Rahmenprogramm der SLUB fällt aus dem Rahmen
Die aktuelle Ausstellung der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) »Kein Freischütz für Dresden« wurde im Rahmen des Begleitprogramms am Donnerstag noch einmal übertroffen. »Wieder kein Freischütz für Dresden« hätte es heißen können, aber es gab Carl Maria von Webers Singspiel »Abu Hassan«. Keine Oper also, sondern ein komödiantisches Theater mit Musikeinlagen, 1811 im Münchner Residenztheater uraufgeführt. Es wird heute weit weniger gespielt als Webers »Freischütz«, aber diesmal wollten es alle erleben, und so war der Klemperer-Saal der SLUB bis auf den letzten Platz besetzt. (Freitag gab es weitere Vorstellungen auch im Rahmen von Schulveranstaltungen in den Technischen Sammlungen.)

Daß »Abu Hassan« so wenig gespielt wird, liegt nicht an Webers Musik, im Gegenteil – die Overtüre gehört zu seinen bekanntesten Kompositionen und ist insofern ein guter »Fänger«. Das Barockensemble »opéra en miniature« erweckte darin mit allerlei Schellenklingeln sogleich orientalisches Kolorit, denn die Geschichte von »Abu Hassan« spielt in Bagdad: Abu Hassan und seine Frau Fatime leben nur noch von Wasser und Brot, haben aber jede Menge Schulden und ungeduldige Gläubiger. Ein reicher Geldwechsler, Omar, ist in Fatime verliebt, was man ausnützen könnte, aber noch »besser« ist die Idee, daß Abu Hassan und Fatime wechselseitig zum Kalifen bzw. dessen Frau Zobeide gehen und den Tod des Gatten vortäuschen, um jeweils ein Geldsäckchen zur Tilgung der Bestattungskosten zu erschwindeln. Das gelingt ihnen zwar, nur ist der Plan nicht bis zum Ende durchdacht, denn – wie soll das ganze ausgehen?

Das Singspiel hat die »opéra en miniature« musikalisch wie mit Wortwitz köstlich ausgeschmückt. Die von Katrin Meingast (Violoncello und Projektleitung) und Christopher Teichner (Musikalische Leitung und Hammerflügel) ins Leben gerufene Vorstellung konnte gerade mit der exotischen Vielfarbigkeit gefallen, dazu waren mit Dorothea Wagner (Sopran / Fatime), Kyle Fearson-Wilson (Tenor / Abu Hassan) und Wolf-Dieter Gööck (Baß / Omar und Sprecher) Akteure eingebunden, die man von anderen geist- und humorvollen Opernadaptionen (zum Beispiel Serkowitzer Volksoper) kennt.

Aktionsmittelpunkt war aber Puppenspielerin Cornelia Fritzsche, die alle Figuren auf einer kleinen Puppentheaterbühne darstellte. Ihr Krokodil agierte als Sprecher, Operndirektor, Souffleur und Abenddienstleiter, stellte zeitliche Bezüge her und sicherte den Ablauf. Nebst weiteren Erzählerrollen brauchte Cornelia Fritzsche dazu mehr als sechs unterschiedliche Stimmen, die gern in den Dialekt fielen, und sorgte für Amüsement, wenn etwa das Krokodil den Vorwurf, es würde beim Reden spucken, mit der Erklärung, ihm fehle oben links eine Brücke, das müsse man in Dresden doch verstehen, parierte. Oder wenn es einem verirrten Chinesen, der Turandot suchte, erklärte, daß er in Bagdad gelandet sei. Er kam nicht von ungefähr – Carl Maria von Weber hatte bereits 1809 eine Schauspielmusik zu Schillers Turandot-Fassung geschrieben.

Glücklicherweise verließ sich die »opéra en miniature« nicht auf ein paar Kalauer und vermied naserümpfende Kommentare zur Orientalismusbegeisterung bzw. Mode der »Türkischen Opern« der Zeit, sondern verflocht die historische (wiewohl völlig unglaubwürdige) Geschichte mit unseren Erfahrungen und den passenden Randkommentaren.
Auf die Dosis kam es an, denn eine gute Stunde Übertreibung hätte das Publikum irgendwann ermüdet. So waren die Liebeserklärungen Abu Hassans (Liebesarie) leidenschaftlich platziert, Dorothea Wagner bewies mehrfach, daß sie im Spiel zwischen echter Hingabe und effektvoll überzogener Darstellung (Jammer-Arie der »trauernden« Fatime) balancieren kann. Kleine Ensembleszenen bis zum Terzett mit Wolf-Dieter Gööck malten die Situationen kräftig aus. Nebenbei zeigte das Tränenduett von Abu Hassan und Fatime: man muß sich zuerst selbst von einer Lüge überzeugen!

Das flexible Orchester, dessen Hammerklavier nach Laute klang, wenn das Instrument im Text benannt wurde, oder die Schläge Omars an die Kellertür, als Fatime ihm einen Streich spielte und ihn einsperrte, illustrierte, machte mit dem Projektchor (Heer der Gläubiger) und der wandlungsfähigen Puppenspielerin »Abu Hassan« zu einem einmaligen Erlebnis!
27. Februar 2026, Wolfram Quellmalz
Weitere Aufführungen gibt es leider nicht, aber die Ausstellung der SLUB ist noch bis zum 6. Juni im Buchmuseum der SLUB zu sehen (Öffnungszeiten: Montag bis Sonnabend, 12:00 bis 18:00 Uhr)
Puppenspielerin: