Die Hölle, der innere Idiot und die Gesellschaft

Alfred Schnittkes Oper »Leben mit einem Idioten« am Theater Magdeburg

Wie kann man nur (so) unsensibel sein! Was auch immer der Anlaß gewesen ist – »Ich« wird bestraft. Nicht nur bestraft, sondern einer Besserungsmaßnahme unterzogen. Weil Ich unsensibel war, muß er einen Idioten bei sich zu Hause aufnehmen. Immerhin hat er die Wahl und braucht keinen »behördlich bestellten« annehmen. Ichs Frau hat diese Wahl nicht – sie muß sich mit den Umständen arrangieren.

ZUR ENTSTEHUNG

Was für manche wie Utopie oder Satire klingt, birgt einen erschreckend hohen Wahrheitsgehalt. Wiktor Jerofejew wurde zwar nicht gezwungen, einen Idioten bei sich aufzunehmen, verlor aber wegen des Vorwurfs »oppositioneller Tätigkeit« seine Stelle als Wissenschaftlicher Mitarbeiter an einem Literaturinstitut in Moskau (Jahre später wurde er rehabilitiert). Nach dem Rauswurf (praktisch Berufsverbot) entstand seine Kurzgeschichte »Leben mit einem Idioten«.

Mit dem Einzug des Idioten ändert sich das Leben von Ich und seiner Frau, links: Frau (Alison Scherzer), Ich (Gyula Nagy) und der Idiot (Timur), Mitte: Marcel Proust (Vincent Casagrande), Wärter (Johannes Stermann), Frau (Alison Scherzer), Ich (Gyula Nagy) und der Idiot (Timur), ein Bursche (András Adamik), rechts: Frau (Alison Scherzer) und der Idiot (Timur), Photo: Theater Magdeburg, © Gianmarco Bresadola

Der Komponist Alfred Schnittke lernte Wiktor Jerofejew Mitte der 1980er Jahre kennen, gemeinsam schrieben sie die Kurzgeschichte zu einem russischen Libretto um, Schnittke komponierte die Musik für seine Oper »Leben mit einem Idioten« (Original: »Жизнь с идиотом / Schisn s idiotom«). Das Stück wurde 1992 unter der Leitung von Mstislaw Rostropowitsch in Amsterdam uraufgeführt und danach auf verschiedenen Bühnen gezeigt. Vor über zwanzig Jahren war eine Produktion aus Nowosibirsk auf Gastspielreise in verschiedenen Städten Deutschlands und kam 2004 auch nach Magdeburg. Jetzt gibt es am Theater Magdeburg eine Wiederbegegnung in einer eigenen Inszenierung mit deutschen Texten. Zur Premiere am 7. März war Wiktor Jerofejew eigens angereist.

DIE INSZENEIRUNG

Man braucht gar nicht die Verweise des Programmheftes auf Sartre, Ginsberg, Rilke, Lasker-Schüler oder Baudelaire (»Die Hölle, das sind die anderen«), um zu erkennen, daß die Idioten nicht immer jene sind, die in Anstalten verwahrt werden. Ausgerechnet einen Gottesnarren will ich auswählen, und trifft es ziemlich genau. Der Idiot »Wowa« spricht zwar nur ein einziges Wort, stellt aber die Gesellschaft mit seinem Handeln bloß. Was in der Kurzgeschichte ein auktorialer Erzähler erreicht, wird im Stück auf handelnde Personen übertragen: neben Ich, seiner Frau und dem Idioten gibt es Randfiguren: Marcel Proust, weil die Frau gern Proust las, bis Wowa alle dessen Texte zerrissenen hat, einen Wärter und einen Burschen. In stummen Rollen spielen ein Auge auf der Bühne Klavier sowie ein Ohr Violine.

Ich (Gyula Nagy) und Frau (Alison Scherzer), Photo: Theater Magdeburg, © Gianmarco Bresadola

DIE AUFFÜHRUNG

Generalintendant Julien Chavaz hat das Stück inszeniert und mit Anneliese Neudecker (Bühne) und Severine Besson (Kostüm) eine Innenwelt geschaffen, welche die Wohnung der Ichs, aber ebenso die Gesellschaft oder das Innere, einen Seelenzustand zeigen kann – höhlenartig verbinden sich darin heimelige und unheimliche Elemente, Relationen und Halluzinationen. Mit wenigen Elementen, Vorhängen und Nebel, entstehen verschiedene Szenen, in denen die Solisten und der großartige Chor agieren. Denn dem Chor (Opernchor des Theaters Magdeburg) haben Alfred Schnittke und Wiktor Jerofejew wesentliche Teile der Erzählung übertragen, wie in einer von Bachs Passionen. Bei Bach, bei Mozart und Haydn, aber auch bei Volksliedern und der Marseillaise hat sich Schnittke musikalisch bedient, begnügte sich aber nicht mit Intarsien oder Verfremdungen, sondern vermischt alles und läßt es immer wieder »kippen« – wie die Stimmung auf der Bühne. Am Ende steht Ich als Narr da, nicht der Idiot.

Frau (Alison Scherzer), Marcel Proust (Vincent Casagrande), Ich (Gyula Nagy) und der Idiot (Timur), Photo: Theater Magdeburg, © Gianmarco Bresadola

Musikalisch ist das reizvoll, wenn auch die oft erwähnten Fäkalien abstoßen. Immer wieder erklingt ein Tango – hier hat sich Alfred Schnittke bei sich selbst bedient: das Stück entstand ursprünglich 1974 für die Filmmusik von »Agony«, einem Auftragswerk der Sowjetunion, womit der Komponist Geld verdienen und das schreiben konnte, was er eigentlich wollte, was ihm am Herzen lag, worin ihn das Regime aber gehindert hat. Zunächst nur als Intermezzo gedacht, blieb der Tango in der Oper und sorgt für eine zusätzliche Relation oder Brücke (Realität des Komponisten) – die Frage, wer die Idioten sind, läßt sich in allen Gesellschaften stellen, nicht erst, wenn der Chor am Ende des Abends ins Publikum blickt.

Paweł Popławski (als Solorepetitor am Haus) kristallisiert Schnittkes komplexe Musik mit der Magdeburgische Philharmonie sehr klar und räumt ihr die Aktionsflächen ein, die sie braucht – neben dem Orchestergraben wird teils auf der Bühne gespielt, fragmentartige Erzählstücke (Stimme: Bettina Schneider), die aber einen Verlauf dokumentieren wie Bruchstücke ein historisches Tongefäß, kommen vom Band.

Frau (Alison Scherzer), der Idiot (Timur) und Ich (Gyula Nagy), Photo: Theater Magdeburg, © Gianmarco Bresadola

Neben dem auch in der Aktion mit den Phantasiekostümen fabelhaften Chor agieren Gyula Nagy (Ich), Alison Scherzer (seine Frau) und Timur (Wowa). Letzterer erreichte, wiewohl auf das Wort (oder den Klang) »Äch« beschränkt, zwischen Falsett, geschmeidigen und kippenden Tönen sowie schrillen Lauten die erstaunlichste Ausdrucksbreite. Gyula Nagys Ich vollzieht den Weg vom rationalen Schwanken zwischen Nachgeben / dulden (der »Strafe«) und Aufbegehren bis zum Loslassen im Exzeß (Liebesaffaire mit Wowa). Für Alison Scherzer als seiner Frau verläuft der Weg umgekehrt: zunächst konfrontiert und eingeschränkt durch die Strafe ihres Mannes (und den Verlust der Proust-Texte) blüht sie kurz auf, bis sie ein Opfer der Eifersucht wird. Nur: wer ist schuld?

Frau (Alison Scherzer), der Idiot (Timur), Ich (Gyula Nagy), Opernchor des Theaters Magdeburg, Photo: Theater Magdeburg, © Gianmarco Bresadola

Mehrfach gipfelt der Klang, wenn sich die Situation zuspitzt, wie in einem Terzett auf »Äch«, auch treten Orchestersolisten (Flöte, Tuba) den Sängern gegenüber. Julien Chavaz ist es gelungen, das sperrige Stück, den »Schwanengesang der Revolution« (Stücktext) erfahrbar zu inszenieren, ohne ein pädagogisch belehrendes Stück daraus zu machen. Modernes Musiktheater, bei dem die Schicksale berühren.

13. April 2026, Wolfram Quellmalz

Noch zwei Termine im Mai: Alfred Schnittke »Leben mit einem Idioten«, Theater Magdeburg

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