Spurensuche ist eröffnet

Heinrich Schütz Musikfest mit einem Theaterexperiment gestartet

Musikfeste eröffnen normalerweise mit einem Festkonzert, Begrüßungsreden und Grußworte inclusive. Das Heinrich Schütz Musikfest (HSM) wählte im Jahr der Interims-Intendanz von Gerd Amelung einen anderen Weg: Die Residenzkünstler von The Present, stets auf der Suche, Alte Musik neu zu denken, haben am Freitag im ZentralWerk Pieschen aus der Frage, wie »es denn nun richtig sei«, eine Performance gemacht und das Publikum einbezogen. Ungeachtet der Tatsache, daß Heinrich Schütz als Kapellmeister des Sächsischen Hofes auch für Tafel- und Bühnenmusik zu sorgen hatte, lag ihm die Kirchenmusik stets besonders am Herzen, weshalb sie eine größere Verbreitung fand und im Druck erschien – im Verhältnis sind die nicht gedruckten, nicht abgeschriebenen und verlorengegangenen Bühnen- und Tafelmusiken natürlich ein Verlust!

Probe vor dem eigentlichen Konzert – The Present stellen sich dem Publikum im Vorraum des ZentralWerkes vor, Photo: HSM, © Robert Jentzsch

Aus den Kommentaren in Druckausgaben wissen wir, daß Schütz sehr an der Ausführung seiner Musik gelegen war. Die Frage, wie sie richtig zu spielen sei, treibt Musiker und Hörer heute nach wie vor um.

Die Séance begann mit Licht …, Photo: HSM, © Robert Jentzsch

The Present näherte sich der Frage jedoch nicht mit respektvoller Ernsthaftigkeit, sondern frecher Innovation, und verband die Formate. Mehr noch: den Eröffnungsabend »Erhöre uns, wenn wir anrufen« gestalteten sie als Séance für Heinrich Schütz – ein Schelm, wer dies zu ersten nahm! Den Spaß nahmen die Künstler allerdings durchaus ernst, und so wurde nicht nur jeder Besucher mit einem Getränk in der Farbe der Kostüme (rosa) begrüßt, sondern mit einem Notenblatt und dem Angebot, den darauf abgedruckten Geistlichen Gesang »Aller Augen warten auf dich, Herre« (SWV 429, passend für den Erntedank gewählt) vor Beginn gemeinsam zu proben – ein Unterfangen, dem reichlich und erfolgreich zugesprochen wurde.

… die Antennen auszufahren, um Geister im Jenseits zu erreichen, ist unabdingbar! Photo: HSM, © Robert Jentzsch

Das Konzert lief in der Tat ab, wie man sich eine Séance vorstellen kann, mit Dunkelheit und Licht, Anrufung der Geister (bzw. des einen Geistes) und dem Versuch, Antworten aus dem Jenseits mit einem Kassettenrecorder mitzuschneiden (Konzept: Hanna Herfurtner, Olivia Stahn, Laura Steenberge). Und doch verkam dies nicht zum Klamauk, denn The Present wahrte stets eine Distance des Anstandes zur Musik Heinrich Schütz‘. Lachen durfte man dagegen bei den zwischen den Titeln eingebauten Spielteilen der Séance, wenn das Telephon klingelte, der Adressat aber ein anderer war. Nein, einen »Heinrich« gäbe es hier schon lange nicht mehr, war die Antwort, dafür echauffierte sich die fälschlich angerufene Person die Frage »wie es richtig sei« bis aufs äußerste – wer denkt denn noch in solchen Grenzen (und was geschähe mit all jenen, die es »falsch« machen)? Kurze Zeit später, die Fünfergruppe aus Medium und Teilnehmern war durch die tirada verschreckt, landete sphärische Musik auf dem Anrufbeantworter …

Die Vorbereitungen sind abgeschlossen, aber auch musikalisch stimmte die Stimmung, Photo: HSM, © Robert Jentzsch

Hanna Herfurtner und Olivia Stahn (Sopran), Amélie Saadia (Alt), Tim Karweick (Tenor) sowie der kurzfristig für Felix Schwandtke eingesprungene Florian Hille (Baß) überzeugten in der Musik vollkommen, beginnend bei drei der Italienischen Madrigale Heinrich Schütz‘. Im Kreis stehend, mal nach innen, mal nach außen singend, blieb das Raum-Klangkonzept auch dann beeindruckend, wenn es an sich einem Ungleichgewicht entsprach, weil ein einzelner Sänger immer am nächsten stand oder saß oder weil The Present generell die Positionen wechselte.

Erfolg! Jemand ging »ran«! Aber nicht Heinrich Schütz – offenbar war nur eine Verbindung zu einem Institut für Alte Musik hergestellt, Photo: HSM, © Robert Jentzsch

Eingeflochten waren sechs Uraufführungen von Laura Steenberge, die eigene Werke geschrieben oder solche Heinrich Schütz‘ bearbeitet hatte. Ihr neugieriger Zugang verband originale historische Texte mit solchen in henochischer Sprache und Madonnas »Like a prayer«. Während manche Neo-Klassik-Kompostierung ein echtes Klassik-Publikum mit Langeweile verprellt, spielte Laura Steenberge ihre Stärken als Performancekünstlerin aus – gute Voraussetzungen für eine Vermittlung gerade an Jüngere. Im Schütz-Junior-Projekt »Schützling« des HSM will The Present am Mittwoch in Bad Köstritz Musik von Johann Walter und Melchior Frank mit Volksliedern, Lisa Stansfield und Helene Fischer (!) verbinden.

Musikalisch und luminös gelungener Eröffnungsabend des Heinrich Schütz Musikfestes, Photo: HSM, © Robert Jentzsch

Etwas »anders« aufführen genügt nicht, es braucht einen Sinn und eine Richtung. Am Freitag stimmte auf jeden Fall beides, und vermutlich hätte das Publikum »Aller Augen warten auf dich, Herre« auch noch ein fünftes Mal gesungen, wäre da nicht ein Rückruf aus dem Jenseits gekommen …

3. Oktober 2026, Wolfram Quellmalz

The Present sind am Donnerstag noch einmal in der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden zu erleben.

Heinrich Schütz Musikfest, noch bis 11. Oktober, nächstes Konzert in Dresden: Geistliche Chormusik, Dresdner Kammerchor, Johanna Dabels (Flöte), Dirk Döbrich (Sprecher), Hans-Christoph Rademann (Dirigent), Mittwoch, 19:00 Uhr, Annenkirche

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