Kreuzorganist Holger Gehring im Dresdner Orgelzyklus
An ausgewählten Terminen im Jahr spielen die drei Hauptorganisten im Rahmen des Dresdner Orgelzyklus‘ an ihrem eigenen Instrument. Am Mittwoch war Holger Gehring an der Jehmlich-Orgel der Kreuzkirche zu erleben. Wie immer gab es ein Gespräch vorab in der Schütz-Kapelle (»Unter der Stehlampe«). Da sich der Kreuzorganist aber nicht mit sich selbst unterhalten wollte, hatte er Gäste eingeladen: Studentinnen und Studenten der Litauischen Musik- und Theaterakademie (Lietuvos muzikos ir teatro akademija). Sie waren am Programm des Abends nicht direkt beteiligt, sondern sind aktuell zu einem Austausch an der Hochschule für Kirchenmusik Dresden zu Besuch, den die Organistin und Dozentin Irena Renata Budryte-Kummer vor fünfzehn Jahren ins Leben gerufen hat.
Wie so oft zeigte sich bei solchen Vergleichen ein unterschiedliches Ausbildungsprofil: In Litauen gibt es keinen dezidierten Studiengang für Kirchenmusik. Die Orgel gehört zu den Instrumenten, die als künstlerischer Ausbildungszweig unterrichtet werden, allerdings gehören Fächer, die Studenten mit kirchlichen Aspekten wie der Liturgie vertraut machen, zum Ausbildungsprofil.
Obwohl es bereits im Barock Orgelmusik in Litauen gegeben hat, ist diese nicht oder kaum überliefert. Instrumente wie Werke stammen in der Regel aus der Zeit ab der Romantik, selbst wenn manche moderne Orgel heute in historischen Prospekten steckt. Insofern konnte Holger Gehring ein eigenes Erlebnis beisteuern: Als er vor einigen Jahren in der St. Kasimir-Kirche Vilnius ein Konzert gab, erlebte er ein Déjà-vu, denn er hatte das Gefühl, die Orgel zu kennen. Dem war auch so: die spätbarocke Stumm-Goll-Orgel hatte bis 2003 in der Stadtkirche Durlach (Stadtteil von Karlsruhe) gestanden, wo sie der Kreuzorganist vor ihrem Umzug nach Litauen spielte. Die Litauischen Studenten waren im weiteren Verlauf ihres Austausches am Freitag (Evangelischen Kirche St. Johannis Niederzwönitz) und Sonnabend (St.-Katharinenkirche Callenberg) mit geistlichen und weltlichen Werke von Komponistinnen zu erleben.
Holger Gehring hatte für sein Konzertprogramm »Fantasievolles und Fantastisches« ausgewählt, was ebenso die musikalische Gattung der Phantasie oder Fantasie einschloß wie jene Bilder, die man bei Musik imaginieren kann, und setzte Johann Sebastian Bachs (große) Fantasia g-Moll (BWV 542, 1) an den Anfang. Sie war ursprünglich noch ohne die Fuge entstanden. Trotz der formalen Freiheit des Werkes spiegelt sie eine dunkle Schwere – und wohl den Tod von Bachs erster Frau Maria Barbara. Die musikalische Freizügigkeit führte am Ende dennoch ins Licht.
Mit Johann Gottfried Müthel gab es einen der interessantesten Bach-Schüler zu hören. Allerdings waren ihm nur wenige Monate in Bachs Lehre gegönnt gewesen. Eine feine Ornamentik, verspielte Motivverschlingungen in den Oberstimmen und ein Wechsel unterschiedlich rhythmischer Teile verwiesen weniger auf Vater Bach als darauf, daß Müthel in seiner Zeit (Mitte 18. Jahrhundert) verhaftet war und weitere Lehrer, wie Carl Philipp Emanuel Bach, gehabt hatte. Wippende Figuren sorgten für eine erfrischende Belebung – Fantasie in einer freien, prickelnden Form!
Auch Adolph Friedrich Hesse hatte zu Müthels Lehrern gehört. Vom wenig bekannten Dresdner Komponisten spielte Holger Gehring die Fantasie-Sonate Opus 83 Nr. 3, die Lehrer-Schüler-Beziehung durchaus keine übermäßige Ähnlichkeit offenbarte. Zwar fanden sich bei Hesse ebenso Verfeinerungen des Geschmacks, doch fielen sie bei ihm liedhafter aus. Statt dessen spielte der Komponist stärker mit expressiven Kontrasten, während er an anderer Stelle ein hymnisches Thema zurückgenommen schimmern ließ.

Louis Vierne gehört zu jenen Komponisten, welche die Phantasie bildhaft anregen. Seine im Dunkeln schaukelnde Sicilienne und mehr noch Clair de lune, das vom Mondaufgang bis zum -untergang zu reichen schien, schlossen Hesses Fantasie mit impressionistischen Farben ein.
Holger Gehring ließ anschließend die ersten Sätze in Joseph Gabriel Rheinbergers zweite Orgelsonate (»Fantasie-Sonate«) ineinanderfließen. Zwar weniger impressionistisch, aber mit einem Sonnenaufgangsakkord ausgestattet, begann die Sonate, in der die Themen klar herausgearbeitet blieben. Obwohl der Abschluß noch einmal Mondschimmer zu enthalten schien, durfte die Fuge am Schluß noch einmal expressiv wachsen.
Mond und Licht blieben noch in der Zugabe enthalten: Edwin Lemares Andantino in Des klang beinahe wie eine Bearbeitung eines volkstümlichen Liedes oder Schlagers. Das hatten offenbar schon die Liedermacher Ben Black und Charles N. Daniels so empfunden und dem Stück später einen Text »Moonlight and Roses« (Mondlicht und Rosen) hinzugefügt.
24. September 2026, Wolfram Quellmalz