Wie einst im Mai

Tugan Sokhiev und Yefim Bronfman romantisieren mit der Sächsischen Staatskapelle

Wer die Romantik liebt – ein Kernrepertoire der Sächsischen Staatskapelle – der kann im neunten Sinfoniekonzert schwelgen: eine Overtüre Carl Maria von Weber, dazu Robert Schumanns in Dresden uraufgeführtes Klavierkonzert und Johannes Brahms‘ zweite Sinfonie – schöner geht es kaum.

Für diesen konzentrierten romantische Ausflug kamen zwei Musiker wieder einmal nach Dresden, mit denen bereits eine Reihe äußerst positiver Eindrücke verbunden sind: Dirigent Tugan Sokhiev hat seine Meisterschaft bereits mehrfach unter Beweis gestellt, Yefim Bronfman gehört zu jenen ausgesuchten Pianisten, die für eine erlesene Klavierkunst stehen, sich aber leider viel zu rar machen. Darüber hinaus war es ein frühlingshaftes Programm, das rechtzeitig im Mai milde, linde Düfte herbeiholte und musikalisch werden ließ.

Mit Zartgefühl …, Photo: Sächsische Staatskapelle, © Oliver Killig

Tugan Sokhiev zeigte sich von Beginn großzügig, ließ dem Horn in Carl Maria von Webers »Oberon«-Ouvertüre den Vortritt und wob mit einer entgegenkommenden Geste erst die leise Antwort des Orchesters ein. Fallende Holzbläsermotive und ein wachsender Energiestrom der Streicher, am Ende um die Pauke bereichert, sorgten schon jetzt für ein kontrastierendes Gegenüber und eine transparente Darstellung. Diese Transparenz bewahrte sich bis in Brahms‘ sinfonische Ausläufer.

…und Präzision: Tugan Sokhiev im Sinfoniekonzert mit der Sächsischen Staatskapelle Dresden, Photo: Sächsische Staatskapelle, © Oliver Killig

Zunächst sorgte sie aber dafür, die dialogische Durchdringung von Robert Schumanns Klavierkonzert a-Moll nachzuzeichnen, denn dessen instrumentale Zwiegespräche beschränken sich keineswegs auf Fragen und Antworten oder motivische Vorschläge und Kommentare – weitverzweigt laufen die Stimmen von Klavier, Bläsern und Streichern in romantische Gefilde. Dabei hatte diesmal – ganz im Gegensatz zu Weber – alles mit der präzisen Vorgabe eines Taktschlags begonnen.

Solcherart fein herausgeschält, offenbarten sich Bläsersoli wie von Oboe oder Klarinette (Wolfram Große) oft als von einem Consort der Schwesterinstrumente bis zur Baßklarinette umgeben. Statt eines einfachen Prinzips von Rede und Gegenrede zeigten sich darin Reflexe wie in einem Prisma. Trotzdem fielen die Verästelungen nicht zart aus. Die Kadenz steigerte Yefim Bronfman sogar recht dynamisch und setzte ihr die Triller passend auf.

Ausdrucksstarker Poet am Klavier mit Mut zur Kontur: Yefim Bronfman, Photo: Sächsische Staatskapelle, © Oliver Killig

Nach dem Vor-Schlag des Allegro affettuoso wirkte der Beginn des Andante-Intermezzos wie eine Einladung von Tugan Sokhiev. Mit einem Spaziergang im Wald hatte eine berühmte Pianistin den Satz einmal verglichen – er mündete in geläufige, fast übermütige Munterkeit, worin aber weder Pianist noch Orchester die Artikulation vernachlässigten.

Yefim Bronfman bedankte sich mit einer luftigen Paganini-Paraphrase von Franz Liszt (Grandes Études de Paganini Nr. 2) für den Applaus.

Wie Robert Schuman hat auch Johannes Brahms oftmals Satzbezeichnungen um das, was es zu vermeiden gilt, ergänzt. Die ersten drei Sätze der Sinfonie D-Dur (Opus 73) sind mit »Non troppo« (nicht zuviel) bzw. »ma non assai« (aber nicht sehr) beschrieben und es schien zunächst, als führe Brahms Schumanns Gedanken weiter. Wie milder Sonnenschein klangen die um die Violoncelli zentrierten Streicher, die schon bei Schumann satt, aber weich akzentuiert hatten. Mit den Holzbläsern, vor ellem der Flöte (Andreas Kießling) stellte sich eine zunehmende Helle ein, die Blechbläser flochten dies mit Wehmut fort. Tugan Sokhiev blieb dabei, viel von der Kapelle anzunehmen, lieber zu korrigieren und einzurichten, als zu fordern.

Maß genommen: Tugan Sokhiev und die Sächsische Staatskapelle Dresden kennen sich seit langem, Photo: Sächsische Staatskapelle, © Oliver Killig

Das Adagio schimmerte (non troppo) vor allem in den Hörnern, während der dritte Satz (ma non assai) Brahms‘ Art der schönsten, weil gediegensten Scherzo-Umgehung vorführte. Erst im Allegro con spirito gebärdete er sich ungebremst, ohne »non«- oder »ma«-Einschränkung, freilich nachdem auch dieses Allegro heraufdämmern durfte.

Nun brach ein frohgemutes Ungestüm durch dei Musik wie der Frühling durch den Winter – die Transparenz blieb unangetastet, durchhörbar bis in die letzten Bogenspitzen. Mit Maß zur Sonne sozusagen – erfrischend!

4. Mai 2026, Wolfram Quellmalz

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