Konzerte des Kammerchors Cantabile Dresden
So sorgte Michael John Trottas »Dies irae« mit im feurigen Stakkato vorgetragenen Text, in den sich die beruhigenden Zeilen wie in eine zweite Ebene schoben, für eine starken Eröffnungskontrast. Rudolf Mauersbergers vielen vertraute Motette »Wie liegt die Stadt so wüst« wartet nicht mit solchen Ebenen auf, hier erarbeitete Johannes Radde die Kontraste in einem Verlauf: Zu Beginn herrschte noch die fassungslose Trauer, bevor sich in der Klage (»Ist dies die Stadt …?«) bereits eine Hoffnung andeutet, welcher Kammerchor Cantabile am Ende eine Kraft der Erfüllung spendete.
Der Kammerchor Cantabile Dresden ist mit seiner Gründung 2023 zwar noch recht jung, doch schon damals baute er auf gemeinsamen Erfahrungen und Wünschen auf, denn die Sängerinnen und Sänger musizierten bereits gemeinsam im Universitätsorchester der TU Dresden. Somit bestand von Beginn ein musikalischer Nukleus, der unmittelbar zu programmatischen Schwerpunkten führte. Unter anderem war der Kammerchor Cantabile Dresden bereits zu Striezelmarktmusik, Vesper und Gottesdienst in die Kreuzkirche eingeladen, und auch für Spätsommer und Herbst stehen die nächsten Konzerte bereits fest.
Am Wochenende war das Ensemble um Leiter Johannes Radde im Meißner Dom (Sonnabend) zu Gast, bevor es sein Programm »Lux in tenebris« am Sonntag noch einmal in der Annenkirche präsentierte. Das »Licht in der Dunkelheit«, so die deutsche Entsprechung, wurde dabei überraschend deutlich, vor allem deshalb, weil in der ersten Konzerthälfte explizit die Dunkelheit dargestellt war. Dargestellt heißt in diesem Fall reich und teils fast plastisch. Dabei blieb der Anteil nicht nur lebender zeitgenössischer, sondern oft noch junger Komponisten ausgesprochen hoch.

Neben solchen Referenzwerken gab es viele neu zu entdeckende, wie Wolfram Buchenbergs »Erbarme dich unser«, der das Wechselgebet bzw. Schuldbekenntnis in parallelen Textzeilen unterschiedlicher Tempi eine drängende Eile, aber auch einen Erlösungsgedanken mitgegeben hat. »The spheres« von Ola Gjeilo mit dem klassischen Kyrie-Text folgte inhaltlich dem Gedanken des Erbarmens, hatte aber mit seiner Ruhe des getragenen Tempos eine vollkommen andere Wirkung. Nicht zuletzt, weil Johannes Radde die Sänger mittig auf den Seitenemporen aufgestellt hatte, was die Wirkung (auch eine esoterische) noch verstärkte.
Der Chor fand zu einer sehr geschlossenen Form, konnte auf einzelne Solisten noch bis zum hohen Sopran vertrauen. Neben dem tragischen »Blegnet, segnet« von Edvard Grieg, das vom Tod einer jungen Frau erzählt und noch einmal die Dunkelheit betonte, gehörten mit Francis Poulencs »Tristis est anima mea« (»Meine Seele ist betrübt«, wieder mit hohem Sopransolo) und »Deamon irrepit callidus« (Der listige Dämon / Teufel) von György Orbán weitere fremdsprachige Titel zum Programm. Der Kammerchor Cantabile gestaltete sie, wie den wiederholten und rhythmisch betonten Begriff »Deamon« bei Orbán, ausgesprochen deutlich.
Nun war es aber Zeit für das Licht, und es kam unwiderstehlich mit Felix Mendelssohn (»Richte mich, Gott«) und Heinrich Schütz (»Die Himmel erzählen die Ehre Gottes«). Die so unterschiedlichen Lieder, die romantische Psalmvertonung und die Geistliche Chormusik zwischen Renaissance und Barock, wurden zu zwei Höhepunkten des Sonntagsabends – das eine mit seinem dynamischen Verlauf, der von Betrübnis und Erstarrung in ein hymnisches »Amen« führte, das andere mit seinem vielstimmigen Preisen.
»Lux aurumque« von Eric Whitacre ist ein oft gehörtes und gern gesungenes Stück der Chorliteratur. Der Komponist hat es vor einigen Jahren nach der Fertigstellung eines anderen Werkes jedoch überarbeitet, weil es so eine stärkere Betonung erfährt. Als »Lux nova« gehörte es am Sonntag zu den kontrastierenden Titeln im Konzert. Mit »Fire of hope« von Darius Lim, noch einmal effektvoll mit unterschiedlichen Tempi in den Zeilen und einem Stampfen, welches das »Feuer« betonte, zu dem das »Chaos« (Ausgangspunkt war die Pandemie) geführt hatte, endete der Abend schließlich im Licht. Gabriel Rheinbergers »Abendlied« durfte als Zugabe entspannt nachklingen.
3. August 2026, Wolfram Quellmalz
Im September (25. / 26.) ist der Kammerchor Cantabile Dresden in Rottenbach und Ettal zu erleben, Ende November gibt es die nächsten Konzerte in Dresden (28.: Kirche Weißer Hirsch, 29.: Johannes-Kirche / Christengemeinschaft).