»Ach, ein Wort nur«

Verdis »Un ballo in maschera« beglückt in allen Facetten

Fast auf den Tag genau nach einem Jahr setzte Daniele Gatti, Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle Dresden, seine Serie der Verdi-Premieren an der Semperoper fort. Auf »Falstaff« 2025 folgte am Sonntag »Un ballo in maschera« in der Regie von Angela Denoke.

Vertraute? Freunde? Renato (Germán Enrique Alcántara) und Riccardo (Francesco Meli). Im Hintergrund Oscar (Rosalia Cid), Photo: Sächsische Staatsoper, © Jochen Quast

Es ist bei weitem nicht das erste Mal, daß eine Sängerin oder ein Sänger inszeniert – Rolando Villazón und Axel Köhler haben am Haus ihre Spuren hinterlassen, in der Vita von Brigitte Fassbaender stehen etliche erfolgreiche Opernproduktionen. Trotzdem genügt die »innere Sicht« eines Sängers oder seine bessere Kenntnis eines Werkes aus dem Inneren heraus nicht zwangsläufig, um ein Stück nachvollziehbar auf der Bühne umzusetzen.

Angela Denoke ist mit noch keinem Dutzend Regiearbeiten aufgefallen, doch in Verdis »Un ballo in maschera« ist es ihr gelungen, die innerdramaturgischen Facetten, die sie erspürt hat, dem Publikum zu vermitteln. Persönliche oder gesellschaftliche Verflechtungen verzweigen sich in Standesfragen, politischen Intrigen und verbotener Liebe. Das Dreiecksverhältnis von Riccardo, seinem Freund Renato und dessen Frau Amelia, die Riccardo heimlich liebt, geht in der Bostoner Gesellschaft auf – alles ist miteinander verbunden, alles miteinander verschränkt, große Bühne und kleine Szene stehen sich gegenüber, und alles bietet eine zweite Seite.

Ulrica (Yulia Matochkina) sagt Riccardo (Francesco Meli)den Tod voraus, Photo: Sächsische Staatsoper, © Jochen Quast

Diese vielschichtige Differenzierung spiegelt sich im Bühnenbild von Timo Dentler und Okarina Peter (auch Kostüme), das sich in großen und kleinen Bögen wandelt und dreht, mal Himmel, Marmor oder gewelltes Blech zeigt. Darüber oder dahinter lauern oft Schatten. Ob Festsaal oder freies Feld – die zweite Seite ist immer irgendwo, spätestens wenn sich etwas dreht.

»Ach, ein Wort nur laß mich hören« wünscht sich Riccardo (Francesco Meli) – Amelia (Nicole Car) darf es nicht gewähren, Photo: Sächsische Staatsoper, © Jochen Quast

Und es dreht sich ja wirklich etwas, nicht nur im Bühnenbild, sondern in der Handlung, den Verhältnissen. Eine Wahrsagerin prophezeit Riccardo den bevorstehenden Tod, Amelia sucht ein Kraut, ihre verbotene Liebe zu lindern, zu dämmen. Beides gelingt nicht, denn niemand ist in seinen Entscheidungen frei oder unbeeinflußt. Das Verhältnis von Riccardo und Renato bringt es knapp und schmerzhaft auf den Punkt. So wird der Maskenball nicht zum Spaß, sondern treibt das Versteckspiel auf die Spitze.

Amelia (Nicole Car) beteuert Renato (Germán Enrique Alcántara) ihre Treue, Photo: Sächsische Staatsoper, © Jochen Quast

»Ach, ein Wort nur laß mich hören« (»Una parola ancora«) wünscht sich Riccardo von Amelia, doch sie darf es nicht gewähren. Als ihr Verhältnis öffentlich bekannt wird, beschließt Renato den Verrat und tötet Riccardo, der ihm jedoch (als Mörder müßte Renato mit Strafe rechnen), sterbend noch einen Erlaß zur Flucht unterschreibt (als sei er ein Anti-Scarpia).

Motive von Liebe, Verrat und Eifersucht finden sich auch in »Don Carlo« oder »I due Foscari«. »Un ballo in maschera« gewinnt in der Dresdner Inszenierung nicht nur wegen der Spielart der Geschichte mit den Motiven sowie der Musik, sondern weil Angela Denoke Beziehungen und Personen so gekonnt beleuchtet. Haben in den letzten Premieren oft Symbolik und die Darstellung nahezu jedes im Text erwähnten Fakts störend überwogen, verzichtet Denoke auf solche Illustrationen fast vollkommen. Nicht die erwähnten Tatsachen werden gezeigt, auf der Bühne werden jene Beziehungen sicht- und die Spannungen spürbar, die aus dem Text zu lesen sind.

Renato (Germán Enrique Alcántara) glaubt Amelia (Nicole Car) nicht, Amelia will vor ihrem Urteil nur noch einmal ihren Sohn Kinderkomparse) sehen, Photo: Sächsische Staatsoper, © Jochen Quast

Das reizt Daniele Gatti am Pult der Staatskapelle aus, die mit großer Vitalität die Ballszenen (oder deren Ankündigung) spielt und das Bostoner Leben impulsiv ausgestaltet. Weniger die Soli verzaubern, obwohl es sie gibt (Englischhorn für Amelia, Violoncello für das Duett Amelia / Riccardo), sondern vor allem die Bühnenmusik, ganz besonders im dritten Akt. Als Riccardo erkennt, wie hoffnungslos seine Lage ist, wird die Musik immer leiser – fast wie bei Haydn!

Es ist nicht der einzige anrührende Moment in dieser glühend leidenschaftlichen Oper. Francesco Meli, den Daniele Gatti schon für das Verdi-Requiem nach Dresden geholt hatte, überzeugt als Riccardo vor allem im Verlauf. Anfangs noch etwas scharf, beweist er nicht nur in den Duettszenen mit Amelia seine Fähigkeit zum Piano, sondern steigert sich in der Differenziertheit seiner Darstellung noch erheblich. Amelia (Nicole Car) bezaubert mit einer Stimme, der auch leise noch eine große Intensität innewohnt und kein hauchiges, sondern ein liebend-kraftvolles Piano bietet. Vielleicht übertrifft Germán Enrique Alcántara als Renato am Premierenabend Riccardo in seiner Differenziertheit, bleibt ihm doch selbst in aufgewühltesten Momenten eine Spur Samt des Baritons – das unterstreicht die Glaubhaftigkeit, wenn Renato erst seine Frau nach dem Untreueverdacht verschont und später seine Tat, Riccardo getötet zu haben, bitter bereut.

Renato (Germán Enrique Alcántara) ist seiner vielschitigen Welt verloren, Photo: Sächsische Staatsoper, © Jochen Quast

Vor allem – und auch das ist ein großes Plus dieser Inszenierung – stützt sich die sängerische Qualität nicht auf Prachtarien, sondern wächst gerade aus den Duetten und Ensembleszenen heraus und zieht das Publikum in den Bann. Darin eingewoben sind die Auftritte der Nebendarsteller, geheimnisvoll und leuchtkräftig (Yulia Matochkina als Ulrica) oder mit dosierter Brillanz – Rosalia Cid kann als Oscar und Favoritin beim Publikum erneut ihre stimmliche Qualität ausspielen, bleibt aber ebenso wie die anderen auf ihr Spiel und ihre heikle Rolle konzentriert, Nachrichten zu überbringen, die Ereignisse auslösen oder in entscheidenden Momenten anwesend zu sein.

Die positive Bewertung zur Tiefe der Differenzierung schließt ebenso den Sächsischen Staatsopernchor (Jan Hoffmann) ein, selbst wenn die Verständlichkeit anfangs in den großen Szenen noch nicht optimal ist. Mit zunehmendem Verlauf und eingebunden in die Ensemble ist das Manko schnell verflüchtigt. Solchem Maskenball könnte ein langes Leben beschieden sein, als erste Premiere der Spielzeit setzte er auf jeden Fall ein positives Achtungszeichen.

5. Oktober 2026, Wolfram Quellmalz

Giuseppe Verdi »Un ballo in maschera«, Semperoper Dresden, wieder am 7., 10., 17. und 21. Oktober, weitere Vorstellungen im Mai

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