Jean Rondeau und Nicolas Altstaedt bei den Dresdner Musikfestspielen im Palais im Großen Garten
Beide Musiker waren einzeln bereits in Dresden zu erleben – der Cembalist Jean Rondeau unter anderem in einer Barocklounge der Dresdner Musikfestspiele (DMF) im Ballhaus Watzke, Nicolas Altstaedt als Solist in der Frauenkirche oder mit der Jungen Deutschen Philharmonie. Am Donnerstag trafen die beiden Ausnahmekünstler, die seit einiger Zeit ein gemeinsames Repertoire ausloten, erstmals in Dresden zusammen.
Hinsichtlich des Repertoires sind sie übrigens ebenso wählerisch wie in ihrer Spielweise individuell, was allein schon den Reiz erhöht. Im Rahmen ihrer Projekte präsentierten sie bisher unter anderem Musik von Bonizzi, Frescobaldi, Gabrielli oder Barrière, für das Konzert der DMF im Palais im Großen Garten hatten sie allerdings einen bekannten Namen ausgewählt und sorgten mit den zwei berühmtesten Vertretern der Familie Bach für eine außerordentlich hohe Intensität.

Dabei trafen sich außerdem zwei Epochen: während Vater Johann Sebastian Bach fest im Barock verwurzelt blieb, brach Sohn Carl Philipp Emanuel von dort auf und wandte sich dem Galanten Stil zu. Also waren schon nominell die beiden Instrumente von besonderem Interesse: Jean Rondeau spielte nicht wie angekündigt Cembalo, sondern auf einem Hammerklavier, wie es Carl Philipp Emanuel kannte. Im Schloß Sanssouci sollen einst über ein Dutzend Instrumente von Cristofori und Silbermann gestanden haben! Obwohl Carl Philipp Emanuel Bach eine große Vorliebe für das Clavichord hegte, sind seine Sonaten für Kenner und Liebhaber auch auf dem damals neuen Hammerklavier erklungen. Nicolas Altstaedt wiederum spielte sein Cello mit Darmsaiten, Barockbogen und eingezogenem Stachel, weshalb er es nicht auf dem Boden abstützen konnte, sondern zwischen den Knien festhalten mußte.
Insofern waren die Voraussetzungen gegeben, einen besonderen Klang zu erleben. Nicht nur das – zur Epoche der Empfindsamkeit gehört eine größere Ruhe in der Entfaltung nach dem effekthaschenden Barock. Jean Rondeau und Nicolas Altstaedt unterstrichen dies mit einem Konzeptprogramm, das vom ersten bis zum letzten Stück, inclusive solistischer Werke, durchlaufend war – kein Zwischenapplaus also.
Für die erste Klangerkundung sorgte Carl Philipp Emanuel Bach mit dem Andante con tenerezza aus der Sonate A-Dur (Wq. 65 / 32 H. 135), die repetierend aus dem Stimmton aufstieg – die Verbindung von vorsorgender Notwendigkeit (des Stimmens) und eigentlicher Musik war die Basis für eine fast andächtige Stille im Palais.
Manchmal, konnte man feststellen, ließ Carl Philipp Emanuel schon ein wenig Beethoven vorausahnen. Dem obertönigen Gesang stand ein kerniger Baß gegenüber – Qualitäten, die Sänger damals am Hammerklavier als Begleiter schätzten.
Nicolas Altstaedt war derweil nicht zur Untätigkeit verdammt, sondern schien intensiv zuzuhören – mit dem letzten Ton, der in satter Ruhe ausklang (in anderen Konzerten hatten solche Direktanschlüsse teilweise das Ausklingen verhindert) nahmen die Musiker gemeinsam Johann Sebastian Bachs Sonate D-Dur (BWV 1028) in Angriff. Das Violoncello (ursprünglich Viola da Gamba) hatte hier kleine dynamische Vorteile, tat sich »leichter hervor« oder war anders gesagt lauter. Später fanden Nicolas Altstaedt und Jean Rondeau zu einer ausgewogeneren Balance. Doch schon jetzt herrschten besondere Merkmale vor, wie die »Stimme« des Cellos, welche dem menschlichen Gesang verblüffend nahekam. Und während Triller auf dem Streichinstrument dramatisch wirkten, entspannten jene des Hammerklaviers.
Insgesamt schienen sich bei den »gemischten« Stilen des Programms und dem »unbarocken« Tasteninstrument die empfindsamen, langsamen Sätze besonders gut entfalten zu können. Das galt gleichermaßen für Johann Sebastian Bachs Sarabande aus der Suite für Violoncello solo G-Dur (BWV 1007). Noch so ein »Anachronismus« – Nicolas Altstaedt spielte den gern sonst als Zugabe genommenen Satz als Bindeglied in Programmitte. Gerade die tiefen, körperreichen Töne trafen das Publikum ganz direkt – die Schwingungen ließen sich sozusagen mit dem Bauch wahrnehmen.
Mit der Triosonate G-Dur (BWV 1027, ursprünglich für Flöte) kamen die beiden Musiker wieder zusammen. Die Triller waren hier feiner gesetzt, weniger extrovertiert, als wären sie von der Empfindsamkeit geküßt. Auch verbanden sich die drei Stimmen so dicht, daß keine Unterscheidung von Melodie und Begleitung möglich war.
Mit Nr. 25 aus den »Goldberg-Variationen« (BWV 988) zeigte Jean Rondeau sein herrliches Instrument noch einmal von einer anderen Seite – einer nachdenklichen, aber ebenso klangvollen, bevor für diesmal Carl Philipp Emanuel Bach das letzte Wort haben durfte: Die Sonate g-Moll (Wq. 88 H. 510) war (trotz des wiederholten Andante aus BWV 1027 als Zugabe) ein zunächst froher Abschluß, der im Mittelsatz aber bereits köstliche Tiefen bot und opernhaft dramatisch schloß – ein kleiner, großer Höhepunkt!
5. Juni 2026, Wolfram Quellmalz