Herbstkonzert in Reinhardtsgrimma
Der dritte Termin der Orgelkonzertreihe in der Kirche Reinhardtsgrimma gehört schon äußerlich immer zu den schönsten. Schließlich ist das Gotteshaus dann jeweils für den Erntedank reich geschmückt. In diesem Jahr gab es für Orgelfreunde sogar noch ein kleines Extra: Pfarrer Markus Deckerts zitierte eingangs Rainer Maria Rilkes Gedicht »Herbsttag« (»Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß …«) hatte aber auch einige (unverkäufliche) Exemplare des neuen Orgelbandes »Ausgewählte Orgel der Erzgebirgsregion« mitgebracht, die Besucher mitnehmen konnten. Auf Seite 96 des Buches ist das Opus 32 von Gottfried Silbermann in Reinhardtsgrimma abgebildet (nach anderer Zahlart ist es die 21. vom Churfürstlich Sächsischen und Königlich Polnischen Hof- und Landorgelmacher aus Freiberg, also ohne die Straßburger sowie andere Werke vor Erlangung des Prädikats »Churfürstlich«). Der informative Band stellt viele historische und moderne, in jedem Fall reizvolle Instrumente und Gotteshäuser vor.

»Mit Passion und Authentizität« hatten Margret Baumgartl (Violine) und Domkantor sowie -organist Albrecht Koch für ihr Programm versprochen, in dem nur ein Komponistenname stand: Johann Sebastian Bach. Dabei erinnerte der Beginn der Sonate e-Moll (BWV 1023) durchaus an Antonio Vivaldi. Über einem stehenden Orgelbaß erhob sich darin die Violine wie eine Lerche im Frühling – Herbst? Warum keine Frühlingsgefühle im Herbst? Aus lichter Höhe schwenkten die beiden Instrumente in eine bedachte, sinnliche Kantabilität, die sich in den Schlußsätzen belebte. Schon die Allemande schien »auf dem Sprung«, die Gigue war es ganz sicher und ließ die Violine über die Oktave hüpfen.

Margret Baumgartl durfte für einen Moment pausieren, denn Albrecht Koch hatte sich drei der Neumeister-Choräle ausgesucht: »Machs mit mir, Gott, nach deiner Güt« (BWV 957), aus dem Kreis der Sterbe- und Trostlieder, purzelte in fröhlichen Girlanden über die Orgel wie ein Spielwerk. »Ach Herr, mich armen Sünder« (BWV 742), ebenfalls dem Büßen zugeordnet, blieb im Charakter näher am Kirchenlied, wurde aber tremolierend emotional betont. »Herzlich lieb hab ich dich, oh Herr« (BWV 1115), noch einmal dem gleichen Themenkreis zugehörend, zeigte schon in der Tonart einen Wechsel an, begann mit lebensfrohem Optimismus, um sich im Finale bekräftigend zu steigern – nach Bach’schem Verständnis waren Sterben und Tod Teil des christlichen Lebens.
Mit der Sonate IV (c-Moll, BWV 1017) wandte sich das Programm zwar nichtliturgischer Musik zu, dennoch barg schon das Siciliano (Largo) einen Bach’schen »Erbarme-dich«-Gestus. Auch diesmal fiel er aber nicht bedrückend aus, zumal sich die Sonate im Vivace in luftige, leichte, dennoch höchst virtuose Gefilde steigerte. Das zweite Largo fiel kaum weniger wiegend aus als das Wiegenlied zu Beginn, bevor Margret Baumgartl und Albrecht Koch zeigten, daß Bach hinsichtlich des abschließenden Allegro assai einen regelrechten Gipfel komponiert hatte. Da hatten die metrisch wohlgeformten Präludium und Fuge C-Dur (BWV 547) im Anschluß fast einen schweren Stand.
Die alten Worte »Augenweide« und »Ohrenschmaus« legte Markus Deckert der Gemeinde vor dem Segen nahe, und weil sie so treffend beschreiben wie in sich ruhend und schön sind, seien sie hier noch einmal wiederholt.
Ein wenig Wehmut durfte, musikalisch dosiert, den Abschluß einleiten. Das Adagio aus der Sonate G-Dur (BWV 1021) trauerte nicht, sah aber (vielleicht?) zurück. Ein inniger Gemeinde- oder Choralgesang in instrumentaler Ausführung. Doch auch hier führte der Weg in die Belebung (Vivace), verharrte noch einmal melancholisch im Herbst (Largo) und schloß im frohen Sinnen ab (Presto).

Neben der traditionellen Weihnachtlichen Vesper am 26. Dezember (16:00 Uhr) mit Jan Katzschke und dem Ensemble Corona Harmonica steht bereits der Termin für das erste Orgelkonzert 2027 fest: zu Christi Himmelfahrt (6. Mai) präsentieren Tenor Patrik Grahl und Albrecht Koch Lieder aus dem Schemelli-Gesangbuch.
21. September 2026, Wolfram Quellmalz
http://www.reinhardtsgrimma.hiller-musik.de/programmorgel.html