Vocal Concert Dresden in der Dresdner Kreuzvesper
Der dritte Sonntag nach Trinitatis wendet sich dem Dank zu, setzt sich aber auch mit Reue, Sünde und dem Begleichen von Fehltritten auseinander. Peter Kopp hatte für die Kreuzvesper mit dem Vocal Concert Dresden Werke ausgewählt, die sich im weitesten Sinn mit Gerechtigkeit befassen. Zweiteilig lag das Augenmerk zunächst bei Kompositionen, die feststellten, innehielten und vergegenwärtigten, bevor eine Bach-Kantate mit ihrer dramaturgischen Überhöhung den zweiten Teil allein bestimmte.
Dabei kehrte Peter Kopp zu einem Komponisten zurück, zu dessen Renaissance in der Kreuzkirche er selbst beigetragen hat: Vor zwölf Jahren, zum 300. Geburtstag von Gottfried August Homilius, hatte der damalige Chordirigent des Kreuzchors ein Homilius-Jahr initiiert, das bis heute nachwirkt.

»Wir liegen für dir mit unserm Gebet« (HoWV V.30) war insofern kein Rückgriff, sondern ein Beitrag zur Beständigkeit in der Werkpflege. Die Motette selbst, wie alle Werke im ersten Teil a cappella, vertiefte gerade in ihrer Schlichtheit den Zusammenhang vom Ausüben der Gerechtigkeit und der Bitte um Hilfe bzw. Beistand. Die Kraft der Aussage steigerte Carl Heinrich Graun mit einem noch knapperen, aber als Fuge angelegten Text (»Selig sind, die zu dem Abendmahl des Lammes berufen sind«).
Auch der Name Gustav Adolf Merkel ist mit der Dresdner Kreuzkirche verbunden – Merkel war ab 1840 bis zu seinem Tode 1885 Kreuzorganist. In der Vesper war er ganz unterschiedlich zu erleben: in der Orgelfantasie Nr. 5 d-Moll offenbarte Merkels aktueller Amtsnachfolger Holger Gehring die Freiheit, musikalische Freizügigkeit und Pracht des Komponisten, seine Motette »Barmherzig und gnädig ist der Herr« (Opus 106, Nr. 1) stand offenbar ganz im Dienst der Andacht, orientierte sich am Volks- und Kirchenlied und geriet noch schlichter als die Werke des Beginns. Willy Burkhards Beitrag zum Kleinen Psalter, »Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen« lenkte in diesem Geiste auf einen verhaltenen, zurückgenommen Gestus und Gedanken auf das Besinnen.
Den innigen, notwenigen und kraftspendenden Zusammenhang von Gerechtigkeit und der Bitte Hilfe, wie ihn Psalm 121 formuliert, den Willy Burkhard vertont hatte, griff Pfarrer Holger Milkau in seinem Wort zum Sonntag auf. Einerseits sei Hilfe in Momenten des Lebens notwendig, die sich nicht gut allein bewältigen ließen, andererseits fiele in unserer Gegenwart auf, daß, obwohl wir nicht wirklich in Not-Zeiten lebten, Mißstände, Mißgunst und Mißtöne so verbreitet seien – woher käme das?

Die Auseinandersetzung mit Sünde bzw. sogar Strafe blieb im Thema inbegriffen. Johann Sebastian Bach hatte sie in seine Kantate zum dritten Sonntag nach Trinitatis BWV 135 (»Ach Herr, mich armen Sünder«) 1724 in Leipzig eingeschlossen.
Nach dem überwiegend schlichten Charakter der Werke des Anfangs glich Bachs Kantate den Bedarf an effektvoller Musik sozusagen mit leichter Hand aus. Neben einem Instrumentalensemble um Holger Gehring (Orgel), Ulrich May (Oboe) und Cornelia Pfeil (Violine) gesellten sich Kerstin Döring (Alt), Stephan Scherpe (Tenor) und Andreas Scheibner (Baß) zum Vocal Concert – bemerkenswert: Bach verzichtete auf eine Sopransolistin. Dennoch gehört »Ach Herr, mich armen Sünder« zu den effektvollen Gattungsbeiträgen, schon deshalb, weil sie – im zweiten, also dem Choralkantatenjahrgang des Thomaskantors entstanden – wesentliche Themen und Inhalte prägend verankert. Im Einzelfall hat die Festegung auf Choralkantaten Bachs Innovation zwar gebremst, doch der durchschimmernde Choral »Wie soll ich dich empfangen« (ursprünglich ein weltliches Liebeslied »Mein G’müt ist mir verwirret, das macht ein Jungfrau zart«) läßt heute noch wunderbar assoziieren.
Und doch blieb es auch am Sonnabend nicht auf den Choral beschränkt. Stephan Scherpe gestaltete die »schnellen Fluten« und den »Schrecken« im Rezitativ »Ach heile mich, Du Arzt der Seele« ausgesprochen ausdrucksstark, bevor Andreas Scheibner in der Baßarie »Weiches, all ihr Übeltäter« ausgerechnet mit der dunkelsten Stimme der Vesper die größte Leucht- und Seelenkraft entwickelte.
21. Juni 2026, Wolfram Quellmalz
Am kommenden Sonnabend gestaltet der Dresdner Kreuzchor die letzte Kreuzvesper des Schuljahres. Dabei wird das Rudolf-Mauersberger-Stipendium an Filippo Nisini vergeben.