Identität und Austausch

Musik aus der Zips beim Heinrich Schütz Musikfest

Die Lebenswege von Heinrich Schütz, von seinen Reisen nach Venedig über die Verbindungen in Mitteldeutschland bis zum temporären Dienstaustausch als Dänischer Oberkapellmeister in Kopenhagen, kennen wir. Doch der Sagittarius fand über Freunde und Notendrucke bereits im 17. Jahrhundert eine Verbreitung und Rezeption – Grund genug, diesem Pfad bei der »Spurensuche« des diesjährigen Heinrich Schütz Musikfestes (HSM) zu folgen.

Das HSM bietet mit seinem »Auf ein Wort« vor vielen Konzerten die Möglichkeit, historische Hintergründe fundiert zu erhellen – weit mehr als das Erzählen dessen, was im Programmheft steht, wie es sonst vor Konzerten leider Usus ist. Im Falle der Spurensuche und Schütz-Rezeption lenkte Prof. Silke Leopold am Sonnabend in der Dreikönigskirche das Augenmerk auf die Zips, eine Landschaft etwa 700 km östlich von Dresden, heute im Gebiet nordöstlich in der Slowakei sowie einem kleinen Teil Polens.

Migration hatte es schon in früheren Zeiten gegeben. Bereits dem Mittelalter suchten Landesherren, nach Kriegen oder Epidemien ihr Fürstentum neu zu bevölkern, um es bewirtschaften zu können. Vielsprachigkeit und multiethnische Strukturen waren die Folge, wichtige Schlüssel des Zusammenlebens lagen gleichermaßen im multinationalen, überkonfessionellen Austausch wie in einer individuellen Betonung der Identität.

Die Musik war ein wichtiger Teil davon. In der Zips bildete sich in einem überwiegend katholischen Gebiet eine protestantische Diaspora aus. Für Komponisten eigentlich keine Seltenheit – viele von ihnen waren es gewohnt, selbst eine andere Konfession zu haben als ihr Landesherr oder diese zu wechseln. Auch das war beim HSM in den vergangenen Jahren bereits thematisiert worden. Heinrich Schütz‘ Werke wurden in der Zips nicht nur in Drucken rezipiert, sondern in Tabulatur abgeschrieben. Im Vergleich der Quellen zeigen sich Abweichungen, die nur manchmal durch Fehler zustande kamen. Oft wurden Werke beim Abschreiben an die Aufführungssituation oder -voraussetzungen, beginnend bei der Besetzung, abgewandelt und angepaßt.

Le Nuove Musiche präsentierte mit acht Sängern und elf Instrumentalisten Musik in der überlieferten Form von Ján Šimrák, Samuel Marckfeiner und Heinrich Schütz. Dabei gab es ein Wiedersehen Jörn Hinnerk Andresen, der von 2015 bis 2019 den Staatsopernchor der Semperoper geleitet hatte und diesmal für die Aufführung verantwortlich war. Das Konzept des Programms hatte Jakub Mitrík, der Leiter des Instrumentalensembles, erarbeitet.

Le Nuove Musiche in der Dresdner Dreikönigskirche, Photo: NMB

Von Ján Šimrák standen Vertonungen in lateinischer Sprache auf dem Programm – für die deutsche protestantische Musik eher ungewöhnlich. Gleichwohl hatte der Komponist nicht nur die Vielstimmigkeit anzuwenden verstanden, Le Nuove Musiche führte zudem vor, wie effektvoll sie inszeniert werden kann. »Plaudite mortales« (Applaudiert, ihr Sterblichen) ist eine Motette, die das Leben und die Auferstehung Christi mit Lobpreis feiert. Mittendrin hob dies die Zeile »mors trunculenta jacet« (jetzt liegt der wilde Tod darnieder) mit einem triumphalen Jubel hervor.

Nach dieser kleinen Form kam mit der Missa super omnes gentes eine deutlich größere, die weit mehr bot, als den Kontrast von Kyrie eleison und Christe eleison. Ján Šimrák nutzte den doppelchörigen Chor für einen dialogischen Ablauf, der noch durch Soli angereichert wurde. Christopher Renz, den wir schon in verschiedenen Ensembles erlebt haben, übernahm hier wichtige Partien und stach mit seiner Gestaltung wieder einmal heraus. Oft war Sopranistin Lenka Cafourková ihm gegenüber, die ähnliche viele Anteile hatte. Dennoch übernahm jede Stimme Soli, die oft verteilt waren.

Auf diese Weise gelangen gerade bei Ján Šimrák farbige Gestaltungen der meist kurzen, biblischen Texte. Wesentlich trugen außerdem drei schmale Barockposaunen, ein Basse de violle (ein großes Cello) sowie Viola, Dulzian und weiteren Instrumenten bei. Auch die Haltung der Violinen (nicht unterm Kinn, sondern seitlich neben dem Brustbein) entsprach dem historischen Vorbild. Marek Čermák war nicht nur Teil des Basso continuo, sondern sorgte mit Praeambuli, der Pfingstsequenz »Veni sancte Spiritus« (Komm, Heiliger Geist) und Improvisationen für Zwischenspiele und Überleitungen auf der Orgel.

Natürlich durfte ein Werk Heinrich Schütz‘ in einer Fassung der Abschrift nicht fehlen. Die Musikalischen Exequien (SWV 279 bis 281) sorgten für einen gewichtigen zweiten Konzertteil, auch wenn sich darin neben großartigen Soli Nachteile in der Verständlichkeit des Ensembles offenbarten. Der Ausdruck hob dies jedoch auf, wie die hinreißende Passage von »Ach wie elend ist unsere Zeit« (Capella) über das Solo »Ich weiß, daß mein Erlöser lebt« (Christopher Renz) in die folgende Capella »Weil du vom Tod erstanden bist«.

Da bat das Publikum inständig um eine Zugabe und bekam Psalm 100: »Zugabe Jauchzet dem Herren, alle Welt«.

4. Oktober 2026, Wolfram Quellmalz

Hinterlasse einen Kommentar