Werke, Ehre und Sonnengesang

Kreuzchorvesper zum Sonntag Rogate

Der fünfte Sonntag nach Ostern ist der letzte, bevor mit den Feiertagen (Himmelfahrt und Pfingsten) der Höhepunkt des Osterkreises oder der österlichen Freudenzeit erreicht wird. Danach beginnt die Trinitatiszeit mit gezählten Sonntagen »nach«. Der letzte Sonntag hatte noch einmal einen eigenen Namen: »Rogate«.

Der Dresdner Kreuzchor bezog sich darauf mit Werken, die teils zu den Grundpfeilern seines Repertoires gehören und von Komponisten stammen, die in der Geschichte des Chores größte Wichtigkeit erlangten. Solche Wichtigkeit ergibt sich freilich nicht ad hoc aus einem Werk (und sei es noch so gut), sondern wird durch die Rezeption geprägt. Der Introitus für den Sonntag Rogate von Agnes Ponizil ist also noch nicht eingeordnet. Vielleicht gehört er für Besucher der Kreuzkirche in einhundert, zweihundert oder dreihundert Jahren ebenso selbstverständlich zum Kanon des Dresdner Kreuzchores wie Werke Johann Sebastian Bachs?

Der A-cappellaIntroitus nach Jesaja 48, 20 (»Halleluja! Mit fröhlichem Schall«) und Psalm 95 (»Kommt herzu, laßt uns dem Herrn frohlocken«) setzte zunächst sinnlich wiegen ein, bevor der Text im schlichten Wechsel der Teilchöre eine Steigerung erfuhr und schließlich fast euphorisch in die Schlußformel (»Ehre sei dem Vater«) einbog.

Zwei der wichtigsten Komponisten der Historie, nicht nur für Chormusik oder Musik für Knabenchöre: Heinrich Schütz (Kupferstich, circa 1627) und Andreas Hammerschmidt (Kupferstich mit der Signatur »M. C. K. Z.«, 1646 ), Germanisches Nationalmuseum Nürnberg, Bildquellen: Wikimedia commons

In den folgenden Motetten und Musikalischen Andachten besann sich Kreuzkantor Martin Lehmann mit Heinrich Schütz‘ »Die Himmel erzählen die Ehre Gottes« (Geistliche Chormusik SWV 386) und Andreas Hammerschmidts »Der Herr ist mein Hirte« (HaWV 290) erneut auf die Historie des Kreuzchores. Nun vom Dresden Consort um Sebastian Knebel begleitet, wurden die Zeilen bei Schütz erst im Wechsel der Knaben- und der Männerstimmen, dann gemeinsam vorgetragen, wozu auch der Basso continuo in dieser Klanglichkeit mitwuchs. Die harmonische Ausgeglichenheit beflügelte den Text sozusagen und sorgte bei Hammerschmidt für einen noch größeren Eindruck der Konzentration und Ruhe. Das vielstimmige Lob wurde mit dem Cantico delle creature (Sonnengesang) von Petr Eben, nun wieder a cappella, nochmals gesteigert.

Hatten die Verständlichkeit und Homogenität des Chores bisher wieder beeindruckt, kam nun eine weitere Facette in der aktuellen Qualität der Kruzianer dazu, denn in den folgenden Titeln traten immer wieder Solisten auf, wie in Andreas Hammerschmidts »Kommet her und schauet an die Werk Gottes« (HaWV 286), das im Wechsel von Tenor, Baß und Chor zu einem Höhepunkt der Vesper wurde und den Sonntag Rogate zu überhöhen schien. Nicht die Schönheit allein war es, die im Publikum hier und da ein versteckte »Bravo« oder »großartig« verlauten ließ, sondern die Spannung, die dem Werk innewohnte.

Auf solche Schönheit, aber auch eine andere (in diesem Fall der Ballett-Premiere »Parts and Pieces« im Kleinen Haus am Tag zuvor) bezog sich Superintendent Christian Behr in seinem Wort zum Sonntag und lenkte die Gedanken darauf, daß man solches nicht in jedem Fall und in allen Details verstehen müsse – das Staunen sei oft wesentlich und verstecke sich manchmal wieder im Detail oder der Übertragung eines Gedichtes, wie dem deutschen Text zu Petr Ebens »Sonnengesang«, der aus Gründen von Rhythmik, Form, Versmaß (oder weshalb auch immer) die ursprüngliche Zuweisung des Lateinischen zum Beispiel in »Bruder Sonne« und »Schwester Mond« (im Deutschen ist es ja eigentlich umgekehrt) beibehalten habe.

Wolfram Hoppe ließ danach Staunen, wie weit sich die Variationen in Hans Peter Türks In honorem Honteri voneinander entfernen. Der 1940 geborene Komponist hat sich auf den Iambicum trimetrum aus den »Odae cum harmoniis« des siebenbürgischen Reformators Johannes Honterus von 1548 bezogen, doch sind seine Variationen nicht nur Charakterfiguren oder metrische Spielereien, sie wuchsen auf der Jehmlich-Orgel zu fast eigenständigen, sehr modernen und expressiven Stücken.

In »Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen« (SWV 290) von Heinrich Schütz präsentierten sich erneut zwei Solisten (Valentin Anwand / Sopran und Fabian Anwand / Baß). Diesmal allerdings (wieder) ganz auf sich gestellt, ohne Chor und Dirigenten, nur vom Dresden Consort begleitet. Zwar hatten beide ihre Notenmappe vor sich, wirkten aber frei und sicher!

Der gesamte Kreuzchor verlieh Felix Mendelssohns Motette »Warum toben die Heiden« einen beinahe feurigen Charakter und illustrierte damit nicht nur das Toben reich, bevor noch einmal ein Knabentrio in der englischen Volksweise »This is my father’s world« (Satz: Ēriks Ešenvalds) einen feierlichen Schlußpunkt setzte.

10. Mai 2026, Wolfram Quellmalz

Am kommenden Sonnabend gestaltet das collegium vocale Stuttgart die Kreuzvesper mit Werken von Luca Marenzio, Carlo Gesualdo und Leonhard Lechner, Leitung: Sebastian Herrmann, Continuoorgel: Anna Scholl, An der großen Jehmlich-Orgel: Manuel Rotter, Liturg: Pfarrer Holger Milkau

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