Meinolf Brüser löst das Rätsel um Bachs letzte Fuge – oder stellt er es nur neu?
Der Buchtitel »Es ist alles Windhauch« scheint wie eine Provokation, denn wer am Denkmal Bach sägt (oder ihm etwas hinzufügt), wer eine Legende korrigiert (oder demontiert), der kann auch damit rechnen (oder hofft darauf), einen Sturm der Entrüstung zu ernten. Dann sollte sich allerdings eine fachlich orientierte Diskussion anschließen.
Ob Meinolf Brüser das eine gewollt oder das andere gehofft hat, sei zunächst dahingestellt. Sicher ist, daß sich der gelernte Jurist und Strafrichter (im Amt) aus Interesse in den Musikwissenschaften erst verfangen hat und dann nicht mehr loskam. Vor allem von einem nicht: Johann Sebastian Bach. Am Dienstag stellte er im Dresdner Marcolini-Palais, in dem sonst um diese Zeit Barockmusik erklingt, sein Buch »Es ist alles Windhauch«, in dem er seine Forschungsergebnisse zu Johann Sebastian Bachs letztem Blatt der Kunst der Fuge zusammenfaßt, vor.
Die Auseinandersetzung mit den Musikwissenschaften geschah gar nicht so nebenher, sondern an der Schola Cantorum Baseliensis und beim Bach-Forscher Jean-Claude Zehnder, mit Bachs Motetten als einem Ausgangspunkt.
Nun wandte Meinolf Brüser besonders Interesse der Kunst der Fuge zu, einer Sammlung von Fugen und Kanons, die nicht nur zum Vermächtnis des Thomaskantors gehört, sondern bald nach dessen Ableben eine Überhöhung erfuhr. Wesentlich beigetragen hat neben Bachs Biographen Carl Philipp Emanuel, der zweite Sohn und in der Bedeutung als Komponist ihm am dichtesten folgende. Schließlich wußte er – meinte man doch – vieles aus erster Hand.
Doch sein erst viele Jahre später auf dem letzten Blatt der Kunst der Fuge eingefügter Zusatz »NB Ueber dieser Fuge, wo der Nahme BACH im Contrasubject angebracht worden, ist der Verfaßer gestorben«, der auch in einer »Nachricht« (Vorwort) des Druckes Niederschlag fand, ist Legende, die Bachforschung hatte schon seit Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts Zweifel an der Darstellung. Der Choral zum Beispiel, den Bach angeblich nur noch diktierten konnte, existiert ebenso in einer noch von Bach vorbereiteten Druckfassung wie in einer (spätere entstandenen) Überarbeitung.
Bisher existieren zwei Deutungsansätze zur letzten, abgebrochenen Fuge: die einen Musikwissenschaftler sagen, Bach habe die Arbeit wegen seines Gesundheitszustandes unterbrochen und dann keine Möglichkeit mehr gehabt, sie wieder aufzunehmen. Andere vermuten, Bach habe, weil er sah, daß er diese Fuge auf dem Blatt nicht zu Ende bringen konnte, ein neues verwendet. Das »Fragment x« sei notiert, aber verloren.
Meinolf Brüser zieht diese Gedanken in Zweifel, wobei er sich nebenbei über manche methodischen Mängel der Musikwissenschaft wundert, und reklamiert für sich, daß Juristen doch wie Historiker damit befaßt wären, festzustellen, was geschehen ist.
Das mag zunächst anmaßend klingen, doch die von ihm gefundenen Indizien ergeben nicht nur eine »Kette«, sondern eine glaubhafte Basis, die belastbar ist. Denn Meinolf Brüser hat – wie die Musikwissenschaftler – Bachs alphanumerische Verschlüsselungen, Schriftproben, Paginierungen (handschriftliche Seitennumerierungen bzw. Korrekturen derselben durch Bach und seine Herausgeber) oder die Custodes (»Wächter«, die am Ende einer Notenzeile vor dem Wechsel auf die Note verweisen, mit der es weitergeht) berücksichtigt. Ein wesentlicher Ausgangspunkt ist für ihn die scheinbar mangelhafte Rastrierung auf dem Notenblatt. Zu Bachs Zeiten kaufte man in der Regel kein Notenpapier, sondern weiße Blätter, auf denen man mit Hilfe eines Stiftes mit fünf Federn und einem Lineal selbst die Notenlinien zog. Auf dem letzten Blatt sind diese Rastrierungen nicht nur mehrfach (unbegründet) neu angesetzt und verzogen, es fehlt in einem der Systeme zudem die Mittellinie, womit es unbrauchbar ist. Ein Fehler?
Meinolf Brüser verweist auf das Et incarnatus est der h-Moll-Messe, Bachs wohl wirklich letztem Notenblatt. Auch dort fehlt der ersten (leeren) Notenzeile unter der Musik die Mittellinie. Für den Musikforscher ein Indiz dafür, daß Bach es genau so wollte. Der Thomaskantor stammte aus einer Zeit, in der das Symbol der Vanitas (nicht nur Vergänglichkeit, ebenso Eitelkeit oder Unvollkommenheit) von großer Bedeutung war. Hat er also vielleicht genau diese Unvollkommenheit mit seinem Werk darstellen wollen? Der Autor kann dazu zahlreiche Belege bis hin zum Bibelzitat auf der Rückseite des Blattes beifügen, das sich ebenfalls auf einen Vanitasabschnitt bezieht. Am Dienstag spielte er die an sich gegebene Vollkommenheit der letzten Fuge mit dem B-A-C-H-Motivs selbst auf dem Klavier.
Ob seine Meinung »richtiger« ist, darf nicht nur, es sollte diskutiert werden. Zunächst hält das Buch »Es ist alles Windhauch« für den interessierten Leser das, was der Verlag verspricht – die Spannung eines Krimis.
11. Februar 2026, Wolfram Quellmalz
