Mit der Klarinette tanzen

Themenabend der Sächsischen Staatskapelle wird zum ersten Portraitteil des Capell-Primus-Musicus Jörg Widmann

Das »pur«-Konzert der Sächsischen Staatskapelle lädt einmal pro Spielzeit zum günstigen Preis in den Dresdner Kulturpalast. Ein Kennenlernangebot soll es sein, bei dem das Format unterhaltsam, aber mit Bedacht, für ein neues Publikum angepaßt ist. Das Programm setzt sich in der Regel aus zugkräftigen Repertoireklassikern und neuen oder exotischen Stücken zusammen. Eigentlich schade, daß es am Sonntag doch einige Lücken zwischen den Sitzplätzen gibt – ist die Idee noch nicht angekommen? Oder lag es daran, daß das letzte »pur«-Konzert zwar in der vergangenen Spielzeit lag, aber erst im April stattgefunden hat?

Agiler Akteur: Jörg Widmann fühlt als Dirigent die Musik mit, Photo: Sächsische Staatskapelle, © Oliver Killig

Dabei überzeugt das Format gerade diesmal besonders und in mehrfacher Hinsicht. Mit Jörg Widmann ist erstmals ein Musiker gleichzeitig Capell-Virtuos und Capell-Compositeur. Gut, das hat es anderenorts auch schon gegeben. Doch bei Multitalent Jörg Widmann kommt hinzu, daß er außerdem dirigieren und animieren kann. Letzteres betrifft das Orchester ebenso wie das Publikum. So weiß er an diesem Abend den Zuhörern interessante Kernfakten näherzubringen und mit seinem mitreißenden Wesen auch jene Besucher mitzunehmen, die den Fakt vielleicht schon kannten. Etwa die Dresdner Bezüge in Felix Mendelssohns Reformationssinfonie oder – noch wertvoller – die inneren Zeichen einer Komposition. Denn Jörg Widmann argumentiert stets aus dem Notentext heraus und kann dem Publikum erklären, warum es in Webers Klarinettenquintett Samiel aus dem Freischütz zu entdecken gibt oder welche Musik sein eigener Dance Macabre aufgreift – zum Beispiel die von Weber.

Die Fassung des Klarinettenquintetts für Streichorchester zeigt, wie Widmann mit der Staatskapelle spielt – im doppelten Sinn. Denn oft ist sein Dirigat körperbetont und agil, lockt und bittet – ein gegenseitiger Dialog zwischen den Menschen. Dennoch kann Widmann – das zeigte sich später vor allem bei Mendelssohn – konkrete Anweisungen geben, fordern, einen Klang auch direkt formen.

Jörg Widmann als Animateur: in knappen Sätzen weist er auf wichtige, nachfühlbare Fakten hin, Photo: Sächsische Staatskapelle, © Oliver Killig

Zunächst überzeugt er mit seinem Klarinettenklang. Satt und süffig eröffnet er den ersten Satz des Quintetts, als beträte Agathe die Opernszene. Bald wird sein Ton sanft, schmachtend, und es ist, als würde Widmann das Spiel übertreiben, als er immer schlanker, leiser wird. »Na, hört Ihr mich noch?« scheint er zu fragen. Wie ein unterirdischer Zauberquell sprudelt und perlt seine Klarinette im zweiten Satz, um im dritten wieder deutlich hervorzutreten.

Ein Spiel mit dem Klang, dem Ton, beherrscht auch Jörg Widmanns »Danse Macabre«, die erste Eigenkomposition des Abends. Erst stellt er – Zwölf-Uhr-Glockenschlag inclusive – eine gespenstische Ruhe ein, dann scheinen die Geister zu heulen. Verzerrte, überlagerte Themen und Glissandi werden immer wilder, bekommen rhythmische, allerdings »windschiefe« Konturen –Widmanns Geister tanzen ausgelassen, ekstatisch und wild. Aber ihre Zeit ist bemessen, erinnern die Viertelstundenschläge zwischendurch. »There‘s a place for us?« – schimmert untergründig, als ließe jemand auf dem Friedhof der tanzenden Geister Leonard Bernstein auf dem Kassettenrekorder laufen …

Da geht’s lang! Jörg Widmann reißt das Orchester im Dresdner Kulturpalast mit, weiß es aber auch zielgenau zu lenken, Photo: Sächsische Staatskapelle, © Oliver Killig

Mit der Fantasie für Klarinette solo und dem Virtuos-Compositeur geht es nach der Pause allein weiter. Nun läßt Jörg Widmann sein Instrument lachen, weinen, schluchzen … Doch er singt nicht nur jüdisch auf der Klarinette, er streitet im Jazz, springt und jubelt und reist das Publikum mit.

Felix Mendelssohns Reformationssinfonie, ausdrücklich in d-Moll und ohne das vom Komponisten später gestrichene Rezitativ, wie Jörg Widmann erklärt hatte, wird zum kontrastierenden Abschluß. Als das Dresdner Amen am Beginn im Orchester erklingt, trifft das den Programmtitel exakt: »Romantik pur«. Die Kontraste nutzt Widmann ebenso, um die Gestaltung anzureichern, wie um den Gegensatz von Gott und Teufel, den die Sinfonie in sich trägt, herauszustreichen.

Alle viere: Jörg Widmann als Solist vor der Sächsischen Staatskapelle Dresden, Photos: Sächsische Staatskapelle, © Oliver Killig

Die Cellogruppe singt das Allegro vivace betörend, die Bläser tragen das Andante mit Delikatesse auf. Eine Finesse, die im letzten Satz einen Gipfel erreicht. Hier zeigen sich die Akzente des Dirigenten Jörg Widmann am deutlichsten.

21. September 2026, Wolfram Quellmalz

Nicht verpassen: Portraitkonzert mit Jörg Widmann im Festspielhaus Hellgrau, 13. November, 20:00 Uhr

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