Absolventenkonzert in der Dresdner Musikhochschule
Im Grunde ist es beschämend, wie wenig Carl Maria von Weber in der Stadt, die wohl seine wichtigste Station im Berufsleben war, in seinem Gedenkjahr bedacht wird. Im November feiern wir Webers 240. Geburtstag, vor wenigen Tagen jährte sich sein Todestag zum 200. Mal (5. Juni). Neben ein paar kleineren und fast schon exotischen Veranstaltungen, wie »Abu Hassan« in der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden mit Katrin Meingasts Opéra en miniature [NMB berichteten: https://neuemusikalischeblaetter.com/2026/03/03/dienstende-krokodile-und-verirrte-chinesen/%5D, das am Sonntag beim Elbhangfest sowie am 12. September im Rahmen von Elblandia wieder gibt, blieben zu erwartende Höhepunkte aus. Sowenig das Klarinettenkonzert, die Klavierkonzerte oder Sinfonien ins Programm der beiden großen Orchester in Dresden fanden, sowenig kehrte die sehenswerte »Freischütz«-Inszenierung auf die Bühne der Semperoper zurück.
Die größten Verdienste in Sachen Weber-Erinnerung erwarb sich somit die Dresdner Musikhochschule, die seinen Namen trägt. Nach einem Symposium und dem chorsinfonischen Konzert »Lichtblitze« im Mai [bei uns: https://neuemusikalischeblaetter.com/2026/06/06/carl-maria-von-weber-das-fremde-und-lichtblitze/%5D setzte das Absolventenkonzert am Dienstag, traditionell das letzte Sinfoniekonzert der Erzgebirgischen Philharmonie Aue, ein bemerkenswertes Achtungszeichen. Es war die mittlerweile 21. Auflage der Kooperation zwischen HfM und Orchester mit Konzerten auch in Aue und Annaberg.
Mit zwei Sinfonien und zwei Klavierwerken konnte somit einmal ein geschlossener Eindruck entstehen – Weber nicht nur als Einzelstück im Verhältnis zu anderen, sondern eine Gelegenheit, seine eigenständige Klangwelt kennenzulernen. Klar liegen manchmal Bezüge oder Vergleiche wie zu Beethoven nahe, gerade wenn es um Sinfonien geht, doch sollte man sich hüten, Webers Originalität zu überhören. Knapp siebzig Jahre vor Johannes Brahms komponierte er ein Klavierkonzert, dessen Adagio vom Solocello im Orchester eingeleitet wird.

Wie meist zu den Absolventenkonzerten teilten sich Dirigenten und Solisten in die Abende, wobei sich die Pianisten in den Stücken abwechselten, während die Dirigenten ihre Werke jeweils an allen drei Spielorten leiteten – ein wichtiger Schritt in der Ausbildung, denn zu den Aufführungen gehörte die etwa einwöchige Vorbereitungs- und Probenarbeit.
Yiting Shi hatte zu Beginn Webers zweite Sinfonie (Opus 51) übernommen, die viel eigene Klangsprache verriet. Echoeffekte, eine Vorliebe für Hörner, aber auch eine schöne Solo-Oboe ließen die Handschrift des Freischütz-Komponisten durchblicken. Das Allegro hatte Yiting Shi mit einem con fuoco der Blechbläser beflügelt (ein Gruß an die Tradition der erzgebirgischen Posaunenchöre und Blechbläser?). Insgesamt aber doch gleichmäßig, fehlte dem überraschend knappen Schluß ein wenig Effekt.

Simon Scriba übernahm für Webers erstes Klavierkonzert die Leitung, Pianistin Zeling Shen überraschte mit hervorgehobenen Kontrasten zwischen sanfter Einleitung und kräftigen Erwiderungen zum marschähnlichen Rhythmus. Darüber hinaus vermochte sie die elegante Geläufigkeit von Salonmusik (Kadenz erster Satz) effektvoll zu steigern und pianistische Virtuosität herauszustellen. Der Dialog zwischen Klavier, Violoncello und Orchester gelang ausgesprochen wohl!
Mit dem Konzertstück für Klavier und Orchester Opus 79 kam nicht nur eine Abwechslung in der Tonart (f-Moll) in den Plan, sondern eine geheimnisvolle Stimmung auf. Dunkel klangen zunächst die Streicher, denen Seulhwa Jang bald eine gehörige Dramatik abverlangte – von wegen kleines Konzertstück! Wenwen Thao entsprach dem am Flügel mit einer die Höhe und vor allem Tiefen durchlaufenden Gestaltung – ein wenig Wolfsschlucht »schnupperte« man hier und da, nicht zuletzt, weil die Bläser (vor allem das leise Holz) und die Pauken passend in Szene gesetzt waren. Das in Stufen wachsende Crescendo war beinahe opernhaft!

Zurück zu C-Dur und an Webers sinfonischen Anfang mit der ersten Sinfonie, setzte Dionysos Pantis dem Programm aber mit der größten Lebhaftigkeit eine gestalterische Krone auf. Auch zeigte die Erzgebirgischen Philharmonie Aue, wie geheimnisvoll selbst die Standardtonart mit dräuenden Bläsern klingen kann! Die teils fast extrem emotionale Darstellung wirkte zu keiner Zeit überstrapaziert und ließ noch einmal die Hörner blinken – eine schönere Weber-Würdigung kann man sich, zumindest im Rahmen eines Sinfoniekonzerts, kaum wünschen!
24. Juni 2026, Wolfram Quellmalz