Historisch arrangierte Passion läßt Urheber Schütz kaum noch erkennen
War das nun kein Konzert für Puristen oder gerade nicht? Am Sonnabend führte der GewandhausChor beim Heinrich Schütz Musikfest (HSM) in der Dresdner Martin Luther Kirche ein Passions-Pasticcio von Carl Riedel auf, dessen Ursprünge in der Musik von Heinrich Schütz lagen, das selbst aber ein Werk tiefster Romantik ist. Schütz romantisieren – darf man das?
Aber natürlich! Vor allem: man durfte es damals, im 19. Jahrhundert. Denn die »historisch informierte Aufführungspraxis« bzw. das Bemühen um eine historisch (möglichst) authentische Aufführung entstand erst im 20. Jahrhundert. Zu Schütz‘ Lebzeiten führte man dessen Musik nach den Möglichkeiten und Gegebenheiten auf, der Sagittarius hatte selbst Besetzungsvarianten und Aufstellungshinweise in seinen Vorworten beschrieben.

Später verfuhr man nicht anders – Musik wurde nicht nach akademischen Maßstäben oder für eine Jury aus Musikhistorikern gespielt, sondern für das Publikum der jeweiligen Zeit. Manches, was dabei entstand und wiederentdeckt wurde, gilt heute als legendär – Mozart, der Händels »Messiah« als Kind wohl in London kennenlernte, hat das Oratorium 1789 auf Betreiben von Gottfried van Swieten in Wien aufgeführt. Bereits vierzehn Jahre zuvor hatte Carl Philipp Emanuel Bach für die erste deutschsprachige Aufführung gesorgt (Hamburg 1775). Der berühmte Sohn des Thomaskantors erfüllte manche seiner vielen Dienstpflichten in Gottesdiensten und Konzerten, indem er Pasticcio-Werke zur Aufführung brachte.
Das wohl berühmteste Beispiel für eine Übertragung und Einrichtung eines historischen Werkes aus dem Barock in die Romantik hat wohl Felix Mendelssohns unternommen, als er 1829 Bachs Matthäus-Passion aufführte und damit eine Bach-Renaissance einleitete. (Was aber wohl nur in bezug auf den öffentlichen Konzertbetrieb zutrifft.) Insofern schließt sich das Bestreben von Carl Riedel direkt an. Der Komponist und Leiter des Leipziger Gesangsvereins (später Riedel-Verein) hatte auf der Suche nach Chorliteratur 1859 nicht nur Bachs h-Moll-Messe aufgeführt, sondern ebenso mit der Aufführung von Werken Heinrich Schütz‘ Begeisterung ausgelöst. Seine Lesart entsprach der damaligen (romantischen) Rezeption. Aufführungen mit bis zu 350 Sängerinnen und Sänger, einem fünfzigköpfigen Orchester und großer Orgel sollen in der Thomaskirche Begeisterungsstürme ausgelöst haben.
Das von Carl Riedel zusammengestellte Pasticcio »Die Historia des Leidens und Sterbens unseres Herrn Jesu Christi« erscheint uns heute eigentümlich. Es umfaßt drei Passionen von Heinrich Schütz sowie eine von Marco Guiseppe Peranda, von welcher damals Heinrich Schütz als Urheber angenommen wurde. In vier Teilen wird die Passionsgeschichte erzählt, dazwischen sind Chorwerke Johannes Brahms (!) eingeschoben, von dem außerdem Choralvorspiele auf der Orgel den Anfang sowie Abschluß bilden.
DIE AUFFÜHRUNG
Der GewandhausChor hatte auf der Orgelempore der Martin-Luther-Kirche Platz genommen. Mit seinem Leiter Gregor Meyer war zudem ein weiterer Residenzkünstler aus den vergangenen Jahren (in diesem Fall 2025) zum HSM zurückgekehrt. Theresa Heidler spielte die Orgel. Sie formte gleich zu Beginn mit Johannes Brahms‘ »Herzliebster Jesu« eine ebenso dunkle wie innige Choralbearbeitung – das Lied befaßt sich mit dem Leiden und Sterben Jesu, kommt also unmittelbar auf das Passionsgeschehen zu sprechen.

In den vier Passionsteilen war wegen der romantischen Dehnung die Zeit des Ursprungs (von Schütz‘ Komposition) kaum zu spüren – die Aufführung zielte schließlich auch nicht darauf, sondern auf jene Jahre von Carl Riedel. Eine unaufdringliche, im wahrsten Sinne passionierte Kantabilität überwog die Deklamation, beim Chor ebenso wie beim Evangelisten. Mag man es »merkwürdig« gefunden haben – es war beeindruckend schön! Nicht affektvoll, sondern in einem romantischen Sinne. Darüber hinaus und ohne Abstriche waren die Texte wunderbar verständlich, egal, ob man den ganzen Chor, seine Stimmgruppen oder die Solisten heranzieht. Neben Sören Richter (Tenor / Evangelist), Steven Klose und Valentin Schneider (Baß, Jesu und Pontius Pilatus) waren die kleineren Soli auch auf Chorsänger verteilt. Jeder davon, ob Judas, Hohepriester, falsche Zeugen, ob Hauptsolist oder Chorist – sie alle waren deutlich und charakteristisch dargestellt.

Gregor Meyer schien den GewandhausChor unauffällig zu beflügeln, ob Ortswechsel oder Einsätze – all dies schien unbemüht, als gehöre das ungewöhnliche Passionsoratorium zum ständigen Repertoire des Chores! Zwar weniger affektvoll im barocken Sinne, gab es dennoch solche dramaturgischen Momente, der Stille etwa (wenn Jesus schwieg), aber noch mehr der romantischen, teils expressiven Entwicklung. Zwar war das »kreuziget ihn« nicht derart scharf vorgetragen, wie man es aus den Passionen Bachs kennt, dafür wurde in vielem deutlich, daß es sich hier nicht zuletzt um eine Trostmusik handelt. Es ging letztlich außerdem um die Auffassung der Musik und deren Funktion in Carl Riedels Zeit – schienen manche Passagen von Schütz / Peranda geradezu zu schön, so waren sie durch die trostreichen Zeilen Johannes Brahms‘ wieder eingeordnet.
11. Oktober 2026, Wolfram Quellmalz