Miserere-Vertonungen beim Zelenka Festival
Die Kulturbrücke Prag-Dresden bzw. Tschechien-Sachen ist eine höchst lebendige. So finden Musiker und Sänger beider Seiten oft in Projekten zusammen. Auch zur ersten Aufführung der beiden Miserere am Donnerstag in der Basilika des Klosters St. Maria unter der Kette waren nicht nur die Solisten »gemischt« – im deutschen Chor fanden sich ebenso tschechische Namen, wie deutsche Musiker im Ensemble Inégal mitwirkten, beginnend bei Konzertmeister Daniel Deuter, den wir unter anderem aus der Batzdorfer Hofkapelle kennen.
Zunächst hatte er aber Pause, denn Gregorio Allegris zweichöriges Miserere wird nur von einem Basso continuo begleitet. Genaugenommen handelte es sich dabei um eine Wiederentdeckung, denn die gebotene Fassung ist eine Bearbeitung Zelenkas, ebenfalls aus dessen Privatsammlung. Der Dresdner Kirchen-Compositeur hatte das Werk für die Dresdner Kapellknaben eingerichtet. In der prächtigen Prager Basilika standen sich der Dresdner Kammerchor mit einer kleinen Continuogruppe um die Orgel (Tobias Mäthger, auch Choreinstudierung) und ein Sängerquartett auf der Empore gegenüber. Der Kontrast zur an sich kleineren Gruppe der Solisten (Veronika Vojířová / Sopran, Jonathan Mayenschein / Alt, Tobias Hunger / Tenor und Martin Schicketanz / Baß) wirkte dabei ebensowenig wie jener zwischen Laute (auf der Empore) und Truhenorgel groß oder gegensätzlich, sondern sorgte im Zusammenhang mit der Aufstellung im Raum für feine Unterschiede in Farbe, Geschlossenheit oder Ausdrucksstärke. Dabei war der Baß von Martin Schicketanz, der für die meisten Zuhörer nicht sichtbar stand, charakteristisch zu erkennen. Der an sich sanft verlaufende Dialog fand in eine sinnige, glaubwürdige Bekräftigung der Schlußformel (Gloria patri / Amen).
Und nun das ganze noch einmal? Nein! Allegri hat von Mozart über Mendelssohn bis Pärt viele begeisterte Kenner, Nachahmer und Fortführer gefunden. Jan Dismas Zelenka verarbeitete die Verse des Bußpsalms in einem eigenen Werk für Orchester, Chor und Solisten (Miserere d-Moll ZWV 56). Darin gelangen Adam Viktora, dem Dresdner Kammerchor und dem Ensemble Inégal eine der überzeugendsten Leitungen der vergangenen Jahrgänge (den Sopran hatte nach der Allegri-Bearbeitung Gabriela Eibenová übernommen).
Nur vorübergehend ließ diese Leuchtkraft von Chor und Orchester einmal nach (Quoniam iniquitatem meam ego cognosco … Et peccatum meum contra me est semper / Da ich ja meine Ungerechtigkeit erkenne … Und meine Sünde mir immer gegenübersteht), das folgende Tibi soli peccavi (Habe ich nur gegen dich gesündigt) war ein Paradebeispiel, wie eine Fuge nicht nur in Stufen (der Fugierung) wächst, sondern auch allmählich immer kräftiger werden kann. Solche starken Chorpassagen wiederholten sich im Asparges me hysopo et mundabor (Du wirst mich mit Ysop besprenkeln und ich werde gesäubert werden) oder im Tunc inponent (Dann bieten sie dir Kälber auf deinem Opfertisch). Das »Amen« fiel ebenso aus und wurde später zur zweiten Zugabe.

Unter den Solisten fielen instrumental vor allem die feinen Posaunen auf. Während Holzbläser und Streicher nicht im Kontrast standen, sondern eine sinnliche Klangmischung bereiteten, unterstrichen die Barockposaunen von Vít Kořínek, Pavel Novotný und Ondřej Sokol immer wieder einzelne Verszeilen, wie im Tibi soli peccavi oder im Tenor-Solo Auditui meo dabis gaudium (Meinem Gehör wirst du Freude geben). Die Erfahrenheit des Erzählers oder Evangelisten bereicherte Tobias Hunger noch um die Ausdrucksstärke feuriger Melismen.
Martin Schicketanz gestaltete seine Soli mit angenehmen Timbre, das er im Vibrato emphatisch steigern konnte (Ecce enim in iniquitatibus conceptus sum / Sieh, ich wurde nämlich in Ungerechtigkeit empfangen), wie er im Quartett des Secundum magnam misericordiam tuam (Gemäß deiner großen Barmherzigkeit) wiederum sanfte Betonungen gesetzt hatte. Die Sinnlichkeit trat immer wieder ganz besonders hervor. »Ecce enim …« mit Solisten und Chor war daher eine berechtiget Zugabe, die noch einmal vom wiederholten »Amen« bekräftigt wurde.
16. Oktober 2026, Wolfram Quellmalz