Von den Anfängen bis in die Romantik

Sebastian Freitag an der Silbermann-Orgel der Hofkirche

Das Konzert von Domorganist Sebastian Freitag im Rahmen des Dresdner Orgelzyklus‘ reichte diesmal aus der Zeit vor Bach bis in die Blüte der Hochromantik. Dreihundert Jahre umfaßten die Stücke am Mittwoch in der Hofkirche nahezu, von Samuel Scheidt bis zu Franz Liszt.

Den Anfang hatte Sebastian Freitag aber bei Carl Philipp Emanuel Bach festgelegt. Seine Fantasie und Fuge c-Moll (Wq 119, Nr. 7) führte in die Berliner Jahre des Komponisten. Viele von Bachs Orgelwerke entstanden damals für die (erhaltene) Hausorgel der Prinzessin Anna Amalia (Amalie von Preußen) und wurden später auf dem Instrument in der Pfarrkirche Zur frohen Botschaft eingespielt. Gottfried Silbermanns größte und letzte vollendete Orgel ist aber ebensogut dafür geeignet, bewies Sebastian Freitag. Dabei gehören Fantasie und Fuge gar nicht zwangsläufig auf eine Orgel, sondern sind auf anderen Tasteninstrumenten ebenso zu Hause, etwa auf einem Cembalo. Carl Philipp Emanuel Bach soll sie gern auf dem Clavichord gespielt haben.

Mit seiner feingliedrigen Ornamentik folgte das Werkpaar Verästelungen und Galanterien, die nur einen Nachteil hatten – sie waren zu kurz! Zwar blieb Sebastian Freitag bei Carl Philipp Emanuel Bach, änderte jedoch die Gattung und damit auch die »Geschmacksrichtung«. Denn sein Trio d-Moll (Adagio) verwies bereits in romantische Gefilde: leicht schwimmende Register in der Begleitung, aus der sich die tragende Melodie erhob. Deutlicher und kantabler gelang die Choralbearbeitung »Aus der Tiefe, rufe ich zu Dir«, denn hier hatte Carl Philipp Emanuel zwar der Singstimme eindeutig den Vortritt gelassen, sie aber mit einer filigranen Ornamentik in der Begleitung verbunden. In der Betonung schien die rufende Stimme weit aus der Tiefe zu kommen.

Lucas Cranach (der Ältere): »Der Jungbrunnen« (Ölfarbe auf Lindenholz, 122,5 x 186,1 cm, 1546), Gemäldegalerie, Berlin, Bildquelle: Wikimedia commons

Mit Jan Křtitel Kuchař stand danach ein Mozart-Zeitgenosse auf dem Programm. Seine Fantasie in g-Moll begann mit überraschend kräftigen Stimmen (bzw. Silbermann-Registern), die aber in der Wiederholung gemildert ausfielen. Von hier entwickelte sich ein Dialog, der Solo- oder konzertierende Stimmen und Plenum gegenüberstellte und bis in die verspielte Welt der Orgelautomaten bzw. Vogelstimmen, wie sie auch Mozart oder Haydn verwendet hatten, führte.

Mit dem Magnificat noni toni (SSWV 148) von Samuel Scheidt ging es noch einmal zurück in der Musikgeschichte. Die Polyphonie, Harmonie oder schlicht die Tonalität der alten Kirchentonarten (hier: neunter Ton / äolisch) ist allein schon oft berührend. Auch hier genügte bereits ein Anfangsakkord, um zur Seele vorzudringen. Das Thema des Magnificat bewegt sich dabei auf vergleichsweise kleinem Raum, ohne große Verzierungen oder wilde Ausbrüche, ohne expliziten Höhe- oder Tiefpunkten zuzustreben. Schlicht und gesanglich nahm es ein und entwickelte sich, zurückhaltend zunächst, in den Variationen, bis es mit dem hinzutretenden Pedalbaß an Mächtigkeit gewann. Ein Höhepunkt!

Nun war gerade eine knappe halbe Stunde vorüber, aber nur ein Werk stand noch auf dem Programmzettel: Franz Liszt Fantasie und Fuge über den Choral »Ad nos, ad salutarem undam«, jenem geheimnisvollen Choral über das Heilsversprechen (»Zu uns, zum heilsamen Wasser«), den Liszt in Dresden (nur wenige Meter von der Hofkirche entfernt), in Giacomo Meyerbeers Oper »Le prophète« gehört hatte.

Titelseite des Erstdrucks von (Verlag Breitkopf & Härtel, Leipzig, ca. 1854), Bildquelle: Wikimedia commons

So schwer der Choral (der nicht als Bestandteil in eine echte Liturgie gehört) zu identifizieren ist, so überbordend, ja unmäßig ist Liszts Werk, der hier im Grunde wie in seiner h-Moll-Sonate auf dem Klavier, frei über das Thema phantasiert, es umwirft, fast wie einen Teig knetet und immer neu beginnt, wenn er schon einmal am Ende angekommen zu sein scheint. In langen Teilen beeindruckten die Dialogpassagen, letztlich auch mit dem Pedal (was der Pianist Liszt nur bedingt einsetzte), sowie die Gebilde, die der Komponist mit dem Thema des Chorals auftürmte und fugierte. Als Zuhörer ist man danach immer ein bißchen fassungslos, überfordert – wie mag sich da erst der Spieler fühlen? Wohl nicht zuletzt, als habe er eine riesige Aufgabe bewältigt (oder ein Ungetüm gebändigt)?

16. Oktober 2026, Wolfram Quellmalz

Am 4. November schließt Marcel Fladerer die Konzerte des Dresdner Orgelzyklus‘ in der Hofkirche für dieses Jahr ab, am 24. Februar wird Domorganist Sebastian Freitag das erste Konzert des neuen Jahrgangs spielen.

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