Semperoper zeigt auf der kleinen Bühne eine Selbstfindung
Hannah gilt für uns als weiblicher Vorname, der im hebräischen er »Anmut« bedeutet. Es gibt ihn im Arabischen aber auch als Männernamen. Hannah ist in Laura Kaminskys Stück »As one« beides – ein Junge zunächst, der sich zunehmend weiblich fühlt, für den (oder für sie) die Entdeckung des Wortes »Transsexualität« eines Tages eine erlösende Wirkung hat, einen Weg öffnet. Denn bisher hat der Junge seine Veranlagung verheimlicht und verborgen. Wenn er frühmorgens als Zeitungsbote unterwegs war, trug er eine Bluse unter der Jacke, die er wieder auszog, sobald er nach Hause kam, bevor die anderen aufstanden.
Der Zustand des Fühlens, aber nicht Zeigens geht über mehrere Jahre, bis Hannah eine Hormonbehandlung beginnt, in die neue »Rolle« schlüpft, sich mit einem Mal echt fühlt. Hannah erfährt aber auch Ablehnung und Angriffe.

»As one« mit Musik von Laura Kaminsky sowie einem Libretto von Mark Campbell und Kimberly Reed erzählt Hannahs Weg. Wie ein Portrait oder eine Dokumentation ist das Stück angelegt, dabei bleibt die Perspektive dieselbe – Hannahs. Die Ereignisse werden in Rückblenden, aber nicht szenisch dargestellt, Interaktionen mit anderen Personen gibt es nicht. Ein Zwei-Personen-Stück mit der jüngeren Figur von Hannah (auf Semper zwei von Gabriel Rollinson dargestellt) sowie der älteren (Dominika Škrabalová). Manchmal greifen das Streichquartett, das die Musik spielt, und Naomi Shamban (Leitung) mit Stimmen ein oder tauchen in der Szene auf, ohne aber wirklich zu Akteuren zu werden.
Rahel Thiel (Inszenierung), Fabian Wendling (Bühne) und Judith Philipp (Kostüme) lassen die Erinnerungen in einem Kubus spielen, einem sparsam möblierten Erlebnisraum, mal offen, mal mit einem Vorhang verschlossen. Wesentlicher als Requisiten sind Texte, die als Projektion eingeblendet werden, wie John Donnes Gedicht »No man is an island« (Kein Mensch ist eine Insel), das Hannah in der Schule kennenlernt. Sie wird sich erst dazu bekennen, daß sie eine Insel ist, abgeschieden und allein, weil sie sich so fühlt, um später zu realisieren, daß es doch anders ist.

Als Weg der Selbstfindung ist die Geschichte nachvollziehbar. Allerdings geht es nicht nur um das Geschlecht. Zur Selbstfindung gehört die ganze Person und wie sie in der Familie, der Gemeinschaft, der Gesellschaft verankert ist. Durch die einseitige Perspektive bleiben diese Aspekte aber nur angedeutet – Dominika Škrabalová scheint einmal für die Mutter, einmal für die Lehrerin zu stehen, als Hannah in einem Aufsatz probiert, in der Art des Erzählens wie im Schriftbild wie ihre Cousine zu schreiben. Dafür wird sie von der Lehrerin gerügt »Das ist nicht, was ich dir beigebracht habe«. Darüber hinaus werden andere Gesellschaftsbilder aufgegriffen, die weit mehr Einordnungen unterworfen sind als nur »männliche« oder »weibliche«. Hannah soll sich nicht einfach »wie ein Junge« benehmen, er soll immer der beste, klügste, schnellste sein. Unabhängig vom Geschlecht ist Leistungsdruck Teil (also Frage) des Schullebens und jeder Erziehung – ist Erziehung nicht auch eine Interaktion, das »Formen« eines Menschen nicht immer ein Eingriff? In seine Freiheit?

Die Beispiele, an denen Hannahs Weg gezeigt wird, entwickeln nur bedingt Tiefe, vor allem emotional. Vergleicht man »As one« mit anderen kammerspielartigen Opern, wie »The turn of the screw«, wird dieser auch psychologische Mangel deutlich. So führt Hannahs Weg weder zu einem Ziel noch einer Lösung – allein in Norwegen findet sie zu sich, die Gesellschaft ist jedoch weit weg, ausgeblendet.
Auf Semper zwei wird »As one« sorgfältig dargestellt. Das Sternchen im Wort »trans*Frau« ist das einzige queere Attribut im Programmheft – kein Regenbogen, keine aufgeladene Symbolik. Die beiden Sänger nähern sich der Musik ebenso sorgsam, nur Dominika Škrabalová bricht im Verlauf zunehmend emotional aus. Gabriel Rollinson gelingt das jungen-mädchenhafte Spiel, allerdings irritiert sein kräftiger Bariton ein wenig (Hannah ist in den ersten Szenen zwölf, dann vierzehn Jahre alt). Später vereinigen sich beide stimmlich, als Hannah endlich Glück empfindet. Die schlichet Anrede »Pardon me, Miss«, zeigt Hannah, daß ihre neue Rolle glaubhaft ist, daß sie angenommen wird. In diesem Moment werden die junge und die sich erinnernde ältere Hannah für einen Moment »eins«.
Die Musik ist fließend, greift minimalistische Elemente auf, bleibt aber auf den Gesang ausgerichtet, so daß ein lyrischer Eindruck überwiegt. Weder dissonant oder gebrochen, dafür mit Versatzstücken – Glissandi verzerren das Bild, als Nebenwirkungen der Hormonbehandlung Hannahs Wahrnehmung verändern. Zum Weihnachtsfest, das sie nicht mit der Familie verbringt, wird ein Adventslied (Veni, veni, Emmanuel) durch das Streichquartett eingeflochten.

Dennoch überwiegt ein eher emotionsarmer, von Fakten bestimmter Eindruck. Verloren wirken Versatzstücke wie der Bezug zum »Transvaaler Krieg« (Burenkrieg). Der Begriff steht im Wörterbuch nahe »transsexuell«, Hannah benutzt ihn als Tarnung, um in der »Nachbarschaft« nachzulesen und sich über »sich« zu informieren.
Ist »As one« also eine Repertoirebereicherung? Der erste Eindruck (besuchte Vorstellung: Montag) bleibt nüchtern, fügt dem bekannten Bild wenig hinzu und kann nicht stark berühren. Am Ende bleibt neben der Erkenntnis, daß Hannah doch keine Insel ist, vieles offen.
23. Juni 2026, Wolfram Quellmalz
Laura Kaminsky, Mark Campbell & Kimberly Reed »As one«, Semper zwei, noch einmal am 28. Juni