Wehe, bleiche Welt!

Münchens »Rusalka« ist so trostlos wie überwältigend

Im Vergleich zu den beiden Festspielpremieren »Walküre« und »Alcina« standen die zwei Repertoireaufführungen von »Rusalka« an der Bayerischen Staatsoper an sich nicht im Rampenlicht, lockten jedoch vorab durch ihre Besetzung. Im Frühsommer wurden sie noch um einige Grade interessanter, gewichtiger, zukunftsweisender, denn Dirigent Petr Popelka wurde als neuer Generalmusikdirektor ab der Spielzeit 2029 / 30 ans Haus verpflichtet. Der kometenhafte Aufstieg des Tschechen scheint ungebremst weiterzugehen – bisher hat er allerdings sämtliche Erwartungen erfüllt, wenn nicht übertroffen.

Auch in der übrigen Münchner Besetzung fallen ein paar Dresdner Namen auf: Pavel Černoch war in der letzten »Rusalka«-Produktion an der Semperoper 2022 ebenso in die Rolle des Prinzen geschlüpft wie Elena Guseva in jene der Fürstin. Nicole Chirka, Ensemblemitglied der Sächsischen Staatsoper und dort Küchenjunge in »Rusalka«, übernahm In München die zweite Waldnymphe. Aus dem Küchenjungen wird in München ein Küchenmädchen (Meg Brilleslyper) – Sopran ist Sopran, hatte sich Regisseur Martin Kušej vielleicht gedacht, und ihn nicht für einen Knaben, sondern »echt« besetzt.

Alles in einer Hand: Petr Popelka überzeugte mit Transparenz und Verve, Photo: Wiener Symphoniker, © Peter Rigaud

Dabei verlegt und verortet der Österreicher, im Schauspiel wie auf der Opernbühne, gern einmal ins anderswo. Seine Münchner »Rusalka« gehört wohl zu den trostlosesten, die es gegeben hat. Die idyllische Umgebung der Berge, Wälder und Seen ist sichtbar nur auf Zierwände gemalt, deren Tapete zu reißen beginnt (Bühne: Martin Zehetgruber). Von wegen Idyll! Alte Gewohnheiten und niedrige Gelüste scheinen es zu sein, die hier vorherrschen. Kein munteres Spiel der Waldnymphen mit dem Wassermann – in Jogginghose verteilt er kleine Mitbringsel aus einer Aldi-Tüte. Seine Kluft wirkt eher billig, immerhin wahren der Prinz und die fremde Fürstin einen noblen Anschein (Kostüme: Heidi Hackl). Doch das scheint weit her, aus einer vergessenen Vergangenheit. Die Rufe des Wassermanns »Wehe! Wehe! trostlose, bleiche Rusalka«, die immer aus dem Hintergrund klingen, sind nicht nur zynisch – der Wassermann selbst (Christof Fischesser) scheint ohne Ideal, ohne Antrieb. Die Tristesse ist erschreckend, im Grunde aber liegt Martin Kušej gar nicht falsch: Haben Wasserman und Ježibaba (auch die Hexe wurde mit Aldi-Häppchen abgespeist) Rusalka nicht wissentlich ins Verderben laufenlassen? Ohne Stimme, kühl, dazu unerfahren im Umgang mit den Beinen – realistisch betrachtet hatte sie keine Chance, das Herz des Prinzen dauerhaft zu erobern. Trotzdem wirkt Kušejs Zynismus abstoßend.

Links: die aktuelle Rusalka in München: Malin Byström, Photo: Bayerische Staatsoper, © Peter Knutson, rechts: Manipulator in der Unterwelt: der Wassermann (Christoph Fischesser), Photo (2025): Bayerische Staatsoper, © Geoffroy Schied

Oder hätte so wirken können, wäre da nicht die großartige Umsetzung gewesen. Es scheint eine typische Popelka-Qualität zu sein, Repertoirevorstellungen auf Premierenniveau abzuliefern. Ein bißchen Harfenklimbim schafft eben noch keine Mondscheinatmosphäre, und der Mond noch keine »Rusalka«. Aber grundierende Hörner, ein phantastisches Englischhorn und das orchestrale Zusammenwirken sorgen dafür. Am Donnerstag entstand nicht nur irgendeine Atmosphäre, sondern eine ausgewiesen differenzierte. Einerseits mit zarten Klängen und einer Transparenz, wie man sie aus Antonín Dvořáks Sinfonischen Dichtungen kennt. Andererseits entwickelten die Streicher, von den Violinen im Zentrum gezogen, immer wieder einen deftigen, volkstümlichen, böhmischen Klang.

Auf Seiten der Solisten und des Chores (Choreinstudierung: Christoph Heil), der im verborgenen ein böses Echo gab, setzte sich diese zielgenaue Auslegung fort. »Aus unsern Spielen brachst du aus, Schwesterherz, mit Fluch bestraft, komm nie mehr zu uns!« singen die Nixen unter Wasser – die unerfahrene Rusalka war von vornherein ein Spielball der anderen, zum Scheitern verurteilt!

Werden der Prinz (hier Pavol Breslik aus der Besetzung 2025) und die Fürstin (Elena Guseva) miteinander glücklich? Photo: Bayerische Staatsoper, © Geoffroy Schied

Trotzdem entwickelte Malin Byström als Rusalka eine betörende Kraft. Ihr »Lied an den Mond«, bei Martin Kušej nicht an einem See gen Himmel, sondern in der Unterwelt eines Kellers an einen künstlichen Leuchtkörper gerichtet, barg ebensoviel Schönheit wie Dringlichkeit und Kraft der Verzweiflung – Rusalka wollte nicht nur das Glück suchen, sondern ausbrechen aus dieser tristen Welt! Lange muß sie schweigen, später schloß Malin Byström an das Lied an, setzt es fort, denn es hat weitere Strophen (»vom Leben abgetrennt, in tiefe Einsamkeit«), nur sind die melancholischer. Das Bayerische Staatsorchester folgte der Sopranistin bis in die kleinsten emotionalen Regungen der Stimme.

Christof Fischesser fand in der Trostlosigkeit eine beeindruckende Darstellungskraft. Der Wassermann ist weder ein Wotan-Vater noch ein Unterweltenherrscher, sondern ein desillusionierter Spieler, der andere manipuliert – ob er daran Freude hat? Er höhnt und lacht – und steht nicht über den anderen, sondern unter ihnen in seiner traurigen Unterwelt.

Nicole Chirka, Photo: Sächsische Staatsoper

Es sind letztlich die feinen Töne, die Unterschiede, die den Reiz der Vorstellung ausmachen und das Regiekonzept beleben. Wie die lüsterne Glut, die Jamie Barton in Stimme und Geste der Hexe aufglimmen läßt, oder wenn sich zwischen Prinz, Fürstin und Förster (Tansel Akzeybek, in Dresden bereits als Buckliger / Die Frau ohne Schatten, Graf Elemer / Arabella und Froh / Rheingold) szenische Reibungspunkte ergeben. Die Nymphen stellen am Ende in Sanatoriumsbetten resigniert oder altklug den Zustand der Welt fest (zweite Nymphe: »Hinter grauer Wolkenwand hat der Mond sich verborgen«). Antonín Dvořáks Musik ist trotzdem berauschend!

24. Juli 2026, Wolfram Quellmalz

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