Internationaler Heinrich-Schütz-Preis im Rahmen eines Festkonzerts vergeben
Wenn sich Preisträger und Residenzkünstler treffen, heißt das nicht, daß sie unter sich bleiben. Am Mittwoch in der Dresdner Annenkirche wurde ein großes Konzert daraus.
Einst hatte Dr. Christina Siegfried, von 2009 bis 2025 Geschäftsführerin der Mitteldeutschen Barockmusik e. V. und Geschäftsführende Intendantin des Heinrich Schütz Musikfestes (HSM), die Ehrung selbst ins Leben gerufen. Jetzt, ein Jahr nach ihrer Verabschiedung in den Ruhestand, erhielt sie den Internationalen Heinrich Schütz Musikpreis selbst. Die Gambistin Hille Perl, Residenzkünstlerin von 2017, sprach Christina Siegfried im Rahmen eines Festkonzertes in der Annenkirche ihre »tiefe und ehrliche Bewunderung« für die »unbedingte Intensität und den durchdringenden Enthusiasmus« aus. Christian Siegfried Engagement in der Vermittlung der Musik Heinrich Schütz‘ suche seinesgleichen, in der Entwicklung von Programmen ebenso wie in der vertrauensvollen Zusammenarbeit mit den Künstlern. Das sei ihr aus dem Jahrgang des Reformationsjubiläums mit dem Motto »Aus Liebe zur Wahrheit« bestens in Erinnerung geblieben.
Der Dresdner Kammerchor steht seit Jahrzehnten beispielhaft für Vermittlung der Musik Heinrich Schütz‘. Die Gesamtaufnahme aller Werke des Sagittarius (2007 bis 2019) war ein, aber nicht der einzige Meilenstein des Chores und war ein wesentlicher Grund, Hans-Christoph Rademann 2018 als ersten Preisträger auszuzeichnen.

Bereits früher hatte sich der Dresdner Kammerchor, etwa in Gedenkkonzerte zu den Pogromnächten, modernen und jüdischen Komponisten zugewandt. Mittlerweile stehen sich die Komponisten oft in einem intensiven Austausch gegenüber, so wie am Mittwoch. Die Geistlichen Chormusiken des Programms fokussierten unter dem Titel »im Schatten des Krieges« besonders auf Heinrich Schütz und Hugo Distler sowie dessen Zeitgenossen. Das zeigte ebenso ähnliche wie unterschiedliche Umgehensweisen, auch die Ausgangslagen waren verschieden: Günther Raphael ist Sohn einer Jüdin gewesen, Helmut Bornefeld wich in die Kirchenmusik aus, um einer Vereinnahmung durch die Nationalsozialisten zu entgehen, Hermann Grabner ließ sich von ihnen instrumentalisieren – die »Spurensuche« des HSM vereinte diese unterschiedlichen Lebensläufe.

Im Resultat der musikalischen Auseinandersetzung blieb festzustellen, wie wandelbar, klar und verständlich, aussagekräftig der Dresdner Kammerchor in der Darstellung all diesen Zeiten und Welten ist. So blieb Heinrich Schütz‘ momentan wohl am meisten gesungenes Lied »Verleih uns Frieden« (SWV 372) nicht auf die Bitte und Anrufung reduziert, sondern stand in seiner Vermittlung für eine Beteiligung aller am Frieden.
Schütz hat die zweite Strophe des Textes ebenso vertont (»Gib unserm Fürsten und aller Obrigkeit«, SWV 373). Sie erklang zwar nicht im Konzert, doch den Bezug zur Obrigkeit stellte spätestens Hugo Distler her. Im Anschluß an die Preisverleihung sang der Dresdner Kammerchor zunächst aber Günter Raphaels »Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen«. Von der Orgelempore wirkte dieser Kontrast mehrfach fast ungeheuerlich: Raphaels Modernität und Harmonik im Vergleich zum zuvor gehörten Schütz, dazu die Orgelbegleitung (Inga Diestel, auch Choreinstudierung), was zusammen mit dem Chor einen beeindruckenden chromatischen Verlauf und eine Stufenwirkung hervorrief – der Text kommt in drei Strophen vom Leben auf den »Tod« und die »Hölle«. Dreimal endet er mit der Anrufung »Kyrie eleison«, zuletzt mit der Orgel in der stärksten Überhöhung.

Der Tod war – etwas überraschend bei einer Preisverleihung, aber doch nachvollziehbar, wenn man das Schaffen Heinrich Schütz‘ berücksichtigt – ein Kerngedanke des Programms. In Schütz‘ »Unser keiner lebet ihm selber« (SWV 374), das sich dem Himmel zuzuwenden schien, ebenso wie im kontrastreich anschließenden »Der Tod ist groß« von Hermann Grabner, das in eine harmonische Erlösung sank.
Ein Kernstück des Abends war Hugo Distlers Motette »Totentanz« (aus »Geistliche Chormusik«). Bargen viele der kurzen Werke im Verlauf eine Zweiteiligkeit oder Wendung, hatte Distler sie hier durch Dialogtexte mit dem Tod angelegt. Johanna Dabels (Flöte) übernahm die den Sprechtexten folgenden Variationen und Improvisationen zum Volkslied »Es ist ein Schnitter, heißt der Tod« mit einem sehr feinen, noch leise immer tragfähigen Ton. Sprecher Dirk Döbrich las die meisten Texte, die anderen wurden von Chorsolisten bewundernswert vorgetragen. Denn daß ein Sänger automatisch ein guter Rezitator sei, ist ein Trugschluß! Hier wurden aber sämtliche Rollen ausgesprochen gut verständlich und authentisch dargestellt.

Mit weiteren kurzen Stücken von Hugo Distler (»In der Welt habt ihr Angst« aus der »Geistlichen Chormusik«), Johannes Drießler (»Seid getrost, Wohl dem und Herr, deine Güte« aus den Spruchmotetten Opus 14), Helmut Bornefeld (»Wenn im Unendlichen«) sowie noch einmal Heinrich Schütz (»Selig sind die Toten«, SWV 391) gab es nach dem harten Urteil des Totentanzes einen Nachklang. Schütz‘ »Die mit Tränen säen« (SWV 378) hatte anfangs mit fließenden (Tränen) und hüpfenden Tönen (Freuden) die Gegenwelten noch einmal auf kleinstem Raum verbunden.
Als Zugabe wählte Hans-Christoph Rademann mit dem Choral »Komm, oh Tod du Schlafes Bruder« noch einmal eine Trostmusik.
8. Oktober 2026, Wolfram Quellmalz