Achtsamer Umgang

Präsentation historischer Quellen und Meditation beim Heinrich Schütz Musikfest

Das Heinrich Schütz Musikfest (HSM) erkundet nicht nur Repertoire »am Rand«, stellt Schütz unserer Gegenwartsmusik gegenüber oder beleuchtet die verschiedenen Hintergründe, es führt auch immer wieder zu Schütz hin und an ihn heran.

Gestern konnte man die Sorgsamkeit, die dabei waltet, in zwei sehr unterschiedlichen Varianten erleben: die Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) gab zunächst Einblick in originale und rezipierte Quellen, danach luden die Residenzkünstler von The Present zu einer außerordentlichen Begegnung ein.

Sie SLUB ist seit Jahren Partner des HSM bzw. des hiesigen Dresdner Hofmusik e. V., der die Veranstaltungen de HSM in der Sächsischen Landeshauptstadt betreut. Dabei konnten neugierige Besucher wieder originale Noten im Talleyrand-Zimmer betrachten – anfassen natürlich nicht. Denn das Weiterreichen und Blättern in den historischen, manchmal Jahrhunderte alten Unterlagen übernehmen jeweils SLUB-Mitarbeiter. Bei solchen Gelegenheiten kann man mitunter wertvolle Handschriften sehen, aber auch historische Drucke mit Anmerkungen früherer Musiker und Musikwissenschaftler. Manchmal dienten ihre Notizen einer Aufführung, andere Fälle mit Korrekturvermerken deuten auf die Vorbereitung einer Sammlung für den Druck hin. Das interessante an den Einblicken der Quellenpräsentation ist, daß man nicht nur die Dokumente selbst zu sehen bekommt, sondern die damit verbundenen Geschichten und Einblick erhält in die wissenschaftliche Aufarbeitung inclusive der damit verbundenen Unsicherheiten, Vermutungen, die noch abzusichern sind, oder offenen Fragen, auf welche Antworten noch fehlen. Nicht zuletzt erfährt man auch manche Fakten zur restauratorischen Aufarbeitung.

Ausgabe der Geistlichen Chormusik von Heinrich Schütz (Erstdruck) aus dem Bestand der SLUB. Das eingeklebte Bibliotheksblatt links zeigt, daß das Buch fleißig benutzt wurde. Es gehört zum Anliegen der SLUB, historische Quellen zugänglich zu erhalten oder die Zugänglichkeit wieder herzustellen. (Im Gegensatz zu Museen, die Quellen zwar auch erhalten, aber nicht mit dem Ziel der öffentlichen Nutzbarkeit), Photo: NMB

Diesmal waren zum Termin der Quellenpräsentation nicht ausführende Künstler des HSM anwesend, sondern Dr. Beate Agnes Schmidt, Geschäftsführerin der Mitteldeutschen Barockmusik e. V. Sie hatte mit einer Frage bzw. der Auseinandersetzung der Zuordnung einer Sammlung der Psalmen Davids von Heinrich Schütz den Anstoß gegeben, eine spezielle Ausgabe der Notensammlung zu restaurieren, damit sie überhaupt für eine wissenschaftliche Betrachtung zur Verfügung steht.

Heinrich Schütz hatte immer wieder eine Renaissance erfahren, die zu Neuausgaben führte. Er selbst hatte bereits 1648 eine Sammlung Geistlicher Chormusik dem Thomanerchor gewidmet, später führte Moritz Hauptmann (Thomaskantor von 1842 bis 1868) die Musik Heinrich Schütz‘ wieder ins Repertoire der Thomaner ein, wo es bis heute verankert ist.

Knabenchöre waren besonders im Blickfeld der diesjährigen Quellenpräsentation. So ist die Musik Heinrich Schütz‘ seit Jahrzehnten, wenn nicht Jahrhunderten, fest mit dem Dresdner Kreuzchor verbunden. Dabei liegt eine andere Verbindung noch näher: die Dresdner Kapellknaben waren zur damaligen Zeit direkt an den (Ur)aufführungen der Schütz’schen Musik beteiligt. Ein Dokument mit Widmung gibt es aber nicht (oder wurde noch nicht gefunden). Verdachts- oder Vermutungsfälle existieren dennoch. So weist eine Ausgabe des Becker’schen Psalters vielleicht auf die Kapellknaben hin.

Neben Handschriften und Drucken wurden zum Besichtigungstermin einzelne Bild- und Tondokumente präsentiert. Und nicht immer mußte es sich um Heinrich Schütz drehen: vom westdeutschen Komponisten Johannes Drießler, der heute fast vergessen ist, hat der Dresdner Kreuzchor in DDR-Zeiten einige Uraufführungen gesungen. Drießler hatte sich immer wieder auf Schütz und seine Grundlagen bezogen. »Seid getrost, Wohl dem und Herr, deine Güte« war am Vortag im Programm des Dresdner Kammerchores beim HSM in der Annenkirche erklungen.

SELBSTVERSUCH DES POLYPHONEN INNEHALTENS

Nach der Quellenpräsentation wuchs die Besuchergemeinde erheblich, denn in einem Experiment stand Musik als ganzheitliche Erfahrung auf dem Programm. The Present luden mit Hanna Herfurtner und Olivia Stahn (Sopran), Bernadette Beckermann und Amélie Saadia (Alt) sowie Tim Karweick (Tenor) und Felix Schwandtke (Baß) in den Klemperersaal, wo sie mit vokaler Polyphonie (vorwiegend »o« und »a«) zunächst für eine Meditationsstimmung sorgten. Bernadette Beckermann ist zertifizierte MBSR-Lehrerin oder Achtsamkeitstherapeutin und hatte mit Hanna Herfurtner und Olivia Stahn das Konzept erarbeitet.

»Kein Zwang«, »niemand muß« hatte es zuvor geheißen, was die Atmosphäre entspannte, dennoch war »Man lobt dich in der Still‘« (Veranstaltungstitel) mehr eine Meditation und kein Konzert. Denn trotz einiger Zeilen Schütz und des titelgebenden Gemeindeliedes, die gesungen wurden, lag der Fokus auf der Übung. Und die war in der Gruppe, die ja keine reine Meditationsgruppe gewesen ist, ein wenig ungewöhnlich. So wie die Frage, ob man sich darauf einlassen wollte. Eindeutig hatten jene mehr davon, welche diese Frage mit »Ja« beantworten konnten.

Man lobt dich in der Still‘. Polyphones Innehalten, Photo: HSM, © Robert Jentzsch

Ohne den Meditationsansatz konnte, auch wer Achtsamkeit schätzt, der Musik allein weniger abgewinnen als in einem Konzert. Außer daß nebenbei zu bemerken blieb, daß Polyphonie gesungen ganz wunderbar berührt, wenn jedoch dieselben Menschen gemeinsam sprechen, ändert sich der Eindruck in ein »auf einen einreden«. Zum Glück ist The Present beim HSM in vielen Programmen zu erleben.

9. Oktober 2026, Wolfram Quellmalz

Schreiben Sie einen Kommentar