Musikalischer Blumenstrauß im Marcolini-Palais

Kleine Schätze aus einer Entstehungszeit der Musik

Wie »alt« kann Alte Musik eigentlich sein? Im arabischen Raum wurde sie bereits zweitausend Jahre mündlich weitergegeben und gespielt, bevor man begann, Werke zu notieren. Gregorianische Choräle sind uns immerhin (mindestens) seit dem sechsten Jahrhundert bekannt – frühere Spuren gibt es außerdem. Wenn wir »Alte Musik« hören, meinen wir im allgemeinen jene Werke vor Bach – das 17. Jahrhundert ist reich davon! Ihre Überlieferung ist in der Regel vom Notendruck oder Abschriften abhängig. Die Ausbeute spielbarer Stücke vor dem 17. Jahrhundert wird spürbar geringer, der Aufwand zur Erschließung steigt. Aber es lohnt!

Am Dienstag gab es im Marcolini-Palais »Fiori musicali« (musikalische Blumen) zu erleben. Emma Reynaud (Zink und Barockflöten), Annemarie Schubert (Barockvioline), Leila Buzalkovski (Violone), Leopold Brunner (Cembalo) und Matthias Otto (Laute) hatten Instrumentalmusik zusammengestellt, die um 1600 entstanden ist. Nicht nur die Besetzung war dabei flexibel, in manchem, was bei Bach später regelgerecht wurden, zeigte sich noch eine freiere Form der Entstehungszeit.

Konzert mit »Fiori musicali« im Marcolini-Palais am Dienstag, Photo: NMB

Der eine oder andere Komponistenname der Zeit ist uns bereits vertraut, wie Johann Hermann Schein, obwohl wir von ihm vor allem die Vokalmusik kennen. Eine kleine Intrada (Nr. 21 aus Banchetto musicale) zeigte Schein einmal als den Verfasser von Tafelmusik. Sie war gleichzeitig ein festlicher Einzug, wie sie Violine und Zink auf derselben Höhe zeigte – oft übernehmen Zinke sonst eine dominierende Rolle. Zum bemerkenswerten bei diesem Blasinstrument zählt neben den hohen Ansprüchen der Spielbarkeit, daß es seinen Charakter ändert: leise gespielt liegt der Klang näher an Flöte oder Oboe, kann sich aber bis zu trompetenhafter Mächtigkeit steigern. Emma Reynaud bewahrte die Balance zu ihrer musikalischen Partnerin.

Mit Giovanni Battista Fontana begann der Reigen der frühen Musikmeister, die es wiederzuentdecken galt. Gleichzeitig war seine Sonata seconda für Violine und Basso continuo ein Beispiel für eine höchst artifizielle Melodieführung des Soloinstruments sowie für die Suche nach der Form. Nicht streng getrennte Sätze, auch nicht eine Kirchensonateform, sondern freiere, eng miteinander verbundene Abschnitte wechselnder Temperamente kennzeichneten das reizvolle Stück.

In einer Sonata von Giovanni Paolo Cima standen sich danach Zink und Violine erneut gegenüber. In der fröhlichen Ausgelassenheit war die sanfte Seite des Zink besonders beeindruckend. Die Gesanglichkeit ihres Instruments spielte Emma Reynaud gleich danach in einem Ave dulcissimo Maria (Ave für die Jungfrau Maria) von Bartolomeo Barbarino vor. Während das Blasinstrument arios die Vokale gestaltete und hüpfen ließ, hatte Leopold Brunner Gelegenheit, die Begleitung einmal ohne die Streicher allein und vordergründiger zu spielen.

Das Cembalo trat noch mehr hervor. Mit Girolamo Frescobaldi stand einer der bekannteren Barockmeister mit gleich zwei Toccaten auf dem Programm. Die Artikulation war in der kleinen Besetzung ohnehin bei jedem Instrument wichtig, hier erfuhr sie noch eine besondere Bedeutung, denn bei Frescobaldi hielten sich Verlauf der Melodie und Verzierungen die Waage. Zudem strebte das Werk mit der Fuge nicht einem Höhepunkt am Ende zu, sondern trug diesen in der Mitte. Nach einem Moment der Beruhigung blieb am Schluß dennoch Gelegenheit für eine virtuose Steigerung.

In Frescobaldis zweiter Toccata riefen Violine und Cembalo die Motive erst einzeln einander zu, bevor sie miteinander erklangen. Die Verfeinerung der Zier wurde im Programm immer offensichtlicher, was sich in einer Sonata von Giovanni Battista Buonamente fortsetzte. Emma Reynaud wechselte dafür zur Blockflöte, die sie auch für Tarquino Merulas »La Cattarina« behielt. Dabei fiel der Basso continuo mit teils aussetzendem Cembalo vielfarbig und geschmeidig aus.

Niccolò Corradinis »La Golferamma«, nun wieder mit Zink, erinnerte in seiner Lebendigkeit an Claudio Monteverdis Bühnenmusik, bevor Biagio Marinis Sonata sopra »La Monica«, erneut mit Sopran-Blockflöte, den manchmal melancholischen Sätzen einen frohen Ausklang bescherte. Als Zugabe zu den Entdeckungen spendierte das Ensemble ausnahmsweise eine Alte-Musik-Hit: Marco Uccelinis Aria Sopra »La Bergamasca«.

7. Oktober 2026, Wolfram Quellmalz

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