Orgel der Dresdner Kreuzkirche »schweigt« bis Ostern
Was muß man an einer Orgel eigentlich pflegen, damit sie spielt? Schließlich bläst durch die Pfeifen doch nur Wind, da geht nichts kaputt. Ab und zu also die Tastatur reinigen, Filze wechseln, die Glühbirne am Notenpult gegen eine LED-Leuchte tauschen – genügt das?

Eine Weile schon, aber nicht auf längere Sicht. Im Laufe der Jahre lagert sich Staub ab, fallen Insekten in die Pfeifen, was allein schon den Klang beeinflussen kann (er wird matter). Viel wichtiger ist aber, daß die Bedienbarkeit noch von anderen Dingen abhängt. Und daß sich manches äußerliche im Laufe der Zeit ändert. So gab es für die Elektronik der Jehmlich-Orgel in der Dresdner Kreuzkirche USB-Sticks, mit denen Organisten ähnlich einem Autoschlüssel ihren Zugang freischalten und zum Beispiel individuell ausgewählte Register für den nächsten Gottesdienst speichern konnten. Doch diese USB-Sticks funktionieren schon lange nicht mehr, weil die Steuerung hinter dem Stand der Technik nicht nur in Sachen Speichermedium zurückliegt.
Alle zwanzig bis dreißig Jahre ist bei einer Orgel eine Generalsanierung fällig, um den Bestand zu erhalten und die Umgebung anzupassen. Das geschieht derzeit in der Dresdner Kreuzkirche. Kostenpunkt der Sanierung und Teilreinigung: 185.000 Euro. Die letzte derartige Maßnahme gab es zwischen 2005 und 2008. Dabei wird jetzt manches nachgeholt, was damals ausgespart blieb. Zum Beispiel werden die sogenannten »Bombarden«, die größten Prospektpfeifen, nicht nur herausgenommen und gereinigt, gleichzeitig wird ihre Halterung so umgebaut, daß man sie künftig von innen anheben und ausbauen kann. Auf ein Gerüst könnte man dann verzichten.

Das war jetzt noch nicht möglich und nicht ganz einfach: Zunächst mußte vor der Empore ein Hilfsgerüst aufgebaut werden, um das eigentliche Gerüst, auf dem die Sanierung stattfinden soll, aufzurichten. Eine knifflige Zielstellung: einerseits muß es wegen des Arbeitsschutzes so dicht wie möglich an der Orgel stehen, andererseits werden Spalte benötigt, um zum Beispiel Pfeifen durchreichen zu können – bitte ohne anzuschlagen!
Orgelbauer Thomas Bartsch ist froh, daß er mit der Spezial-Gerüstbau Hein GmbH aus Bischofswerda Spezialisten vor Ort hat, die mit kulturellem Erbe umzugehen wissen – sie arbeiten häufig an Kirchen, Klöstern und historischen Gebäuden.

Derzeit sieht es in der Orgel aus wie in einer Werkstatt, was sie ja auch ist: ausgebaute Orgelpfeifen, Werkzeuge, Werkbänke, überall wird gearbeitet. Beim Reinigen wurde vor allem eine dicke Schicht Staub beseitigt, Funde wie in Pfeifen gefallene Tiere oder ähnliches gab es nicht.
Beim Sanieren wird es aber schnell kleinteilig bis hin zu den Filzen, welche das Klacken der Registerschalter dämpfen sollen. Sobald man hinter die Register schaut, zeigt sich jede Menge Elektrik und Elektronik. Manche Anpassung ist dann profan, aber erzwungen: ein funktionstüchtiger Trafo muß ausgetauscht werden, weil die vorgeschriebene Prüfspannung heute doppelt so hoch ist wie zur Zeit der letzten Sanierung.

Die unzähligen Drähte der Schalter, die auf Schienen zusammengesteckt werden, aber selbst aus Steckern, Haltern und einem zentralen Steuerelement bestehen, überraschen. Schließlich denkt man bei »Orgel« zunächst an Metalle wie Zink und Blei sowie an Holz. Doch Thomas Bartsch, der an der Jehmlich-Orgel schon 1982 die Elektrifizierung der Koppeln (Spielhilfen, die Tasten der Manuale oder Manual und Pedal verbinden) eingerichtet hat, klärt auf: seit in den 1920er Jahren elektrische Spieltische Einzug gehalten haben, gehört die Elektrik zu den Gewerken des Orgelbaus.
Schon vor Jahrzehnten wurden Orgeln mit einem Rechner oder Speicher verbunden. Die Jehmlich-Orgel hatte 999 Plätze auf dem sogenannten Setzer, auf denen Registerkombinationen programmiert werden konnten. Das wird nun deutlich mehr, vor allem können sie wieder geschützt werden, so daß ein Spieler nicht versehentlich die Vorbereitung eines anderen löscht. Eine MIDI-Schnittstelle wird es erlauben, die Orgel mit elektronischen Instrumenten zu verbinden, über eine App ist es einer Person dann auch möglich, die Intonation allein einzurichten. Man kann also künftig auf einen »Tastenhalter« verzichten und mit Hörabstand im Raum arbeiten. Außerdem kann Musik, etwa Improvisationen, direkt auf einen Rechner übertragen werden – es gibt mittlerweile Apps, die gleich die entsprechenden Noten aufschreiben.

Zum Spielen braucht die Orgel außerdem Luft, deren Antriebe ebenfalls saniert werden. Der Orgelbauer spricht übrigens nicht von »Luftdruck«, sondern »Wind«. Bei der Jehmlich-Orgel liegt er zwischen 85 und 110 mmWS (Millimeter Wassersäule), wobei 100 mmWS etwa 0,0098 bar entspricht – wahrlich kein »Druck«!
Zum Stimmen verrät Thomas Bartsch: Labialpfeifen funktionieren im Grunde wie eine Blockflöte und sind temperaturempfindlich. Je höher die Raumtemperatur steigt, desto höher klingen sie. Sie zu stimmen hieße allerdings, sie mechanisch zu verformen. Auch wenn dies geringfügig wäre, vermeidet man es. Zungenpfeifen dagegen reagieren auf die Raumtemperatur nicht, lassen sich aber leicht und ohne Beeinträchtigung des Materials stimmen. Beim »Stimmen« im Sinne der Temperaturanpassung werden genaugenommen oft die Zungenpfeifen so verstimmt, daß die Gesamtintonation der Orgel paßt.

Für die Osterfeierlichkeiten soll alles fertig sein. Auch die Gerüste sind, wenn zur Matthäus-Passion eine ausverkaufte Kirche erwartet wird, abgebaut. Vieles ist dann – vor allem innerlich – neuer, besser oder komfortabler. Nur eines soll bleiben: der gewohnte Klang der Jehmlich-Orgel.
Februar 2026, Wolfram Quellmalz