Don Giovanni berauscht das Publikum

Wiederaufnahme an der Semperoper unter der Leitung von Giulio Cilona wird zum musikalischen Fest

Selten erweisen sich Wiederaufnahmen als solche Glücksfälle wie Wolfgang Amadé Mozarts »Don Giovanni« in der Inszenierung von Andreas Kriegenburg an der Semperoper in Dresden. Dabei überzeugt die Besetzung nicht nur bei den Sängern, zu denen der kürzlich beim Tenor-Viñas-Gesangswettbewerb ausgezeichnete Vladyslav Buialskyi gehört, sondern auch im Dirigat.

Don Juan oder Don Giovanni – unzählige Adaptionen gibt es von dem Stoff; Molière, Goldoni, Gluck, E. T. A. Hoffmann, Lord Byron, Alexander Puschkin und Richard Strauss gehören zu den berühmtesten. Da wundert es schon, daß die Vorstellung am Sonnabend erst die 24. seit der Premiere am 12. Juni 2016 war – wenig im Vergleich mit »Zauberflöte« oder »Figaro«!

DAS STÜCK

Don Giovanni genießt das Leben, läßt aber die anderen auch daran teilhaben – die Frauen, mit denen er Amouren pflegt (oder sie zu einem Stelldichein überredet) wie seinen Diener Leporello, der alles mitmachen muß – er verführt sie alle, zieht sie mit hinein. Das grenzt nicht nur ans amoralische, das übertritt oft mehr als nur die Barriere der Schicklichkeit. Mit Donna Anna »treibt« er es besonders schlimm, ist sie doch bereits mit Don Ottavio verlobt. Als ihr Vater Don Giovanni stellt, kommt es zum Zweikampf, in dem der Komtur getötet wird. Spätestens dieser Mord oder (juristisch vielleicht treffender) Totschlag hätte Don Giovanni zur Besinnung bringen müssen, doch das Gegenteil ist der Fall – er versucht sogar, Zerline auf ihrer Hochzeit zu verführen!

Versteckspiel und Eifersucht, aber der Sünder ist gar nicht da ((hier die Premierenbesetzung von 2016): Donna Elvira (Aga Mikolaj), Zerlina (Christina Bock), Don Ottavio (Peter Sonn), Leporello (Guido Loconsolo), Donna Anna (Maria Bengtsson) und Masetto (Evan Hughes), Photo: Sächsische Staatsoper, © David Baltzer

Da mögen Don Giovannis Feste noch so fröhlich (?) oder bacchantisch sein – die Zahl derer, die ihm widerstehen oder sich rächen wollen, steigt. Auch Leporello ist seines Herrn, zumindest seiner Marotten, längst überdrüssig. Gerichtet wird Don Giovanni aber schließlich vom Komtur, der – von Don Giovanni verhöhnt aus dem Grabe steigt und den Verführer seinem gerechten (?) Ende zuführt. Ob es aber ein »Höllensturz« ist oder nicht, ob (daß) Don Giovanni nicht doch eine liebens-, begehrenswerte Seite besitzt, ist unzweifelhaft und öffnet so viele Sichtweisen wie Interpretationsansätze.

DIE INSZENIERUNG

Andreas Kriegenburg gehört vielleicht zu denen, die Don Giovannis eher überführen und bestrafen wollen. Schon vor Beginn stehen Leporellos Gedanken »Tag und Nacht schufte ich für einen, der es gar nicht würdigt« auf den Texttafeln über der Bühne. Und auch Don Giovannis Ende läßt mit feurigem Rotlicht wenig andere als Höllenassoziationen zu. Das Bühnenbild (Harald Thor) schafft vor allem Spielräume. Manches wirkt modern, zeigt eine Großstadt und Flachbildschirme, das Palais des Edelmanns erinnert an den Verfall und ist – wie der Friedhof – weniger konkret. Die Kostüme von Tanja Hofmann führen wiederum eher in unsere Zeit als ins Rokoko. Die Spielräume werden dennoch vor allem von der Aktion und nicht von der Dekoration belebt, wenn Tafeln und Kisten gedreht werden – alles bleibt im Spiel.

Unbelehrbar oder ein Held? Don Giovanni (Lucas Meachem), Sächsischer Staatsopernchor / Komparserie, Photo: Sächsische Staatsoper, © David Baltzer

DIE AUFFÜHRUNG

Don Giovannis ambivalente Figur, die Leidenschaft und Gefahr wurden zur Wiederaufnahme bereits in der Ouvertüre deutlich, in der Giulio Cilona übergangslos eine erregende, verführerische Szene schuf, in der man das höllisch Knistern bereits hören konnte. Da wurde das Publikum nicht mit ein paar Motiven auf die folgende Musik eingestimmt, hier wurde sofort eine Stimmung aufbereitet, spannend, prickelnd und geschärft!

Das Niveau verstand Giulio Cilona glänzend zu halten und sorgte für eine höchst lebendige vibrierende Mozart-Interpretation. Das galt nicht nur für die immer wieder herrlich tönenden Hörner der Sächsischen Staatskapelle oder die zu den Arien Donna Elviras perlenden Klarinette – hier war die Bühnenmusik besonders wichtig, schließlich sorgte sie nicht nur für instrumentales Extra durch die Kapelle, sondern staffierte im direkten szenischen Bezug Don Giovannis Party aus, als der Edelmann ein Fest feiern will. Immer mit den Augen auf der Bühne behielt der Dirigent nicht nur den Überblick und den dramaturgisch roten Faden fest zwischen Daumen und Zeigefinger, er führte auch die Sänger, wie man es sich wünscht.

Martina Russomanno (Photo: © Arianna Liperini), Giulio Cilona (© Barbara Rigon) und Tara Erraught (© Kristin Hoebermann)

Diese Spannung hielt nicht zuletzt wegen der ausnahmslos passenden Besetzung: Lucas Meachem war bereits in der ursprünglichen Fassung der Inszenierung als Don Giovanni zu erleben, Tilmann Rönnebeck (Il Commendatore und Komtur) ist ähnlich erfahren. Neven Crnić, Ensemblemitglied der Semperoper, war bereits als Schaunard (»La bohème«) und Leander (»Die Liebe zu den drei Orangen«) an der Semperoper zu erleben und übernimmt in Nino Rotas »Der Florentiner Hut« (Premiere: 31. Mai) die Rolle Beaupertuis‘. Hier bildete er als Leporello ein ungleiches Gespann mit Don Giovanni, der immer wieder die Eskapaden seines Brötchengebers kommentiert. Angesichts der Grabesstimme auf dem Friedhof und des eintretenden Komturs ist Leporello freilich leichenblaß. Er redet noch auf Don Giovanni ein – retten würde er ihn trotz seiner ständigen Übertretungen also doch gerne!

Großartig unterschiedlich gelangen die beiden Hausdebüts von Martina Russomanno (Donna Anna) und Tara Erraught (Donna Elvira), die emotional zwei individuelle Charaktere formten. Im Fall von Tara Erraught war das Hausdebüt im Grunde eine Fortsetzung, denn sie war bereits am Haus mit Proben beschäftigt, als für eine Vorstellung von Poulencs »Les Dialogues des Carmélites« an der Semperoper die Mezzosopranistin der Blanche absagen mußte und Tara Erraught kurzfristig einsprang (unser Bericht: https://neuemusikalischeblaetter.com/2026/02/13/zwischen-glauben-und-revolution/). Als Donna Elvira verkörperte sie eine hinreißende und glühende Leidenschaft, für die sie vom Publikum bejubelt wurde. Donna Anna gleicht in manchem einen Gegenentwurf Donna Elviras – sie ist die strategischere, kühlere Frau, hat allerdings auch die schwereren Verluste zu verzeichnen. In dieser Produktion darf Donna Anna aber ebenso leidenschaftlich werden! Darin folgte ihr Don Ottavio, der sonst oft – immerhin zieht er zumindest vorübergehend gegenüber Don Giovanni den Kürzeren – als etwas langweiliger Verlierer (oder zweiter Sieger) dasteht. James Ley fügte ihm aber nicht nur die Wärme der Liebe zu Donna Anna, sondern noch ein paar Heldeneigenschaften hinzu (unfehlbar ist Don Ottavio trotzdem nicht) und berührte dabei die Regionen des Belcanto.

1. Preises beim 63. Internationalen Gesangswettbewerb »Tenor Viñas«: Vladyslav Buialskyi, Photo: © Sasha Maslov

Doch auch die kleineren Hauptfiguren waren stark besetzt, in denen Vladyslav Buialskyi als Masetto und Valerie Eickhoff als Zerlina ein Rollendebut feierten. Vor allem Valerie Eickhoffs freche Zerlina eifert den großen Donnas nach. Zwischendrin wirbelten die Komparserie und der Sächsische Staatsopernchor herum – dieser »Don Giovanni« ist ein köstliches Vergnügen!

23. Februar 2026, Wolfram Quellmalz

Wieder am 26. Februar sowie 5., 7., 14. und 20. März 2026 in der Semperoper: Wolfgang Amadé Mozart »Don Giovanni«, mit Lucas Meachem (Don Giovanni), Neven Crnić (Leporello), Martina Russomanno (Donna Anna), James Ley (Don Ottavio), Tara Erraught (Donna Elvira), Vladyslav Buialskyi (Masetto), Valerie Eickhoff (Zerlina) und anderen, Musikalische Leitung: Giulio Cilona

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