Holger Gehring präsentierte die Vielfalt von »Ein feste Burg ist unser Gott«
Martin Luthers Choral »Ein feste Burg ist unser Gott« gehört zu den wichtigsten und berühmtesten Vertonungen des Reformators. Am Mittwoch kurz vor dem Reformationstag baute Kreuzorganist Holger Gehring sein Programm in der Dresdner Frauenkirche um diesen herum auf. Der Dresdner Orgelzyklus wurde damit in einer guten Stunde um viele Varianten (Variationen) reicher.
Und bot gleich mit der ersten in Form einer Kirchlichen Fest-Ouverture eine Überraschung. Denn den Komponisten Otto Nicolai kennt man zunächst als Gründer der Wiener Philharmoniker oder für seine Spielopern wie »Die lustigen Weiber von Windsor«, aber Orgelmusik, dazu sakrale? Doch wie so oft belehrt ein zweiter Blick eines Besseren: Nikolai hat ein stattliches Œuvre geistlicher Musik hinterlassen. Seine Kirchlichen Fest-Ouverture, im Original für Orchester, Chor und Orgel zum 300. Reformationsjubiläum geschrieben, erklang hier in einer solistischen Fassung von Franz Liszt, deren Festlichkeit keine Stimme vermissen ließ. Im Gegenteil schien es, als lade Holger Gehring zum Mitsingen ein, zweite Stimmen und Schlußchoral inbegriffen.

Für Heinrich Scheidemanns Choralfantasie »Ein feste Burg ist unser Gott« wählte der Kreuzorganist dann einige Renaissanceregister, die einen für dieses Haus geradezu verblüffenden Klang erzeugten. Keineswegs so mächtig wie Nicolai, in der Ornamentik deutlich kleinteiliger, sorgten Zeilenvorimitationen und mit Girlanden umspielter Cantus firmus für einen filigranen, in vielen Einzelheiten durchhörbaren Eindruck.
Mit der Fassung von Friedrich Christian Mohrheim, der »Ein feste Burg« mit gedämpfteren Registern präsentierte, wurde das Programm dennoch geöffnet, denn Holger Gehring fügte die beiden Choralbearbeitungen »Freu dich sehr, oh meine Seele« und »Wer nur den lieben Gott läßt walten« an.
Dem schlichten, zurückgenommenen Ton folgte eine der bekanntesten Versionen des Chorals mit der Bearbeitung BWV 720 von Johann Sebastian Bach – knapp, aber auf den Punkt formuliert.
Zeit also für die nächste Überraschung, denn wer kennt schon Carl Piutti? Er unterrichtete Musiktheorie und Orgel in Leipzig und hinterließ mit »Ein feste Burg ist unser Gott« ein Choralvorspiel, das in seiner Festlichkeit an Otto Nicolai erinnerte. Damit das Neuentdecken auch lohnte, fügte Holger Gehring eine zweite Choralbearbeitung, »Schmücke dich, o liebe Seele«, voller Wärme und Farbe an.
Die Auffassung Max Regers in seinem Choralvorspiel unterschied sich erheblich davon, war auf mehr Kraft und Volumen bedacht und mit einer üppigen Fuge vom Sopran bis in den Baß ausgestattet, womit »Ein feste Burg ist unser Gott« wie auf der Orgel gesungen klang. Auch hier gab es einen Nachklang: Regers Benedictus (aus »Zwölf Orgelstücke« Opus 59, Nr. 9).
Das hymnische Allegro aus Charles-Marie Widors sechster Orgelsinfonie sorgte für das Finale des Orgelkonzerts.
29. Oktober 2026, Wolfram Quellmalz