Besuch beim Orgelsommer in Geising
Mitten in der Woche, mitten am Tag über Land zu fahren, um eine halbe Stunde Orgelmusik zu hören, können eigentlich nur Schüler, Rentner oder Anwohner unternehmen – oder man verbindet Termine mit einer Ausfahrt.
In der Stadtkirche Geising gibt es eine sehens- und hörenswerte Orgel. Sie wurde 1757 vom Orgel- und Instrumentenbauer Johann Daniel Ranft vollendet, der außerdem Geisinger Ratsherr gewesen ist. Überhaupt ist oder war Geising ein umtriebiger, musikalischer Ort – mit Johann Schelle und Johann Kuhnau stellte es gleich zwei Thomaskantoren von hier (beide folgten unmittelbar aufeinander und vor Johann Sebastian Bach), auch der der Baumeister der Dresdner Frauenkirche, George Bähr, stammt aus dem Geisinger Ortsteil Fürstenwalde.

Ranfts Orgel blieb trotz einiger Umbauten und zwischenzeitlicher Abgaben der Pfeifen als Kriegsmaterial erhalten und wurde rekonstruiert. Heute ist Roy Heyne Kantor an der Stadtkirche und hat einen Orgelsommer ins Leben gerufen, der an jedem Mittwoch »nach dem Mittagsgeläut« (also zwölf Uhr) eine halbe Stunde Musik bietet. Anfang Juni begann die Reihe, wir waren in dieser Woche, am letzten Tag des September, im letzten Konzert.
Die Toccata quinta von Georg Muffat war am letzten Teil des Orgelsommers eine frohe Eröffnung, die nicht wenig an Jubelchöre erinnerte, aber zu angemessener Ruhe fand. Die Choralbearbeitung »Liebster Jesu, wir sind hier« (BWV 731) von Johann Sebastian Bach setzte dies zunächst fort, schon bald aber ging daraus eine geradezu emphatische Sopranstimme hervor. Vor allem mit Bläserregistern unterstrich Roy Heyne die Fanfarencharakteristik.

Doch trotz des berühmten Zitats vom »Alpha und Omega« Bachs darf man feststellen, daß es bereits vor Bach Musik gegeben hat. Jene von Dieterich Buxtehude schätzte Bach ganz besonders, was ihn zu seinem Fußmarsch (und überzogenem Urlaub) anspornte. Buxtehudes Präludium ex D (BuxWV 139) überflügelte die zuvor erklungene Choralbearbeitung sogar. Wie so oft in Buxtehudes Präludien gibt es mehrere Fugenabschnitte, die auf eine höhere Ebene zu führen scheinen. Auch hier begleitet von Fanfarenmotiven.
Jan Křtitel Kuchař war nicht nur ein Zeitgenosse Mozarts, in Prag trafen die beiden aufeinander. Der Cembalist und Organist war für sein Tastenkönnen bekannt und begehrt, wovon ein Pastorale und Andante moderato Adagio ein Beispiel gaben. Süß und verspielt erinnerte der Beginn an jene Werke für Flötenuhren, jedoch steigerte sich das Werk in seinen Variationen enorm in der virtuosen Darstellung.

Roy Heyne spielt nicht nur die Orgel, er beteiligt sich an wissenschaftliche Edition und hat ein Interesse für Pastoralen. Die Böhmischen unterscheiden sich teils sehr von unseren (oder italienischen), weil sie nicht das ruhige, wiegende, sondern ein Element der Freude (über die Geburt Jesu) in den Vordergrund stellen. Eine fröhliche Pastorella ex D von Jiří Ignác Línek mit funkelndem Stakkato war insofern der würdige Abschluß dieses Orgelsommer.
1. Oktober 2026, Wolfram Quellmalz
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