Collon tat leider wenig wirklich Vermittelndes und brachte ähnlich belanglose Begrüßungen und Witzchen wie die Solistin. Als das Publikum später bei Carl Nielsen zwischen den Sätzen klatschte, hätte er reagieren können, aber ausgerechnet da unterließ er es. Lili Boulanger zauberhafter, gerade einmal fünf Minuten dauernder Frühlingsmorgen (»D’un matin de printemps«) hätte Aufmerksamkeit verdient statt einer Saalbeleuchtung in synthetischem Grün.

Francis Poulencs Konzert g-Moll für Orgel, Streichorchester und Pauken ist ein eindrucksvolles Stück Musikgeschichte aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg und konnte auch jetzt seine Facetten oder Kontraste ausspielen. Wer sich allerdings an die Aufführung mit Olivier Latry nach der Einweihung der Eule-Orgel erinnerte, ermaß, wieviel mehr Spannung und Ausdruckskraft darin verborgen ist. Mit zwei Zugaben (Kristina Arakelyan und Filmmusik aus »Herr der Ringe«) befriedigte Anna Lapwood ihr Publikum, aber der Eindruck eines Showgirlys blieb. Da hatten andere Organisten (also auch Organistinnen) einen tieferen Eindruck hinterlassen, wie Isabelle Demers an gleicher Stelle im vergangenen Jahr (trotz kanarienbunten Saals).

Zu viel Moderation, zu viel Farblicht: Konzert am 7. Februar im Dresdner Kulturpalast, Photo: Dresdner Philharmonie, © Oliver Killig

Zwischendurch hatte das Orchester Nicholas Collon zu dessen Geburtstag mit einem Ständchen geehrt – eine nette Geste, wären die Umstände nur glücklicher gewesen! Am Ende zog sich das Konzert in die Länge – aus knapp 70 programmierten Minuten wurden zwei und eine viertel Stunde!

Carl Nielsens fünfte Sinfonie konnte den Eindruck, selbst wenn die Moderation jetzt thematisch bezogen war, nicht mehr ausgleichen. Da mochten die Soli wie schon bei Lili Boulanger noch so fein ausfallen und bis zur Trommel (Simon Etzold hatte neben Paukist Paul Buchberger bei Poulenc eine Hauptrolle) gereicht haben. Nielsens in den frühen 1920er Jahren entstandenes Werk hat manche Parallele (ostinate Schlagrhythmen) zu Schostakowitsch oder Ravel, geht ihnen also voraus, hätte man bemerken können, wäre einem nach so viel Sauerbraten mit Schokoladenüberzug nicht übel gewesen …

8. Februar 2026, Wolfram Quellmalz

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