Eine Stunde himmlisch gute Musik

Kreuzvesper mit dem VICA Ensemble

Lange Zeit hat die Dresdner Kreuzkirche ihre Vespern unter den Titel »Musik+Abend+Stunde« gestellt, der fokussierend die Ebenen von Zeit bzw. Tages-, Jahres- und Lebensablauf, Andacht und Musik verschmilzt. Eigentlich eine schöne Idee, aber als Motto manchen vielleicht zu sperrig, zu wenig zugänglich? Seit einiger Zeit heißt es statt dessen »Eine Stunde himmlisch gute Musik«. Man hat den schlichten Titel also gegen ein großes Versprechen ausgetauscht – bleibt zu hoffen, daß die Erwartungen immer erfüllt werden!

Das VICA Ensemble erfüllte sie vor dem 28. Sonntag nach Trinitatis singend auf geradezu überwältigende Weise. Dabei standen nur Werke aus dem sogenannten Becker-Psalter auf dem Programm. Im Nachklang des Heinrich Schütz Musikfestes hatte Richard Stier Werke aus Heinrich Schütz‘ umfangreichen Opus ausgewählt – von SWV 92 bis 256 reichen die Psalmvertonungen der Texte des Leipziger Theologen Cornelius Becker (1602). Schütz war es wichtig, daß sie in den Gemeinden gesungen werden konnten, weshalb er gleich zwei Werksammlungen veröffentlichte, die zweite, vollständige mit einem Generalbaß versehene als Opus 14 im Jahr 1661.

Links: Titelblatt zu Cornelius Becker »Der Psalter Davids Gesangweis. Reimfassung aller biblischen Psalmen für den Kirchengesang« (Leipzig 1602), rechts: Cornelius Becker (historische Zeichnung, 14,1 x 9,1 cm, Künstler und Datum unbekannt), Porträtstichsammlung Universitätsbibliothek Leipzig, Bildquellen: Wikimedia commons

Gegenüber den Geistlichen Konzerten, Historien und anderen Werken stehen sie jedoch im Schütz-Kanon noch zurück. Die Mitteldeutsche Barockmusik in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen e. V. hat deshalb In Kooperation mit dem Verband Deutscher KonzertChöre VDKC die Plattform open_psalter eingerichtet, auf der Profi- und Laienchöre gemeinsam auftreten und ihre Einspielungen einzelner Psalter-Teile präsentieren können. Auch der Mitschnitt der Kreuzvesper vom 17. Oktober wird dort erscheinen.

DIE VESPER

Das VICA Ensemble haben wir schon oft besucht und dabei sowohl eine erfreuliche Entwicklung als auch eine mitreißende Emotionalität festgestellt. Diese Erfahrungen wiederholten sich am Sonnabend ähnlich, stetig und konsequent. Denn Dirigent Richard Stier hatte für die an sich schlichten Texte und Melodien (Heinrich Schütz hat sie nicht originär für seine Hofkapelle geschrieben, sondern mit Blick auf die Menschen in den Gemeinden) oft beeindruckend dramaturgische Steigerungen und Betonungen gefunden und die Form der Aufführung, wie die Choraufstellung, in seine Überlegungen einbezogen.

So begann das VICA Ensemble »Eile, mich, Gott, zu erretten« (SWV 282) im Halbkreis um die Bänke im Kirchenschiff stehend. Der unmittelbare, berührende Chorklang wurde noch durch das Sopran-Solo erhöht und vom sachten, aber akzentuierten Continuo (Orgel: Inga Diestel, Laute: Daniel Galindo) unterstrichen. Die Anrufung durch angehobene Stimmen und ein betontes »mein Gott« wirkte um so authentischer.

Auf diesem Niveau und mit nicht nachlassendem Effekt gestaltete sich das weitere Programm. Das warf teils die Frage auf, ob man das mit dieser Intensität ebenso im Konzert machen könnte oder würde. Doch hier ging es ja um eine Andacht, die neben der Musik Worten, Gebet und Segen enthielt. Gerade in diesem Zusammenhang war diese Dramaturgie wohltuend.

Zudem zeigten sich starke Solostimmen im Ensemble, wobei vor allem Fanny Lamers (Sopran) eine Entwicklung fortsetzte, die wir schon in den letzten Konzerten sowie beim Dresdner Kammerchor nachvollziehen konnten – hier wächst offenbar eine weitere große Solostimme nach, welche noch die Mühen des hohen Soprans leicht meistert!

»Erhöre mich, wenn ich rufe« (SWV 289) mit seinem sanft wogenden Charakter und »Wohl denen, die da leben« (SWV 217) mit schlichtem Beginn und ausgewogenen Solisten, setzten die Vesper fort und folgten dem Ansatz einer flexiblen, sich steigernden Dynamik, womit sich jeweils eine Verstärkung im Faktor des Mitreißens einstellte. »Tu wohl, Herr, deinem Knechte« (SWV 218) erfuhr auf diese Weise ebenfalls einen beflügelnden Charakter. Der Basso continuo bestand dabei nur aus der Orgel, den letzten Vers trug das VICA Ensemble zudem a cappella vor – noch eine Steigerungsbetonung.

KMD i. R. Thomas Meyer, der Einzug und Gemeindelied an der großen Orgel begleitete, hatte zwischen die Psalmen Johann Sebastian Bachs Fantasie G-Dur oder Pièce d’Orgue (BWV 572) gesetzt, das sich zunächst feingliedrig im Oberwerk ausbreitete, in Wellen des Hebens und Senkens aber schließlich bis in den Pedalbaß vordrang – noch ein »mitnehmender Moment«.

VICA ließ darin ebensowenig nach, denn »Eins bitte ich vom Herren« (SWV 29) wurde von zwei Solisten oben auf der Empore mit Echowirkung vorgetragen. Auch »Du tust viel Guts beweisen« (SWV 220) stand eher für eine komplexe, ausgefeilte Dramaturgie mit Wechseln zwischen Soli und Tutti als für schlichten Liedgesang – soviel zur Einordnung des Becker-Psalters.

Ob in der (nun wirklich) schlichten Vermittlung knapper Texte oder der reichen Ausmalung von Gefühlen, ob »Die Gottseligkeit ist zu allen Dingen nütz« (SWV 299) oder »Ich haß die Flattergeister« (SWV 222), ob mit Generalbaß oder Betonung durch a-cappella-Vortrag – das VICA Ensemble nutzte den Gestaltungsraum im besten Sinne. So wie sich die Solisten während der laufenden Psalter-Teile ohne »anzustoßen« wieder einreihten, so lückenlos und ohne Brüche waren die Übergänge zwischen Solo– und Ensemble-Passagen.

Ganz klar, mit dem Becker-Psalter kann ein Gottesdienst, kann eine Vesper zum Fest werden. Dafür standen noch einmal »Ich liege und schlafe und erwache« (SWV 310) mit Solist Manuel Schuh und Lautenbegleitung (beide auf der Empore) sowie »Dir gebührt allein die Ehre« (SWV 223). Eine festliche Mottete, »Ich weiß, daß mein Erlöser lebt« (SWV 457), durfte die Kreuzvesper beschließen, in der Richard Stier noch einmal das auf zwei Zeilen konzentrierte Aufwogen dynamisch effektvoll verstärkte.

19. Oktober 2026, Wolfram Quellmalz

Die Kreuzvesper am kommenden Sonnabend gestalten der Kammerchor der Universität Göttingen (Leitung: Antonius Adamske), Dr. Wolfram Hoppe (Orgel) sowie Pfarrer Holger Milkau.

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