Trauer, Angst und Freude in Wiegenliedern
Was ist ein »Ruf in die Zukunft«? Das klingt zunächst wie ein Auftrag an die nächste Generation, die nächsten Generationen – das kann vieles bedeuten. Der Ensemblename »echo_von_nichts« wiederum scheint beinahe das Gegenteil von vielem zu sagen.
Es sind zunächst einmal Wiegenlieder, welche die beiden Initiatorinnen Ingala Fortagne und Pina Rücker zusammengetragen haben. Denn ein Wiegenlied, für das Kind gesungen, ist ja so etwas wie ein Ruf oder Wunsch, eine Empfehlung für das Leben. Es sagt außerdem viel über die Ängste und Nöte der Eltern aus.
Immer wieder streifte das Projekt in der Vergangenheit historische Daten, wie Ingala Fortagne und Pina Rücker am Donnerstag in der Blauen Fabrik in der Dresdner Neustadt erzählten. So habe ihr erstes Gespräch mit einer Agentur zum »Ruf in die Zukunft« an jenem 24. Februar stattgefunden, an dem Rußland in die Ukraine einmarschierte. Auch der Überfall in Israel am 7. Oktober fiel in die Zeit. Doch »fallen« Ereignisse wirklich? Der »Ruf in die Zukunft« machte deutlich, daß es nicht zuletzt darum geht, wie man mit Erfahrungen umgeht, wie man sie aufgreift, darauf reagiert, sie erzählt, weitergibt, verarbeitet. Eine spezielle Form von »Wie man in den Wald hineinruft …«

Ingala Fortagne und Pina Rücker konnten ihr Anliegen sehr klar vermitteln, und so wurde deutlich, daß ihr Antrieb seit dem Beginn nicht nachgelassen hat, daß sich das Projekt aber verändert. So wie die Ereignisse, die dazu geführt haben, daß ukrainische, iranische, jüdische Wiegenlieder aufgenommen wurden, wandelt sich die Besetzung des Ensembles – ein höchst lebendiges Projekt!
Aktuell gehören Anna Paulova (Klarinette) und Elena Schoychet (Klavier) dazu. Die Lieder wurden von Ingala Fortagne gesungen, Pina Rücker spielte auf mannigfaltige Art kristalline Tiegel, die Kuppen von Siliziumrohlingen, die bei der Produktion von Halbleiterplatten entstehen. Zurechtgeschnitten schwingen sie mit einem unveränderlichen, klaren Ton. Pina Rücker kann, ähnlich wie bei Porzellanpfeifen oder -glocken, ihr Instrument nicht stimmen, sondern sie muß Schalen der passenden Töne suchen und sammeln. Der Ausdruck ihres Klangs ist höchst verschieden. Leicht angeschlagen kann er an Glocken erinnern, kann sachte schwingen, wenn man an den Tiegeln reibt oder sie mit einem Bogen anstreicht. Sie klingen lang nach und können Akkordschwerpunkte verschieben, und auch das Streichen kann zu einem Glockeneffekt führen.

Diese Klangvielfalt trug zum lebendigen Charakter bei, denn die Wiegenlieder waren ebenso unterschiedlich. Viele hatten einen hebräischen oder jüdischen Hintergrund (das Konzert zählte zum sächsischen Themenjahr Tacheles 2026 / Jahr der jüdischen Kultur in Sachsen), wozu die Klarinette ausgezeichnet paßte. Anna Paulova wußte sie geschmeidig zu spielen und ihre Stimme ebenso zu wandeln wie die der Sängerin. Anna Paulova trug selbst mit zwei Liedern als Komponistin bei und hatte Texte der Dresdner Dichterin Anna Joachimsthal-Schwabe vertont. Sie wies auf das jüdische Leben in Deutschland hin – oft sei der gesellschaftliche Blick auf die Vergangenheit gerichtet, die jüdischen Gemeinden heute, oft in der Mehrzahl aus »Kontingentflüchtlingen« ehemaliger Sowjetrepubliken bestehend, würden eher am Rand wahrgenommen als in der Realität der Gegenwart. Das stimmt natürlich, hängt aber auch mit einem intensiven Prozeß der Auseinandersetzung, einer Vergangenheitsbewältigung, zusammen. Auch die Blaue Fabrik ist ein Ort der Aufarbeitung – am Alten Leipziger Bahnhof bzw. Neustädter Güterbahnhof starteten die Deportationszüge mit Dresdner Juden.
Das Konzert war dennoch nicht von einem belehrenden Duktus oder einer schweren »Botschaft« geprägt, sondern vielmehr von einer belebenden Frische. Die Wiegenlieder haben bereits historisch eine verschiedene Überlieferung, sind von vornherein nicht gleich »gedacht«. So entsprach die jiddische Volksweise »Shlof mayn kind« im Grunde einem Streitgespräch der Eltern, die sich uneins sind, wann die Tochter vermählt werden soll: mit zwölf (sagt die Mutter) oder erst mit 18 – der Vater wollte das Kind wohl etwas länger »im Haus« behalten.

Viele der Wiegenlieder hatten einen erzählenden oder schmeichelnden Charakter, andere, wie die von Bertolt Brecht und Hanns Eisler, erwiesen sich deutlich als Zeitdokumente – was die Arbeitermutter an der Wiege klagt, ist keine kindgerechter Mitteilung, sondern eine Abrechnung mit den (Zeit)umständen. Aber es zeigte den Komponisten Eisler auch einmal in einem anderen Zusammenhang, denn er ist oft durch die DDR-Nationalhymne zu stark eingeordnet.
So überwogen die lebendigen, positiven Wünsche und Bezüge oder aufgeschlossenen Übernamen. Gleich zu Beginn hatten »Schlof mayn feygele« (Volksweise galizischer Juden) und Darius Milhauds Berceuse Hébraïque eine solche Brücke geschlagen. Neben weiteren Titeln, unter anderem von Ilse Weber, erzählte ein Auftragswerk des Prager Komponisten Matouš Hejl (»Rauchsäulen«) aus dem Alten Testament (Salomon).
Das aktuelle Konzert war am Freitag in Olbernhau zu erleben, am Wochenende in den Synagogen von Turnov und Déčín. Nach Prag soll das Projekt bald kommen – sicher in einer weiterentwickelten Variante.
8. Mai 2026, Wolfram Quellmalz

Im Internet:
Ingala Fortagne https://www.ingala-fortagne.com/echo-von-nichts
Pina Rücker https://www.pinabettinaruecker.de/