Stipendiatenkonzert bot wieder Vielfalt und Qualität
Am Donnerstag gaben die Auftritte von sieben Stipendiaten im Konzertsaal wieder einmal Einblicke über künstlerische Leistungen der Dresdner Musikhochschule (HfM). Doch »Stipendiatenkonzert« darf es nicht mehr heißen. Es könnte ja sein, jemand vergäße, daß Stipendiatinnen dazugehören. Nur fragt man sich: Wer vergißt das bitte? Ist das nicht selbstverständlich? Die Alltagserfahrungen sprechen ebenso dafür wie die Besuche von Konzerten der HfM. Zumal der neue Titel »Ausgezeichnet«, per Wettbewerb vom neuen Rektor Lars Seniuk erkoren, das eigentliche und doch edle Ansinnen der Stipendien verwässert: Preise und Auszeichnungen werden im allgemeinen rückblickend für eine erbrachte Leitung zuerkannt, Stipendien schauen dagegen zwar ebenfalls auf Voraussetzungen, richten den Blick aber in die Zukunft, sollen mit einer finanziellen Unterstützung helfen, daß Freiräume entstehen und eine Entwicklung gefördert wird – spätere Preise eingeschlossen. Die Preisträgerkonzerte der HfM zeigen das regelmäßig – oder dürfen die auch nicht mehr so heißen? Bleibt zu hoffen, daß sich die Arbeit des Rektors nicht in Umbenennungen erschöpft.
Schließlich wollen die Studentinnen und Studenten nicht mit Namen oder Titeln, sondern mit Leistungen Zeichen setzen. Das gelang ihnen recht eindrucksvoll, Mehrfachbeteiligungen und eine Uraufführung (wohl erstmalig in diesem Rahmen) eingeschlossen.

Der Beginn bot bereits eine große Spannweite des Gesangs, denn Luisa Scholz wagte sich mit elegant fallenden Spitzentönen in die Arie »Oh wär‘ ich schon mit dir vereint« der Marzeline aus Beethovens »Fidelio«. Mit Klavierbegleiterin Seungwhan Ji und nun auch Gesten, den Charme unterstreichend, wechselte die Sopranistin zu Andre Messagers »L’amour masque«, einer musikalischen Komödie, welche die Verliebtheit auf einem Maskenball hinterfragt.
Zwar blieb der Gesang erhalten, doch Clara Esther Bergert wandte sich einer ganz anderen Gattung, dem Lied, zu. Statt Schubert, Schumann oder Strauss hatte sie Modest Mussorgsky ausgewählt. Der Liederzyklus »Kinderstube« ließ drei kleine Szenen bis zum »Abendgebet« mit kindlicher Andacht anmutig entstehen.

Duo Wan gehörte zu den »Mehrfachtäterinnen« an diesem Abend. Zunächst ließ sie mit Jou-I Chen in einem Duo für zwei Violinen des Violinvirtuosen Giovanni Battista Viotti die beiden Stimmen mit feiner Melodiösität und grazilen Verzierungen gleichwertig singen. Gleich darauf versenkte sie sich mit Yuta Terikatsu am Klavier in Richard Strauss‘ Violinsonate Es-Dur (Opus 18). Zwar spielten beide nur die Improvisation. Andante cantabile, diese barg aber eine schwere Süße und Fülle von Klang in sich. Und Leidenschaft, mit Stakkato-Effekt und Klavierakkorden angetrieben.
Neu im Format waren kleine Moderationen der Studenten für die nachfolgenden Teilnehmer. Zwar sind Informationen über Hobbys, Literatur und Backen nur bedingt wertvoll, manches interessante erfuhr man aber doch. So lernt Huiming Zhang aus der Klavierklasse von Hinrich Alpers mittlerweile auch Französisch und Violine. Das könnte den Reiz an César Francks Sonate für Violine und Klavier A-Dur künftig noch erhöhen, denn von dem französischen Werk gibt es eine Fassung für Klavier solo. Diesmal erklang die Originalversion mit Jou-I Chen an der Violine, die als vollkommen andersfarbiger Reflex Strauss‘ Sonate gegenüberstand.

Manche Moderationsinhalte überraschten. So soll Vanessa Valenzuela Gatica noch nie Violine gespielt haben, was für eine Bratschistin in der Tat ungewöhnlich wäre. Sie ließ zunächst zwei der Papillons von Manfred Weiss erklingen, wobei der Schmetterling im ersten wohl satt ruhend auf einer Blume saß und mit den Flügeln schlug, bevor im zweiten die typischen, unvorhersehbaren Wechsel der Flugbahn den Melodieverlauf prägten. Paul Hindemiths »Der Schwanendreher« (mit Andreas Hecker am Klavier) meistere die Stipendiatin ebenso souverän.
Große und kleine Momente setzen sich unterschiedlich nachhaltig in Erinnerungen nieder. Leon Jonas Thieme verband in seiner Komposition »Farewell to a known stranger« (Uraufführung) den Geschmack von Erdbeeren, Schokolade und einem Kuß. Das Klavier (Clara-Maria Schina) schien zunächst Franz Liszts »La campanella« nachzuspüren, Irina Maria Ehrmann-Antesberger, Luisa Scholz und Clara Esther Bergert flochten aber bald die bleibenden Erinnerungen der flüchtigen Momente zusammen.

Mit drei letzten Bildern aus »Le tombeau de Couperin« von Maurice Ravel schloß Huiming Zhang den Abend ab. Irisierend entfaltete sich das Prélude auf dem Klavier, während der Pianist die Forlane flanieren ließ. Die Toccata schien danach sanft, aber agil.
23. Oktober 2026, Wolfram Quellmalz