Ivan Ženatý im Rezital an der Musikhochschule mit Bach
Seit Jahren, eigentlich Jahrzehnten gehört Ivan Ženatý zu den Professoren der Dresdner Musikhochschule, bildet selbst auf seinem Instrument, der Violine, aus. Regelmäßig war er an der Reihe »Professoren im Konzert« beteiligt. Am Mittwoch war Ivan Ženatý nach längerer Zeit wieder einmal zu erleben. Diesmal mit drei Solowerken Johann Sebastian Bachs, die ihrerseits nicht nur einen Kosmos oder Gipfel der Geigenliteratur markieren, sondern unumgängliche Prüfsteine in der Ausbildung darstellen.
Die drei aufeinanderfolgenden Nummern 1004, 1005 und 1006 aus dem Bachwerkeverzeichnis deuten bereits eine Geschlossenheit an, Ivan Ženatý setzte ihre Reihenfolge aber so, daß der Höhepunkt, die Ciaconne aus der Partita d-Moll (Nr. 2, BWV 1004) den Abschluß bildete.

Wobei die Folge wohl in jedem Fall unmittelbar gewesen wäre, unabhängig von der Einordnung im BWV, denn Ivan Ženatý wollte wohl Bezüge und Wechselwirkungen besonders hervorheben und hatte darum gebeten, nicht nach den einzelnen Stücken, sondern erst am Ende des gesamten Programms zu applaudieren. Ob beabsichtigt oder nicht (vielleicht wollte er einfach Ruhe und Konzentration aufrechterhalten) – die Übergänge zwischen der zuerst gespielten Sonate für Violine solo (Nr. 3, C-Dur, BWV 1005) und der folgenden Partita (Nr. 3, E-Dur, BWV 1006) führte auf eine deutlich höhere Tonstufe, beim Wechsel zur Partita Nr. 2 fiel der Wechsel der Klangwelten markant auf: auf zweimal Dur folgte d-Moll.
Letztlich blieben solche Auffälligkeiten jedoch nicht prägend, denn getrieben wurden die drei Werke von einer ununterbrochenen inneren Energie und Spannung. Selbst das typische »Sägen« des Bogens auf kurzen Akkorden wirkte da nicht mechanisch, weder im Klang noch optisch – rund, in Kreisen und Wellen liefen die Bewegungen ab, oder ihrerseits selbst in einer ausgesprochenen Bogenbewegung, wie ein mit der Hand beschriebener Halbkreis, der den runden Klang eines Adagio formte.
In weiten Strecken hätte man den Abend tatsächlich als Lehrveranstaltung erleben können, über Kontrapunktik oder wie damit quasi zweistimmige Sätze dargestellt werden, wie im Adagio der Sonate C-Dur zu Beginn. Es waren eben nicht die »Punkte« allein herausgehoben oder linear in Beziehung gesetzt, sondern in einer Melodie verbunden, die dynamisch wuchs. Im zweiten Satz, Fuga, verband Ivan Ženatý Formenstrenge und die Freiheit der Musik. Denn weder die Fuge selbst noch der Ablauf schienen akademisch, sondern waren vielmehr beseelt, ließen die Melodie einmal aus der Fuge hervortreten – mitten im Beginnen schlummerte da bereits ein Höhepunkt – oder war es schon ein Kontrapunkt zum gewaltigen Schluß?
Das lebhafte Allegro assai nutzte Ivan Ženatý später wie als Sprungbrett zur (tonal) höher gelegenen Partita Nr. 3. Damit gab es einen weiteren Wechsel: auf die ausgeformten, thematisch ausgearbeiteten Sonatensätze folgten in den Partiten kürzere, mehr vom Rhythmus betonte Satzfolgen. Der innere Impuls, wiegende Rhythmen oder Pendelfolgen waren hier umgesetzt, und nebenher hörte man Tanzsätze wieder, die Violinsolisten nach ihren Konzerten gern als Zugabe nehmen, wie die Gavotte en Rondeau oder später die Sarabande in der abschließenden Partita BWV 1004. Der Gigue im Ausklang von Partita BWV 1006 entwickelte eine regelrechte Sprungkraft.
Ein Sprung in die Tiefe, den in d-Moll angekommen begann die Allemanda nachdenklich – auch hier mit einem Halbkreis des Bogens. Doch allein tiefes Sinnen oder gar Grübeln wollte Ivan Ženatý nicht gelten lassen und ließ die Sarabande frei wippen, bevor erneut eine Gigue zum Sprung ansetzte.
Die abschließende Ciaccona überbot den Höhepunkt der Fuga vom Anfang. Beherzt angegangen, entwickelte der stetige spiralförmige Aufbau, der immer neue Stufen erreichte, eine Sogkraft eines Gesamtkunstwerks, ohne von den vorangegangenen Stücken abzuheben. Gerade der Verlauf über den Abend, der in diesen einzelnen Satz führte, machte wesentlich das Erlebnis dieses Violin-Rezitals aus. Daß Ivan Ženatý keine Zugabe nachsetzte, war nur folgerichtig.
22. Oktober 2026, Wolfram Quellmalz