Mit Respekt und Violen

Daniele Gatti zelebriert Gustav Mahlers zehnte Sinfonie mit der Sächsischen Staatskapelle

Wie geht man mit unvollendeten Werken um? Spielt man sie als Fragment, verwahrt man sie ungehört im Tresor der Musikhistorie oder wagt man sich an eine Vervollständigung? Sind Versuche, fehlende Sätze oder Teile zu ergänzen, ein Sakrileg oder helfen sie, eine Idee aus dem Raum der Theorie, der Musikwissenschaft und des intellektuellen Gedenkens in den Konzertsaal und die Rezeption zu befördern? Es gibt durchaus geglückte oder akzeptierte Beispiele, man denke nur an Wolfgang Amadé Mozarts Requiem. Die Beispiele mißglückter, mißratener und unnötiger Komplettierungen sind wohl dennoch zahlreicher.

Einigen wir uns zunächst darauf, daß es bei einer Vervollständigung neben Sachverstand auch des Respekts vor Werk und Erschaffer bedarf. Doch es gibt neben dem Recht ebenso eine Verantwortung des Hörers in der Wahrnehmung. Insofern sei zu überlegen, wieweit es sinnvoll ist, im Fall von Gustav Mahlers zehnter Sinfonie die Gedanken des Bearbeiters nachvollziehen zu wollen oder gar Mahlers sehr persönliche Notizen auf Skizzen und Entwürfen in die Hörbetrachtung einzubeziehen. »Für dich leben, für dich sterben!« – ist das im Konzertsaal wirklich ein für das Aufführungserlebnis hilfreicher Hinweis?

Wesentlich ist in jedem Fall die Entscheidung für das Werk. So wie im Falle Bruckner bei vielen Sinfonien frühe, revidierte und spätere Fassungen vorliegen, gibt es bei Mahler unterschiedliche Bearbeitungen und Versuche der Vervollständigungen. Die erste wichtige geschah durch Ernst Krenek, der zwei Sätze bearbeitete, Deryck Cooke nahm auch die umfangreichen Skizzen der übrigen als Grundlage für eine vollständige, fünfsätzige Sinfonie. Ein Wegbegleiter für die Aufführungen war damals übrigens, das sei als historische Fußnote angemerkt, Berthold Goldschmidt, dessen eigene Werke bei uns nicht unbekannt sind. Am Sonnabend war sein dreißigster Todestag.

Geben und nehmen: Daniele Gatti und die Sächsische Staatskapelle Dresden in der Semperoper, Photo: Sächsische Staatskapelle, © Oliver Killig

Chefdirigent Daniele Gatti hatte sich im Rahmen seines Mahler-Zyklus‘ mit der Sächsischen Staatskapelle für die Cooke-Fassung entschieden. Nicht nur am Anfang verblüfft diese zehnte, denn die Gruppe der Violen schien in Wagner-Harmonik zu wandeln, bis sie mit den Bläsern in ein typisches Mahler-Idiom umschwenkte. Durch Gruppenaufteilung und Dialoge hatte Mahler immer wieder das sinfonische Prinzip, das doch wörtlich »(alle) zusammen« meint, im Grunde unterlaufen. Geradezu kammermusikalisch läßt er Episoden aufblühen oder kippen – wie oft bei Mahler ist das Bild instabil, was gerade (s)einen Reiz ausmacht.

So ließen sich die fünf Sätze durchaus nicht einheitlich lesen oder hören, denn bereits der erste, von Mahler am weitesten Ausgearbeitete, enthält eine Scherzo-Intarsie, Mahler hatte ihn Adagio. Andante – Adagio überschrieben. Beim dritten Satz allerdings, »Purgatorio«, suchte man das Feuer vergeblich. Der Wechsel zwischen Holzbläsern und Streichern geriet am Sonntagmorgen ausgesprochen luftig – da flackerte kein Teelicht! Also sollte man besser auch die Satzbezeichnungen überlesen?

Beim Hören indes ergaben sich zahlreiche Mahler-Anklänge. Wieweit sie da schon standen oder von Deryck Cooke hineinempfunden waren, ließ sich beim Hören freilich kaum sagen. Aber wer mag schon mit einer Partitur auf dem Schoß (noch dazu am Sonntagmorgen) eine Vervollständigung sezieren?

Allein hörend ergaben sich immer wieder Reflexe, gerade aus den trügerischen Bildern, die Mahler so gern dissonant verzerrt. Insofern ließ Daniele Gatti die Staatskapelle gehörig »rauchen« und sorgte mit einem fein aufgefächerten Orchesterüberblick immer wieder für neue Bilder oder Einblicke in Episoden, und sei es in einen Pizzicato-Akkord des ersten Satzes – das hätte glatt von Arvo Pärt sein können!

Darin gingen so manche Soli auf oder Ensemblegruppen (Hörner). Gerade die Blechbläser sorgten von Trompete über die Posaune bis zur Tuba für Akzente. Nach und nach setzte sich das Prinzip durch, denn was zunächst kleinteilig und episodenhaft wirkte, barg immer wieder Momente eines großen Klangs – bei Mahler eindeutig weniger Himmel, mehr Abgrund. Daniele Gatti balancierte an dessen Rand, ohne abzustürzen. Der zweite Satz ließ sich pointiert erleben, was für die Bearbeitung spricht. Letztlich ging Deryck Cooke mit Mahlers Zehnter doch einen Schritt weiter, mag es auch (nur) sein eigenes Schrittmaß gewesen sein.

18. Oktober 2026, Wolfram Quellmalz

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