Sir James MacMillan als Komponist und Dirigent mit Chören bei der Dresdner Philharmonie
Die Zusammenarbeit der Dresdner Philharmonie mit ihrem gegenwärtigen Composer in Residence Sir James MacMillan war bisher schon vielseitig und fruchtbar. Eine Sinfonie, Konzertstücke und Kammermusik sind erklungen. Am Wochenende war der Schotte nicht nur anwesend, sondern übernahm für ein Chorprogramm mit eigenen Werken erstmalig das Dirigentenpult. Wenn Chöre beteiligt sind, diesmal fünf, ist das Interesse immer besonders hoch – die Dresdner Philharmonie durfte sich über zwei gut besuchte Konzerte freuen. Die Fruchtbarkeit der Zusammenarbeit hat aber bereits weitere Blütenknospen angesetzt: Sir James MacMillan ist auch in der kommenden Spielzeit Composer in Residence. Dann steht unter anderem die Deutsche Erstaufführung seiner sechsten Sinfonie auf dem Programm (28. April im Rahmen der Feier »10 Jahre neuer Kulturpalast«).

Nach dem British Festival im November wurde es am Wochenende noch einmal zu einem großen Teil britisch, was ein paar Brücken von und nach der Insel einschließt. Arvo Pärt hatte mit »Cantus in Memory of Benjamin Britten« auf den Tod des verehrten Kollegen reagiert. Mag man der kompositorischen Methode Pärts oder Minimal music generell skeptisch gegenüberstehen – er hat einen unverwechselbaren Personalstil, der schon mit den ersten Streicherakkorden hervortrat.
Die Dresdner Philharmonie hatte an diesem Abend aber noch weitaus mehr Gestaltungsräume auszufüllen. Und man darf anerkennen, daß die Werke von James MacMillan auf bereichernde Weise dazugehörten. Die Motette »Os mutorum« (Mund der Stummen, Licht der Blinden), deren zwei Sopranstimmen der Philharmonische Kinderchor Dresden übernahm, stellte im Gegenüber der Harfe einen ruhigen Gebetsfluß dar, dessen alte, überlieferten Tonalität ausgesprochen berührend wirkte. Da störte der anerkennende Applaus beinahe – dieses Werk würde man gern einmal im Hall eines großen Kirchenschiffs hören! Ähnliches läßt sich über das Antiphon »Ecce sacerdos magnus« sagen. Sir James hat es für »gleiche Stimmen«, zwei Trompeten und Orgel notiert. Während die Stimmen fast auf Ebenen mit geringen tonalen Unterschieden verharrten, entstanden die Kontraste des Antiphons durch ihren Wechsel sowie die dazwischen »rufenden« Trompeten, während die Orgel für ein sakrales Klanggewand sorgte. Der Kinderchor ließ die an sich »stehenden« Textzeilen farbig leuchten, die Orgel (Robin Gaede) setzte oft sanfte Akzente der Dynamik.
Mit der Sinfonia da Requiem von Benjamin Britten zeigte die Philharmonie, daß sie ebenso Akzente bzw. Kontraste gestalten wie ein »Gewand« weben kann. Überhaupt schien es, daß James MacMillan Instrumentengruppen und Solisten wie einen Chor oder ein Orgelplenum klingen ließ. Trotzdem arbeitete er auch die rhythmische Struktur fein heraus und betonte nicht einseitig Soli der Schlagwerke. Das Requiem ist nicht mit einem Chor besetzt, dennoch »hörte« man immer wieder gesungene Stimmen. Das galt für den »Chor« der Violoncelli ebenso wie für das Saxophon (Friedemann Seidlitz). Flöten und Hörner unterstrichen die Hoffnungszeichen im »Dona nobis pacem«.
Gegen so weit aufgespannte tonale Gestaltungskraft und im Vergleich zum bekannten Original mußte Knut Nystedts »Immortal Bach« das Publikum zunächst erobern. Das »Komm süßer Tod« (ursprünglich BWV 478) für Chor a cappella wurde vom Philharmonischen Chor Dresden und dem Männerkammerchor ffortissibros präsentiert, die mit stehenden Silben und Schwebung sogleich für eine neue Klangwirkung sorgten. Um den Chorus 116 und den Kammerchor des Universitätschores Dresden erweitert kamen sie – nun wieder von der Dresdner Philharmonie begleitet – zurück zu Arvo Pärt. »Da pacem Domine« gehört zu dessen bekanntesten Kompositionen, schloß fast unmittelbar an den »Cantus in Memory of Benjamin Britten« an, doch hatten die vereinten Chöre hier viel Gelegenheit zu einer kraftvollen Gestaltung. James MacMillan als erfahrener Chorleiter ließ den Zusammenhang und -klang wachsen, so daß die betonten Worte oder Zeilen eingebunden blieben.
Mit »Cantos sagrados« des Composer in Residence bildete das vielleicht größte Werk den Abschluß. Es verbindet eine Erzählung über die Mißhandlung von Gefangenen und eine bevorstehende Hinrichtung mit religiösen Fragen. Als Teil einer Messe oder Geistliche Lieder treten darin immer wieder Fragen hervor, nach der Schutzpatronin einerseits (Jungfrau von Guadalupe), aber auch, wie Menschen in bestimmten Situationen handeln. Inhaltlich immer wieder um den Tod kreisend ein nicht leicht zu fassendes Werk, schien es gesangliche Homogenität und extreme Effekte (Schläge wie bei Benjamin Britten, expressive Passagen) zu einen. Hochinteressant ließen sich darin viele Symbole, Allegorien, Entsprechungen finden. Mit aufgeteilten Chören, aber auch in Soli – die Flötengruppe (Marianna Julia Żołnacz, Karin Hofmann, Claudia Rose) etwa als »Seele«. Auch dieses Werk wäre es wert, noch einmal in einem sakralen Raum zu erklingen.
10. Mai 2026, Wolfram Quellmalz