Spuren suchen, Spuren verknüpfen

Abschlußkonzert des Heinrich Schütz Musikfestes

An zehn Tagen hat das Heinrich Schütz Musikfest (HSM) an vielen Orten in Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt 4000 Besucher erreicht. Die Residenzkünstler von The Present waren mehrfach in Dresden zu erleben und an experimentellen Formaten der Vermittlung beteiligt. Am Sonntag gestalteten sie in der Kirche St. Leonhard Bad Köstritz, Heinrich Schütz‘ Taufkirche, das Abschlußkonzert. Zur größten Ausbaustufe des Vocalensembles im Rahmen des HSM gehörten Hanna Herfurtner und Olivia Stahn (Sopran), Bernadette Beckermann und Amélie Saadia (Alt), Johannes Gaubitz und Tim Karweick (Tenor) sowie Nikolaus Fluck und Felix Schwandtke (Baß) – alle Stimmen doppelt besetzt, gut für eine Polyphonie bis zur Zweichörigkeit.

Auch im letzten Konzert blieb sich das HSM treu: neben originalem Schütz gab es Neukompositionen, fünf Auftragswerke von Moritz Gagern, der außerdem ein Geistliches Konzert und eine Geistliche Chormusik Schütz‘ neu eingerichtet hatte. Solche Erschließung der Alten Musik durch spätere Komponisten hatten am Vorabend mit einem Passions-Pasticcio von Carl Riedel in der Dresdner Martin-Luther-Kirche einen ganzen Abend ausgefüllt [NMB berichteten: https://neuemusikalischeblaetter.com/2026/10/12/horenswert-einmalig/%5D. Was damals, 1870, möglich war, ist es heute ebenso: bestehende Werke bearbeiten, neu einrichten, neu erschließen.

The Present im Abschlußkonzert des Heinrich Schütz Musikfestes in Bad Köstritz, Photo: HSM, © Mathias Marx

Das paßte im Grunde sehr gut zur »Spurensuche« des HSM, führte sie sogar noch weiter, denn in seinen Werken, für die Moritz Gagern nicht nur die Musik, sondern auch die Texte geschrieben hat, bezog sich der in Berlin lebende Komponist ganz unmittelbar auf Gedanken in den Texten der Heinrich-Schütz-Werke, die am Abend erklangen – eine Vertiefung der besonderen Art.

Dabei sorgte »Verleih uns Frieden« für die größte Stabilisierung – Heinrich Schütz (SWV 372) gab es vor, Moritz Gagern griff es auf (»Weites Meer«), kam später in einer Schütz-Bearbeitung darauf zurück. Dazwischen öffnete das »Weite Meer« nicht nur das Bild in Richtung von Unwägbarkeiten, Stürmen und Fährnissen, sondern stand mit seinem vom Summen umschlossenen Text, der zu wogen schien wie die Wellen des Meeres, als Präludium für »Vasto mar«, Schütz‘ Italienisches Madrigal desselben Titels.

Damit es noch etwas schöner wird: Friederike Böcher, Direktorin des Heinrich-Schütz-Hauses Bad Köstritz, entzündete vor dem Konzert die Kerzen in der St. Leonhard Kirche (im Hintergrund / Gang Komponist Moritz Gagern im Gespräch mit dem Publikum), Photo: NMB

Moritz Gagerns Kompositionen erschließen sich – wie oft bei der Gegenwartsmusik – zunächst vor allem über den Intellekt, aber man spürt unter den Partikeln des Raunens, der Vokale, einzelner Silbern schnell einen Bezug, eine tiefere Ebene, weil der Komponist Heinrich Schütz nicht nur gehört, sondern seine Texte verinnerlicht hat. Spuren spüren also, aber manchmal offenbarten sie sich ganz unmittelbar, wie bei »In der wüsten Welt«, das nicht nur mit den Worten »Tohuwabohu, Irrsal Wirrsal« beginnt, einen polyphonen Anstoß gab.

The Present legten solche Spuren sorgsam frei, verliehen ihnen Kraft, Stimme, Wind, Drangsal oder Freiheit. Nicht immer zu acht, fielen sie in einen fünf-, sechs-, mehrstimmigen Zustand oder wuchs von zwei auf acht Stimmen (Schütz »Siehe, wie fein und lieblich«, SWV 412). Eine Präsenz, die – wie schon beim Eröffnungsabend in Dresden [unser Bericht: https://neuemusikalischeblaetter.com/2026/10/07/spurensuche-ist-eroffnet/%5D dem Ungleichgewicht die Gerechtigkeit einer Geschichte widerfahren läßt, weil sich darin Begebnisse abspielen, weil immer wieder »ich« oder »eine Stimme« ruft – von allen dargestellt.

The Present im Abschlußkonzert des Heinrich Schütz Musikfestes in Bad Köstritz, Photo: HSM, © Mathias Marx

Die rufende Stimme konnte mit Heinrich Schütz tönen (»Ich bin eine rufende Stimme«, SWV 283), drang aber mit Moritz Gagern auch ans Ohr von The Present und dem Publikum: »Aham Tche Gum« nahm nicht nur mit archaischen Worten das »Tuch der Meere auf«, sondern das Bild desjenigen auf dem Meer, der hörte (»Deine Stimme kam mir entgegen«). Die innige Polyphonie blieb erhalten, nicht zuletzt, weil das Programm aus den Fährnissen herausführte. »Die mit Tränen säen« (Schütz / Gagern) leitete über zu »Jauchzet dem Herrn«, einem Kernstück aus den Vertonungen der Psalmen David durch Heinrich Schütz. »Hore mich, ich höre dich« klang abschließend wie eine Beschwörung, in der Moritz Gagern in der letzten Uraufführung (»Du wirst den rauhen Gesang verwandeln«) kein Zukunftsbild entwarf, sondern eine Botschaft (»Ton aus Ton verwandeln«) aussandte.

12. Oktober 2026, Wolfram Quellmalz

Blumen und Applaus für die Residenzkünstler und den Komponisten Moritz Gagern (Mitte, Photo: HSM, © Mathias Marx

Der MDR hat das Konzert aufgezeichnet und sendet den Mitschnitt am 30. Oktober aus (20:03 Uhr, MDR Kultur). Im kommenden Jahr folgt das HSM vom 1. bis 10. Oktober der »Ordnung der Dinge« (Arbeitstitel) Musik zu festlichen und privaten Anlässen.

Am kommenden Sonnabend gibt es einen Nachklang zum HSM im Rahmen des Projektes »open_psalter« mit dem VICA Ensemble in der Kreuzvesper (17:00 Uhr, Kreuzkirche Dresden).

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