Ex Silentio Kammerchor in der Dresdner Kreuzkirche
In der Stille geboren – ist das nicht ein guter Start (wer wollte schon im Lärm geboren werden)? Die Stille der Pandemie war der Auslöser für Lukas Alois Roth, 2020 den Ex Silentio Kammerchor zu gründen, und gab ihm außerdem den Namen (deutsch: »aus der Stille«). Mit Sängern aus den Reihen der Dresdner Musikhochschule war er zunächst in studentischen Projekten, bald in Kirchen zu erleben, wie der Matthäuskirche in der Friedrichstadt, war aber in Süddeutschland. Am Sonnabend gestaltete er zum ersten Mal unter der Leitung von Hanjo Laabs die Vesper in der Dresdner Kreuzkirche.
Die Stille aus Ausgangspunkt für Musik ist dem Chor geblieben, was ihn an ausgesprochen lebhaften Darstellungen aber nicht hindert. Wohl deshalb, weil viele Werke die Kraft der Stille in sich tragen, aus ihr geboren werden. Das ließ sich am Programm ablesen, das dem gesprochenen Vaterunser im Rahmen der Liturgie drei vertonte Fassungen hinzufügte.

Das erste kam von Maurice Duruflé, dessen »Notre Père« Opus 14 die Vesper nach dem Einzug eröffnete. Vor dem Sonntag Reminiszere hatte Albert Hübner an der Wegscheider-Orgel für den Einzug andächtige, fast schon Trauermusik ausgewählt, in manchem der folgenden Werke war eine solche in sich gekehrte Ruhe eingeschlossen. Duruflés »Notre Père« gelang bemerkenswert geschlossen.
Mit »Esto les digo« (»Ich sage euch, wenn zwei von euch«) von Kinley Lange blieb der Bezug, hier auf Bibelworte (Matthäus) ebenso wie ein getragener Charakter bestehen. Doch deuteten sich im expressiv angehobenen »ciel« (»Himmel«, auch in der Melodie nach oben) sowie dem Sopran der Schlußzeilen (»da bin ich in eurer Mitte«) bereits an, welche Kraft aus der Stille wachsen kann.
Das hätte vielleicht noch weiter fortgesetzt werden können, doch der Ex Silentio Kammerchor hatte sich bewußt ein vielfältiges Programm zusammengestellt, eines, das viele Länder (Herkunft der Komponisten) und Sprachen verband, wie Pfarrer Holger Milkau anerkennend, ja begeistert begrüßte. So gehört Jerry D. Hamblens »In The Silence of This Moment« zu den Gospelwerken oder Traditionals, stilistisch ein Wagnis, in der Form aber, getragen und fast traurig, eine Variante des Programms.
Vielleicht war Besinnung ein musikalischer Kern, auf den der Ex Silentio Kammerchor abzielte. Mit Giovanni Pierluigi da Palestrinas Kyrie (aus der Missa Papae Marcelli) und seiner berückenden Polyphonie traf er ihn hervorragend! Die Spannkraft zwischen den strahlenden Kyrie- und den innigeren, solistischeren Christe-Zeilen war beeindruckend und enorm.
Insofern absolut folgerichtig, hier statt einer Zäsur eine Pause oder ein Instrumentalwerk folgen zu lassen. Albert Hübner sorgte mit Johann Sebastian Bachs Triosonate G-Dur (BWV 592) für einen fröhlichen Ausgleich, ließ das Grave andächtig klingen.
Danach gab es die nächsten Kehrtwendungen, denn mit Christopher Tins »Baba Yetu«, vom Chor in der Originalsprache Suaheli gesungen, entstand ursprünglich für ein Computerspiel (!). Mit dem Text vom Tenorsolo gegenüber dem Chor und Trommel war es rhythmisch belebend, zudem ist es bereits ein Klassiker der Pop-Kultur, der nicht nur Pfarrer Milkau begeisterte. Nicht zuletzt – es war der Vaterunser-Text, den der Komponist vertont hatte!
Das hätte vielleicht als exotischer Ausflug genügen können, selbst wenn Manoling V. Franciscos »Your heart today« die nächste Sprache und das nächste Urheberland (Philippinen) bedeutete. Trotzdem kam nicht nur der Eindruck einer bunten Beliebigkeit auf, sondern entstand ein widersprüchlicher Kontrast zwischen klassischem und populärem (oder unterhaltendem) Liedgut.

Ob es an diesen Wechseln lag? Die verblüffende Polyphonie, die bei Palestrina noch so begeistert hatte, war verflogen, zumindest geschwächt. Heinrich Schütz‘ »Verleih uns Frieden« (SWV 372), obwohl mit Respekt und Andacht getragen, fehlte die Ausgewogenheit, gerade weil in der Tenor- und Baßgruppe die Solisten gegenüber den übrigen Sängern deutlicher heraustraten.
Mit dem vierten Vaterunser, Giuseppe Verdis Pater noster nach dem Gemeindelied (EG 96 »Du schöner Lebensbaum«), gab es – noch eine neue Sprache – aber wieder eine Steigerung. Verdis opernhafte Dramatik und die Raffinesse der gekreuzten Stimmen (B / S / T / A) sorgte für einen eindrücklichen Abschluß.
1. März 2026, Wolfram Quellmalz
Die Kreuzvesper am kommenden Sonnabend gestalten der Kammerchor der Kreuzkirche Chemnitz (Leitung: Steffen Walther), Kreuzorganist Holger Gehring und Superintendent Christian Behr