
Dabei überzeugt das Format gerade diesmal besonders und in mehrfacher Hinsicht. Mit Jörg Widmann ist erstmals ein Musiker gleichzeitig Capell-Virtuos und Capell-Compositeur. Gut, das hat es anderenorts auch schon gegeben. Doch bei Multitalent Jörg Widmann kommt hinzu, daß er außerdem dirigieren und animieren kann. Letzteres betrifft das Orchester ebenso wie das Publikum. So weiß er an diesem Abend den Zuhörern interessante Kernfakten näherzubringen und mit seinem mitreißenden Wesen auch jene Besucher mitzunehmen, die den Fakt vielleicht schon kannten. Etwa die Dresdner Bezüge in Felix Mendelssohns Reformationssinfonie oder – noch wertvoller – die inneren Zeichen einer Komposition. Denn Jörg Widmann argumentiert stets aus dem Notentext heraus und kann dem Publikum erklären, warum es in Webers Klarinettenquintett Samiel aus dem Freischütz zu entdecken gibt oder welche Musik sein eigener Dance Macabre aufgreift – zum Beispiel die von Weber.
Die Fassung des Klarinettenquintetts für Streichorchester zeigt, wie Widmann mit der Staatskapelle spielt – im doppelten Sinn. Denn oft ist sein Dirigat körperbetont und agil, lockt und bittet – ein gegenseitiger Dialog zwischen den Menschen. Dennoch kann Widmann – das zeigte sich später vor allem bei Mendelssohn – konkrete Anweisungen geben, fordern, einen Klang auch direkt formen.

Zunächst überzeugt er mit seinem Klarinettenklang. Satt und süffig eröffnet er den ersten Satz des Quintetts, als beträte Agathe die Opernszene. Bald wird sein Ton sanft, schmachtend, und es ist, als würde Widmann das Spiel übertreiben, als er immer schlanker, leiser wird. »Na, hört Ihr mich noch?« scheint er zu fragen. Wie ein unterirdischer Zauberquell sprudelt und perlt seine Klarinette im zweiten Satz, um im dritten wieder deutlich hervorzutreten.
Ein Spiel mit dem Klang, dem Ton, beherrscht auch Jörg Widmanns »Danse Macabre«, die erste Eigenkomposition des Abends. Erst stellt er – Zwölf-Uhr-Glockenschlag inclusive – eine gespenstische Ruhe ein, dann scheinen die Geister zu heulen. Verzerrte, überlagerte Themen und Glissandi werden immer wilder, bekommen rhythmische, allerdings »windschiefe« Konturen –Widmanns Geister tanzen ausgelassen, ekstatisch und wild. Aber ihre Zeit ist bemessen, erinnern die Viertelstundenschläge zwischendurch. »There‘s a place for us?« – schimmert untergründig, als ließe jemand auf dem Friedhof der tanzenden Geister Leonard Bernstein auf dem Kassettenrekorder laufen …

Mit der Fantasie für Klarinette solo und dem Virtuos-Compositeur geht es nach der Pause allein weiter. Nun läßt Jörg Widmann sein Instrument lachen, weinen, schluchzen … Doch er singt nicht nur jüdisch auf der Klarinette, er streitet im Jazz, springt und jubelt und reist das Publikum mit.
Felix Mendelssohns Reformationssinfonie, ausdrücklich in d-Moll und ohne das vom Komponisten später gestrichene Rezitativ, wie Jörg Widmann erklärt hatte, wird zum kontrastierenden Abschluß. Als das Dresdner Amen am Beginn im Orchester erklingt, trifft das den Programmtitel exakt: »Romantik pur«. Die Kontraste nutzt Widmann ebenso, um die Gestaltung anzureichern, wie um den Gegensatz von Gott und Teufel, den die Sinfonie in sich trägt, herauszustreichen.

Die Cellogruppe singt das Allegro vivace betörend, die Bläser tragen das Andante mit Delikatesse auf. Eine Finesse, die im letzten Satz einen Gipfel erreicht. Hier zeigen sich die Akzente des Dirigenten Jörg Widmann am deutlichsten.
21. September 2026, Wolfram Quellmalz
Nicht verpassen: Portraitkonzert mit Jörg Widmann im Festspielhaus Hellgrau, 13. November, 20:00 Uhr