Erica Jong »Angst vorm Fliegen«
(zweiter Teil unserer Trilogie der Mutterschaft)
Im vergangenen Jahr hatten wir Erica Jong »Angst vorm Fliegen« auf der Leipziger Buchmesse entdeckt, wo der Titel für den Übersetzerpreis nominiert war. Die Besprechung dort hatte unser Interesse geweckt, das Buch, das bei seinem ersten Erscheinen 1973 spektakulär gewesen war, zu lesen. Jetzt haben wir es im doppelten Sinne nachgeholt.
»Roman« hat der Ecco-Verlag darauf geschrieben, auch Fischer hatte die deutsche Erstausgabe bereits so kategorisiert und (zumindest auf der Taschenbuchausgabe) den Zusatz »Ein erotischer Weltbestseller« hinzugefügt. Doch ein »Roman« ist es nicht, eher eine Selbsterzählung oder ein Therapiebuch. Die Autorin erfindet keine Geschichte, sie erzählt aus ihrem Leben, das mit vier Ehemännern und noch mehr Liebhabern verbunden ist. In vielen Fällen verwendet Erica Jong Klarnamen, in manchen sind sie entweder verändert oder unsicher, ob der Betreffende so heißt oder ob es sich um ein Pseudonym handelt.
Leseprobe:
Als Frau aufgewachsen in Amerika. Was für eine Zumutung! Die Ohren voll von Kosmetikwerbung, Lovesongs, Kummerkästen, Horoskopen, Hollywood-Klatsch und moralischen Fragestellungen auf dem Niveau von Fernsehseifenopern. Was berieselt dich die Werbung nicht mit Litaneien auf das gute Leben! Was für merkwürdige Katechismen!
Doch dem Leser (zumindest dem Rezensenten) vergeht schnell die Lust, herauszufinden, wer sich hinter einem (echten?) Namen verbirgt. Denn auf den 528 Seiten in einem zynischen Grundton häufen sich bloßstellende und schmuddelige Darstellungen. Die Lust oder Freude an seitenweißen Schilderungen des unterschiedlichen »Scheißens« teilt wohl nicht jeder.
Erica Jong hat bewußt eine provokante Sprache eingesetzt, verwendet für ihren Aufenthalt 1966 bis 1969 in Heidelberg den Begriff »Großdeutschland« und nimmt sich als geborene Jüdin die Freiheit, Judenwitze zu erzählen und verbindet Attribute von Sex (bzw. Verhütung) und Religion, wenn sie von der »Kippa meines Diaphragmas« spricht. Das hätte für sich noch (s)einen Reiz, aber die Überflutung an peinlichen und Fäkalschilderungen wirkt abstoßend. Leidenschaft ist bei Erica Jong weniger mit Begehren behaftet, sondern wird, permanent mit »Vögeln« substituiert, von einem pathologischen oder neurotischen Anschein durchdrungen.
Stimmt schon, dachte ich, manchmal hätte ich tatsächlich gerne ein Kind. Ein sehr kluges und geistreiches kleines Mädchen, das antrat, die Frau zu werden, die ich niemals würde sein können. Ein ganz selbständiges kleines Mädchen ohne Narben im Hirn oder in der Psyche. Ohne arschkriecherische Unterwürfigkeit und ohne heuchlerische Verführungskunst. Ein kleines Mädchen, das sagte, was es dachte, und dachte, was es sagte. Ein kleines Mädchen, das weder zickig noch unaufrichtig wäre, da es weder seine Mutter hasste nicht sich selbst.
Die Frage Mutterschaft liegt hier umgekehrt: die Erzählerin verweigert sich der Rolle, während ihre Schwester das »gute Kind« in der Familie ist – sie brachte einen vorzeigbaren Schwiegersohn ins Haus, mit dem sie bereits mehrere Kinder hat und darin ihre Erfüllung findet, was sie der verweigernden Schwester bei jedem Familienfest erzählt und vorlebt – konfliktreich!
Ich war mein ganzes Leben lang Feministin gewesen (meine »Radikalisierung« datierte zurück auf jene Nacht im Jahr 1955 in der IRT-Subway, als der beknackte Horace-Mann-Jünger, mit dem ich ein Date hatte, mich fragte, ob ich beabsichtigte, Sekretärin zu werden), aber die große Frage war, wie Feminismus und unstillbare Lust auf männliche Körper unter einen Hut zu bringen waren. Es war nicht leicht. Außerdem wurde einer Frau mit zunehmendem Alter ja immer klarer, dass Männer im Prinzip einfach Angst vor Frauen hatten. Manchmal heimlich, andere ganz offen. Was war bitterer als eine emanzipierte Frau vis-à-vis einem Schlappschwanz? Die größten Probleme der Geschichte verblassten verglichen mit diesen beiden Urobjekten: der ewigen Frau und dem ewigen Schlappschwanz.
Das neue, spektakuläre und revolutionäre von 1973 ist vorbei – warum also überhaupt neu übersetzen? Das Buch von damals hat ja seine Berechtigung und bleibt als historisches Dokument erhalten, aber was sagt uns die Neuübersetzung von 2024 wirklich neu, was ist anders? Daß Lilian Peter hier und da eine gemilderte Gendersprache pflegt und die weibliche Form nachschiebt (wie bei »Juden und Jüdinnen«, Kai Molvig hatte sich in der deutschen Erstausgabe Ausgabe von 1976 noch mit »Juden« begnügt) statt sie voranzusetzen wie in der Höflichkeitsform (»Sehr geehrte Damen und Herren«)? Die Erzählerin der deutschen Ausgabe fragt sich, ob sie eine »Ehebrecherin und ein Feigling (eine Feiglingin)« sei. Im Englischen, wo es kein grammatisches Geschlecht gibt, heißt es original: »That made me an adultress and a coward (cowardess?)« (cowardess = Feigheit). Interessanterweise hat bereits Kai Molvig die »Feiglingin« verwendet – das also ist zum Beispiel nicht neu.

März 2026, Wolfram Quellmalz