Capella Sanctae Crucis Dresden feiert Kreuzchorvesper zum Michaelisfest
Auf den ersten Blick scheint es, als biete die Zeit zwischen Pfingsten und Reformationstag keine Höhepunkte außer der »guten Jahreszeit« (was man bei der Sommerhitze in Frage stellen könnte – ist der Herbst mit seinen Farben und den langen Leseabenden nicht viel schöner?). Über zwanzig Sonntage nach Trinitatis zählen wir bis zum Ende des Kirchenjahres, das uns im November gleich einige Fest- und Gedenktage beschert.
Dennoch gibt es mittendrin Anlässe, Höhepunkte. Die Kreuzkirche Dresden feierte am vergangenen Sonnabend das Michaelisfest. Und nicht nur »ein bißchen«, sondern richtig, mit großem Orchester und Dresdner Amen. Kreuzorganist Holger Gehring hatte dafür die größte Ausbaustufe seiner Capella Sanctae Crucis Dresden gewählt. Zwanzig Musiker, davon allein sechs Barockviolinen, plus den Kreuzorganisten selbst – so groß feiern sie selten! Die Dresdner Turmbläser sorgten anschließend noch für einen weithin hörbaren Nachklang.

Am Beginn hatte Johann Gottfried Walthers Choralbearbeitung »Nun lob, mein Seel, den Herren« auf der großen Jehmlich-Orgel den festlichen Einzug begleitet. Im Kern bestand das Programm aus einem Oratorium, einer Ausgrabung oder Entdeckung, dem Oratorio in Festo Michaeli (Michaelisoratorium) von Adolph Carl Kuntzen (Schwerin 1752). Sämtliche Soli darin (Rezitative, Accompagnemento, Arien) sind dem Sopran zugedacht – Jennifer Riedel durfte ihre strahlende Stimme immer wieder im Vordergrund klingen lassen. Der Reiz des Werkes liegt in der Farbigkeit und Illustration, was schon mit einer kurzen Sinfonia-Einleitung des Coro begann. Im weiteren Verlauf sorgten die vielen Instrumente nicht nur für reiches Kolorit, sondern fast alle denkbaren Feierstimmungen, von geschmeidig-pastoral (Einleitung) bis offen strahlend und jubelnd. Obwohl dennoch spürbar war, daß Überhöhungen zu größeren Feiertagen möglich sind und noch nicht angetastet wurden. Zudem war Adolph Carl Kuntzen mit der Kunst des Affekts bestens vertraut und wußte markante Betonungen zu setzen, wie auf »Pech und Schwefel« in der Arie »Fallt, verdammte Höllengeister«. Die Zuversicht und Sicherheit, mit denen die Höllengeister hier abgewehrt wurden, war erfrischend – von Angst und Verzagtheit keine Spur! Weihevoll ging der erste Teil mit einem Choral (»Ach Herr, laß und durch deine Gnad«) zu Ende, Hörner, Trompeten und Pauken sorgten dann doch für einen kleinen (Vor)weihnachtsglanz.
Neben den Lesungen und dem Gemeindegesang (EG 143 »Heute singt die liebe Christenheit«) konnte Jennifer Riedel noch etwas länger pausieren, denn Marlen Herzog (Alt), Alexander Schafft (Tenor) und Felix Rumpf (Baß) waren als Trio in Johann Adam Wilhelm Freinsbergs (genannt Jean Adam Guilain) Magnificat du II. Ton für Orgel und Chor in Alternatimpraxis besetzt. Das Werk greift auf die Gregorianik zurück und setzt Stimmen a cappella sowie die Orgel, welche jeden zweiten Messetext spielt (der nicht gesungen wird), in eindrucksvolle Wechselwirkung. Der Ausdruck reichte von choraler Schlichtheit bis zu mächtigem Klang (Orgel-Dialogue zum Gloria Patri). Viele Satze gewannen gerade im Gegenüber bzw. der Folge, wie beim Chor »Esurientes implevit bonis« (Die Hungernden erfüllt er mit Gütern) und dem folgenden Trio de flûtes »Suscepit Israel puerum suum« (Angenommen hat er sich Israels).

Die Festlichkeit der Vesper fand aber auch im Dresdner Amen als Antwort der Gemeinde auf den Segen Ausdruck. Anders als sonst oft, wenn die vierstimmige Akklamation von der großen Orgel begleitet wird, saß Holger Gehring diesmal wegen des anschließenden Programms bereits wieder am kleineren Instrument von Wegscheider, das jedoch ebenso einen reichen Klang bietet. Zudem traten Pauken und Posaunen aus der Capella Sanctae Crucis Dresden hinzu.
Mit dem zweiten Teil aus Kuntzens Oratorium schloß die Kreuzvesper die festliche Stunde.
5. Oktober 2026, Wolfram Quellmalz
Am kommenden Sonnabend gestaltet die Vokalgruppe VIP mit ehemaligen Kruzianern die Kreuzvesper, Orgel: Kreuzorganist Holger Gehring, Liturg: Superintendent Christian Behr