Maria Lettberg in der Villa Teresa
Wie groß, wie großartig, vielfältig ist Europa? Die lettisch-schwedische Pianistin Maria Lettberg hat aus der Frage ein Programm gemacht und 27 Stücke aus europäischen Ländern zusammengestellt. Dabei überschreitet sie nicht nur geographische Grenzen (wie sie sie ebenso verbindet), sondern überstreicht auch Zeitepochen. Von Renaissance über Wiener Klassik und Romantik in all ihren Phasen bis zur Minimal Musik und Gegenwartsmusik reicht »Europolis«, so der Titel, das sie am Sonntagnachmittag in der Villa Teresa vorstellte.
Dabei lassen sich nicht immer Länder oder Idiome klar trennen. So wie die Pianistin selbst in Lettland geboren und in Schweden aufgewachsen ist, ging es vielen ihrer Protagonisten: Franz Liszt, in Raiding im Österreichischen Kaiserreich geboren, bezog das »z« in seinem Namen (auch »List«) aus einem ungarischen Familienursprung. Der Neapolitaner Domenico Scarlatti lebte als Cembalist der Prinzessin Maria Bárbara lange am Spanischen Hof, weshalb es von seinem Namen eine spanische und sogar eine portugiesische Schreibweise gibt – Scarlatti legte sogar das Gelübde zum Ritter des Kapuzinerklosters San Antonio del Prado ab. Der Pole Fryderyk Chopin französisierte seinen Namen in Paris …
Die Europäische Musikgeschichte ist voller Grenzübertretungen, Übertragungen und fremder Inspirationen. Das machte vielleicht einen der Reize des Programms aus, das streng nach dem Geburtsland unterschied. Der Rumäne George Enescu kam frühzeitig nach Frankreich und blieb lange Jahre dort – er hat die nationale Art nicht nur kennengelernt und aufgenommen, sondern wurde einer der wesentlichen Akteure des französischen Impressionismus in der Musik.
Maria Lettberg hatte den Programmbeginn in eines der Ursprungsländer gelegt: die Niederlande. Jan Pieterszoon Sweelincks Paduana Lachrymae, einmal auf dem Klavier gespielt, repräsentierte eine ganze Schule (ursprünglich Orgelschule) und ließ mit großer Festlichkeit die Tränen, auch frohe, perlen. Damit offenbarte sich aber eine Lücke – John Dowland hatte einst sieben Tränen beschrieben, doch Dowland mit dem EU-Austritt leider ausgeschlossen – in diesem Falle bedauerlich!
Der erste Block, den Maria Lettberg zusammenfaßte, ließ einer Sonate Domenico Scarlattis (C-Dur, K 159) zwei einzelne Sätze folgen: Mozarts Adagio aus KV 332 und Beethovens Rondeau aus Opus 13. Hier lagen die Grenzüberschreitungen freilich noch ganz anders, denn nicht nur durch Geburt und Fortzug, auch durch den Verfall königlicher Reiche sehen Länder heute anders aus. Mozart wiederum wandelt vom ursprünglichen F-Dur ins benachbarte D-Dur.
Das war an sich in der Zusammenstellung ungewöhnlich. Der historische Steinway, einst der Konzertflügel von Eugene d’Albert, der mit seiner Frau Teresa Carreño in der Villa Teresa gelebt hat, ist für den Raum aber eigentlich überdimensioniert, zudem klang er anfangs metallisch hart und durchdringend laut. Das überrascht insofern, daß das Instrument der Pianistin nicht unbekannt ist – sie hat ihr Konzertprogramm im vergangenen Jahr darauf auf CD eingespielt!
Im weiteren Verlauf gab es jedoch gelungene Begegnungen und ausgewogenere Beispiele. Auch konnte man Gattungsbeiträge ganz unterschiedlicher Herkunft (Zeit und Region) kennenlernen, etwa Humoresken und Nocturnes vergleichen.
Ein hübsches Nocturne John Fields (Irland) hatte eine Trias mit Chopins recht greller Étude Opus 10 Nr. 12 begonnen, Franz Liszts »Consolation« schloß sie ausgesprochen elegant ab.
Neben bekannten Werken und Komponisten (Debussy: »Bruyères«, Albéniz: »Malaguena«) war es in manchen Ländern schwer, erzählte die Pianisten, typische Werke zu finden. Portugal etwa (José Vianna da Motta: »Valse caprichosa«) oder Malta (Charles Camilleri: Cantilene), doch blieb die Auswahl gewollt subjektiv. Was die Entdeckungsreise bremste, waren die häufigen und zu langen, teils in flapsigem Tonfall vorgetragenen Moderationen.
Der Bogen durch Europa blieb dennoch interessant, band Werke unterschiedlicher Schweregrade ein und berührte populäre Komponisten. Arvo Pärts »Für Alina« war ebenso darunter wie Mikis Theodorakis‘ Melos Nr. 10. Nachzuhören auf der CD. Die Zugabe (Wiederholung des Lieblingsstückes) war Antonín Dvořáks »Humoreske«.
26. Oktober 2026, Wolfram Quellmalz

