Gergely Madaras kehrte mit Bartók und Brahms ans Pult der Dresdner Philharmonie zurück
Eigentlich braucht ein Konzert keinen Titel. »Romantik« oder »Freude« lassen sich letztlich beliebig assoziieren. Am Wochenende nannte die Dresdner Philharmonie ihr Programm schlicht »Brahms 3«.
Natürlich gab es vor Johannes Brahms‘ vielleicht heiterster Sinfonie ein Vorprogrammbzw. eine erste Konzerthälfte. Immerhin hatte Dirigent Gergely Madaras für seine Rückkehr Carl Maria von Webers Gedenkjahr beherzigt und die Freischütz-Ouvertüre aufgelegt. Von einem penetrant mitten ins Piano und die Generalpause klingelnden Handy abgesehen gelang sie mit einer bemerkenswerten Steigerung. Anfangs noch etwas glatt, was nicht recht an die Verzweiflung im Max-Motiv glauben ließ, erhöhte Gergely Madaras die dramaturgische Intensität, das strahlende Hornquartett eingeschlossen, noch erheblich. Die weiche Romantik schien für einen Konzertbeginn angemessen.

Für eine Spannungssteigerung sorgte Béla Bartóks erstes Klavierkonzert, das zuletzt vor über zwanzig Jahren erklungen war. An das Sonderkonzert im September 2000 unter Marek Janowski mit Barry Douglas haben manche Dresdner noch beste Erinnerungen.
Die Spannung mag Bartók aus einer aufregenden Zeit gewonnen haben – ein paar Jahre später experimentierte auch Francis Poulenc mit Kombinationen von Klavier oder Orgel und Schlagwerken. Obwohl vieles darin bereits scharf und kantig wirkt, wurde er später in diesen Attributen noch von Schostakowitsch übertroffen. Gergely Madaras konzentrierte sich nicht auf eine übermäßige Kontrastschärfe oder Zuspitzung, sondern ließ die Konturen sorgsam entstehen. Oft war das Klavier im Dialog mit Orchestergruppen, wobei Pianistin Anna Vinnitskaya ihr Instrument perkussiv behandelte, die Klarheit der Linien aber bewahrte. Die Spannung kam in den verschiedenen Bezugsebenen, sei es zu Streichern, Bläsern, Pauken oder Trommel, zum Ausdruck. Selbst die normalen Orchesterinstrumente bleiben punktiert und durch Linien vordergründig, im Pizzicati oder mit kurzen Bläserstößen.
Geradezu gespenstisch begann der zweite Satz, ein Dialog zwischen Klavier, Pauken und Trommel, in den sich erst später, und dann meist getupft, einzelne Holzbläser mischten. Die Flöte (Marianna Julia Żołnacz) sorgte für weichere Linien, die Klarinette (Fabian Dirr) begann eine rhapsodische Passage und formte vorübergehend aus den Bläsern eine Gruppe, in deren Gegenüber sich das Klavier mit den Schlagwerken zu verbinden schien.
Mit einem Trommelwirbel ging es in den letzten Satz, in dem Streicher und Hörner nun die Jagd auf das Klavier eröffneten. Und doch behielt Gergely Madaras Maß – Allegro molto, kein Presto.
Mit einem Intermezzo als Zugabe verwies Anna Vinnitskaya auf den zweiten Programmteil mit Johannes Brahms.
Nun gab es Farbe satt statt Kontrasten und Kanten, sowie eine leichte Wucht. Denn Johannes Brahms hatte es verstanden, das schwere Gewicht des Nachdrucks mit Heiterkeit zu würzen oder leichthin zu glätten. Gergely Madaras ließ dies am Beginn des zweiten Satzes deutlich werden, der geradezu serenadenhaft wirkte, im Finale blieben der Blechbläserchor trotz seines Bruckner’schen Ausmaßes elegant statt majestätisch.
Das lag oft an der Feinheit der Tupfen, der Pizzicati, die aufwärts zu weisen schienen, dem ausgefeilten Dialog zwischen Streichern und Bläsern. Gerade das Andante erweckte ein Bild, als begebe sich der Komponist frühmorgens bei Sonnenaufgang auf eine Wanderung und erreiche schließlich glücklich ein Plateau, von dem er (Poco allegretto) wehmütig herabschaue.
In der Farbigkeit gelang dies ganz außerordentlich. Hier und da kamen dennoch ein paar Einsätze zu spät oder fehlte eine Verdichtung, die enorme Spannung, die Bartók aufgebaut hatte, ließ spätestens im Allegro ein wenig nach.
5. Oktober 2026, Wolfram Quellmalz
