Aufführung der »Fastnachts-Lust« als Rahmenprogramm eines Symposiums
»Mätressen, Macht und Kunst um 1700« titelte ein Symposium von Montag bis Mittwoch dieser Woche in der Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, hinterfragte das Rollenbild der Mätressen und verglich sie nach Her- und Unterkunft, sprich: Höfen. (in Kooperation mit dem Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde und der Technischen Universität Dresden) Immerhin standen die Damen in der Gunst eines Fürsten; eine Gunst jedoch, die sie sich verdienen mußten. Im Gegensatz zu den Vorteilen eines Privilegs, das in der Regel bezahlt werden mußte, dessen Leitungen in einem Vertrag oder Zertifikat festgelegt waren, konnten sich die Mätressen auf kein vergleichbares Schriftstück stützen, sondern waren vom Geschick ihres Agierens abhängig (was aber zu dokumentierten Schenkungen oder Renten führen konnte).
Über die politische Macht der Einflußnahme verfügten sie allerdings und verfolgten ihre Ziele mit Kalkül oder ließen sich für die Ziele ihres Hofes (bzw. des Liebhabers) einsetzen. Mit anderen Worten: Öffentlichkeits- und interne Arbeit war ein Grundprinzip, das eine Mätresse verinnerlicht haben sollte. Das offene oder verborgene Agieren läßt sich heute von Briefwechseln bis zu Theaterstücken nachvollziehen.
Maria Aurora von Königsmarck war de facto das Thema des Symposiums. Sie hatte nicht nur Briefe hinterlassen, es kursierten auch zahlreiche Schriftstücke über sie. Die Favoritin hatte aber auch den Text zu einem Musiktheaterstück verfaßt, das am Montagabend in der Dresdner Schloßkapelle aufgeführt wurde. In den Vorträgen wurde nicht nur die Briefverkehr hinterfragt, sondern auch die Position am Hofe, schließlich war Maria Aurora doch offizielle (!) Mätresse des Sächsischen Kurfürsten (August des Starken), der zu dieser Zeit (ab 1694) bereits ein Jahr mit Christiane Eberhardine von Brandenburg-Bayreuth verheiratet gewesen ist.
Die Stellung Maria Aurora von Königsmarcks war innerhalb des Dresdner Hofes eine anerkannte und ehrenwerte. Sie wurde nicht nur für ihr organisatorisches und künstlerisches Geschick geschätzt, mit dem sie unter anderem 1696 zur Ausrichtung eines Musen-Fest beigetragen hatte, sie war außerdem zu höfischen Anlässen eingeladen. Anläßlich eines Besuchs des Russischen Zaren wurde sie an der Tafel direkt neben dem höchsten Gast plaziert. Bei einem Treffen mit Vertretern des Schwedischen Hofes wiederum (Maria Aurora entstammte dem altmärkischen Hochadel und war mit der schwedischen Königsmutter Hedwig Eleonore befreundet) wurde sie nicht einmal vorgelassen, sie galt als »Hure«.
Die Rolle der Mätressen wurde außerdem mit Beispielen wie des Französischen Hofes (Louis XIV.) hinterfragt – die Bonmots Lieselotte von der Pfalz‘ einmal historisch wissenschaftlich einzuordnen, entbehr nicht einer gewissen Köstlichkeit!

MARIA AURORAS FASTNACHTS-LUST
Ein Jahr nach dem Musen-Fest hatte Maria Aurora von Königsmarck das Libretto für ein Musiktheater »Fastnachts-Lust« geschrieben und das Stück zusammengestellt, das zum Maskenball am 19. Februar 1697 aufgeführt wurde. Dabei handelte es sich um ein besonderes Stück, ein Opera-Ballet (eine Gattung, für die auch Heinrich Schütz Stücke geschrieben hat, dessen Beiträge jedoch sämtlich verlorengegangen sind). Es enthielt nicht nur Musik und Tanz, sondern am Ende auch französische Sprechtheaterszenen (aus »La fille savante« / »Die gelehrte Tochter«). Die Musik komponierte der Hofkapellmeister Johann Christoph Schmidt.
Die Idee zur Wiederaufführung der »Fastnachts-Lust« entwickelte Dr. Reiner Zimmermann, langjähriger Vorsitzender und Spiritus rector des Instituts zur Erforschung und Erschließung der Alten Musik in Dresden (Musikschätze aus Dresden) e. V. Der Idee ließ er Taten folgen und beteiligte sich maßgeblich am Konzept des Projektes, wozu die Auswahl und Vernetzung der Partner gehörte. Den Beginn der Umsetzung konnte Reiner Zimmermann noch begleiten, doch sein Tod am 4. März dieses Jahres verhinderte, daß er das Resultat seines Bemühens erleben konnte.
Die Produktion der »Fastnachts-Lust« wurde von Ars Augusta e. V. umgesetzt, einen Verein, mit dem wir schon eine andere Barockopernproduktion erlebt haben (Antonio Lottis »Giove in Argo«, 2019, unser Bericht: https://neuemusikalischeblaetter.com/2019/09/26/so-geht-barockoper-auch/). Zu den Grundlagen der Aufführung gehörte ein originales gedrucktes Originallibretto sowie eine in der British Library London erhaltene Abschrift der Partitur. Nicht alles ließ sich jedoch en detail rekonstruieren. So ist die Auswahl der angefügten Theaterszenen nicht exakt überliefert. Fehlende musikalische Titel wurden durch andere Instrumentalmusik Johann Christoph Schmidts ersetzt.

Insgesamt wird der Wert der Partitur als »einzigartig« und «kulturhistorische wertvoll« eingeschätzt, weshalb sie Aufnahme in die Reihe »Denkmäler der Tonkunst in Dresden« des Instituts zur Erforschung und Erschließung der Alten Musik in Dresden (Musikschätze aus Dresden) e. V. fand. Damit verbunden ist eine historisch-kritische Edition (Berliner Verlag Ries & Erler, Herausgeber: Sebastian Biesold, der auch am Symposium mitwirkte: Vortrag zum historischen Ereignis, zur Edition und zur Wiederaufführung).
Die nicht nur wissenschaftlich hinterfragte, sondern mit viel Liebe vorbereitete Aufführung und das ganze Projekt hat im Vorfeld bzw. in der Entstehungsphase bereits überzeugt. So wurde Ars-Augusta für die Mitmach-Aktion »Zeig Dein Sachsen« der Landeskampagne »So geht sächsisch« zum Jubiläum 1100 Jahre Sachsen ausgewählt (gefördert durch die Kulturstiftung des Freistaat Sachsen und die Stadt Görlitz).

DIE AUFFÜHRUNG
Kann ein Verein ein höfisches Theater inszenieren? Durchaus! Im Grunde paßt das sogar sehr gut, denn die »Fastnachts-Lust« war 1697 keine Veranstaltung des Hoftheaters oder der Hofkapelle, sondern wurde von »Dames und Cavaliers des Hofes« im Beisaal des Schießhauses geboten. Am Stück wirkten nicht nur die Autorin Maria Aurora als Hoffnung, sondern weitere Hofdamen als Allegorien mit – also ein höfisches Privatvergnügen von Dilettanten im positiven Sinne. Dem nachzuspüren, hat Ars-Augusta nicht nur Erfahrung, sondern fand auch die künstlerischen Mittel.
Die Inszenierung und die neuen Sprechtexte lagen in den Händen von Regisseurin Amal Reich, die Musik beim Lausitzer Barockensemble (Leitung: Szczepan Dembiński). Neben Sebastian Biesold (Dramaturgie) beteiligten sich außerdem Mandy Coleman (Choreographie) und Eleni Müller (Produktion & künstlerische Leitung).

Opera-Ballet haben in der Regel keine durchgehende Handlung, sondern ein Thema, und bestehen aus szenischen Bildern. In diesem Fall ging es um einen verlassenen (oder betrogenen) Liebhaber. Pikant: die Autorin des Stücks Maria Aurora hatte August kurz zuvor einen Sohn geboren, befand sich aber in einer Situation der Ablösung, Abschiebung oder des Übergangs.
Das Stück enthält zwar Anspielungen auf die Verhältnisse am Dresdner Hof und auf den Kurfürsten, doch die Geschlechterrollen werden – ganz barock! – vertauscht, verdreht, überdreht, ironisiert. Gerade weil sie bis zur Unglaubwürdigkeit überzogen sind, konnte und kann man darüber lachen – auch August dürfte sich amüsiert haben, ohne sich angegriffen zu fühlen. Daß man für manchen Witz genauere Kenntnis der Verhältnisse oder der persönlicher Bezüge haben müßte, weshalb man sie erst entschlüsseln müßte, hätte ein Verständnisproblem und eine »Spaßbremse« sein können. Amal Reich schlug hier mit neuen Texten eine Brücke, die – bis zu einem Telephongespräch zwischen künftiger Ex-Frau und Scheidungsanwalt – die Kluft zu überwinden half.

Vordergründig blieb das Spiel und die Musik. »La Compagnia Sassone« trat mit Nicolle Cassel (die Hoffnung), Alexandra Heath (die Freude), Beate Laaß (Maria Aurora), Roberto Jachini Virgili (der Liebhaber) und Radoslava Vorgić (die Eifersucht) auf, wobei Maria Aurora natürlich prägend in Szene gesetzt wurde, während der Liebhaber manche Neckerei ertragen mußte – und es ertrug. Unter den Allegorien schien dennoch die Eifersucht als die mit dem größten Impetus …
30. September 2026, Wolfram Quellmalz