Orgel plus Chor

Hinhörkonzert in der Martin-Luther-Kirche

(wiederhergestellter Artikel / Wiederveröffentlichung)

Seit Juni läuft die Reihe hinhören in der Martin-Luther-Kirche Dresden und stellt an vielen Freitagen Musik in den Dialog mit Licht, Gedanken oder mit sich selbst. Nach drei Nachtkonzerten im Sommer klingt die Reihe im September aus. Am Freitag fand noch einmal ein »Chorkonzert Orgel plus« statt. Dabei standen die Bachkantorei Dresden-Neustadt (Leitung: Kantorin Elke Voigt) und die Orgel (Domorganist Sebastian Freitag) nicht nur gegenseitig als »Plus«, sondern traten in verschiedenen Rollen auf.

Wenn man die Musik mit Andacht am Freitag mit den großen Konzerten ins Verhältnis setzt, ist zumindest die Dauer geringer, dennoch war der Aufwand kaum weniger. Das betraf die Vielfalt der anspruchsvollen Chorliteratur ebenso wie das Orgelspiel. Um den Werken gerecht zu werden und einen Ausdruck wie im Gottesdienst hervorzurufen, war für die Begleitung neben der großen Jehmlich-Orgel noch das Truheninstrument als Chororgel auf die Empore gebracht worden. Dort hatte die Bachkantorei Dresden-Neustadt Aufstellung genommen, damit die Musik von oben ins Kirchenschiff schweben konnte. Die meisten Besucher hatten sich daher auf den Seitenemporen eingefunden.

Joachim Neander (1650–1680), Kirchenlieddichter, unter anderem von »Lobet den Herrn«, Lithographie nach einem verschollenen Ölgemälde, Bildquelle: Wikimedia commons

In den Werken lag zunächst viel Lobpreis und Freude. Robert Jones‘ vor nicht einmal zwanzig Jahren entstandenes Laudate Dominum überraschte einerseits mit seiner Modernität, andererseits wegen seiner Expressivität des freudigen Chorklanges. Die Bachkantorei trug die Worte aus Psalm 117 (»Lobet den Herrn, alle Heiden!«) lateinisch vor und wechselte sich mit dem Strahlen der großen Orgel ab. Der Komponist hatte das »Plus« hier bereits in Form eines Dialoges festgeschrieben.

Mit Gustav Adolf Merkel nahm das Programm Bezug auf einen wichtigen Dresdner Komponisten, der an zwei Kirchen (Kreuz- und Hofkirche), also für zwei Konfessionen, die Orgel gespielt hatte. »Wie lieblich sind deine Wohnungen« (aus Psalm 84) setzte die positiven Gedanken fort, gehörte mit seiner schlichten, klaren und a cappella vorgetragenen Vielstimmigkeit aber auch zu den berührendsten Stücken des Abends. Sebastian Freitag fügte mit Merkels Overtüre c-Moll (Opus 123) ein Werk an, das für den Organisten Merkel typischer schien. Mehrteilig blieb die Ouvertüre mit einer Eröffnung und einem Hymnus bei den positiven Nachtgedanken.

Das größte Lob brachte wohl Johann Sebastian Bach vor, dessen Motette BWV 230 noch einmal Psalm 117 folgte. Daß die im Vergleich zu den effektvollen Kantaten so schlichte Form dennoch äußerst anspruchsvoll ist, war anfangs kurz zu spüren, doch fiel die Kantorei deshalb nicht in Verzagtheit, sondern fand bald in einen rhythmisch stabilen, kräftigen Chorklang. Hier war einmal kein Dialog mit der Orgel vordergründig, sondern eine tragende Begleitung des kleinen Instruments wichtig.

Bachs Motetten sind Meisterstücke und Hauptwerke in jedem Programm. Eine Atempause stand dem Chor danach zu, Sebastian Freitag füllte sie mit dem wohl am besten passenden oder Psalm 117 gemäßesten Präludium: Es-Dur (BWV 552).

Elke Voigt ließ sogleich ein zweites Hauptwerk folgen. Mit Louis Vierne war dabei gleich noch ein berühmter Organist zu hören, der »eben auch« (viel) Literatur für die Stimme geschrieben hat. Seine Messe solennelle ist ursprünglich sogar für die Haupt- und Chororgel von St-Sulpice in Paris geschrieben. Noch einmal auf Latein und mit aufgeteilten Stimmen standen sich Jehmlich-Orgel und der Chor im Dialog gegenüber und ließen das Kyrie hell leuchten. Die unterschiedlichen Messeteile (Qui tollis, Qui sedes, Benedictus etc.) gelangen auch deklamatorisch verständlich und kontrastvoll. Immer wieder strebte der teils zurückgenommene, weniger strahlende Text letztlich auf den Höhepunkt eines »Hosanna« oder »Amen« zu.

Gabriel Rheinbergers sonst gern als Zugabe gewähltes Abendlied beschloß das Konzert, wobei noch einmal der Stimmkontrast a cappella beeindruckend geschlossen in die letzte Zeile mündete.

19. September 2026, Wolfram Quellmalz

Nächstes hinhören-Konzert: »Aufwind«, mit dem twentytwo-ensemble Dresden, 25. September, 20:00 Uhr, Martin-Luther-Kirche, Eintritt frei

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