Wieder einmal zweigeteilt

Ungleiche Hälften im Kammerabend der Sächsischen Staatskapelle

Der Tonkünstlerverein bzw. die Musiker der Sächsischen Staatskapelle Dresden nutzen ihre Kammerabende in der Semperoper gern für Erkundungen. Regelmäßig fallen die Konzerthälften vor und nach der Pause so unterschiedlich aus, als seien es zwei eigenständige Abende. Am Sonntag gab es zunächst romantisch empfundene Kammermusik mit Oboe zu erleben, danach bestimmte ein Posaunenquartett höchst verschiedene Töne.

Hans Gál ist uns durchaus bekannt, jedoch nicht unbedingt als ein Komponist aus der »ersten Reihe«. Doch nicht jeden, der gegenüber Beethoven, Mendelssohn oder Hindemith abfällt, muß man nicht beachten. Oft gibt es lohnende Entdeckungen, seien es ungewöhnliche Besetzungen wie Gál Werke für Mandolinenorchester oder seine Lieder. Natürlich könnte man die Stücke wegen ihres rückwärtsscheinenden Bezugs meiden – oder aber die Brüche im Lebenslauf des Komponisten zur Kenntnis nehmen und sie einfach als Musik anhören.

In diesem Sinne hatten Céline Moinet, die Solo-Oboistin des Orchesters, und Pianist Florian Uhlig, die in der Vergangenheit bereits verschiedene Kammermusikprojekte gemeinsam unternommen haben, die Sonate für Oboe und Klavier Opus 85 aufgelegt. Natürlich ist die Oboe eines der gesanglichsten Instrumente überhaupt, doch drängte sich der Eindruck eines Liedes trotz Hans Gáls Schaffen auf diesem Gebiet nicht zwingend auf. Im Gegenteil hatte er das Klavier aus der Rolle des reinen Begleitens geholt und ihm oft die zweite Stimme übertragen. Zudem nahmen beide in schnellen Passagen Anteil am rhythmischen Puls, dem die Oboe zusätzlich etwas Atemhaftes verlieh. Besonders im leisen, eleganten gestalteten Céline Moinet und Florian Uhlig geschmackvoll, dafür hätte man manchem intensiven Teil wie im letzten Satz mehr Klang oder »Goldkante« gewünscht.

Schilflieder: Céline Moinet, Florian Uhlig und Florian Richter, Photo: Sächsische Staatskapelle Dresden, © Oliver Killig

Diese Weite, Größe und Leuchtkraft stellte sich zunehmend bei August Klughardts »Schilfliedern« ein, die ohnehin zu den Lieblingsstücken von Kammermusikfreunden gehören. Da mochte man (wenn in diesem Fall auch nicht rückwärts orientiert) viel Schumann als Ideengeber hören – egal! Denn, nun mit Florian Richter (Viola) zum Trio gewachsen und in beweglicher Balance, welche die Hauptstimme einmal der Oboe, einmal der Bratsche übertrug oder beide im Duett inniges Verständnis finden ließ, wurde die Intensität der Musik noch um eine große Intimität bereichert. Dunkle und matte Farben (die wenigstens einmal den lästigen Zwischenapplaus bremsten) waren darin ebenso enthalten wie Emphase des Ausdrucks oder jubelnde Töne – da bekam man Lust, die zugrundeliegenden Gedichte Nikolaus Lenaus im Nachklang zu Hause noch einmal zur Hand zu nehmen.

Wie anders geriet nach der Pause der zweite Teil! Theodor Hentges bildete mit Thomas Werner Monden und Sebastian Rehrl als Gästen sowie Solo-Posaunist Jonathan Nuß an der Spitze ein Quartett, das in vier Werken die Vielfalt und Zeitalter der Blechbläser durchmaß. Derek Bourgeois Posaunenquartett Opus 117 stand für einen Gesang auf vier Instrumenten (incl. Baß), dessen Kontrast zwischen Solo und Begleitung mal stärker, mal weicher ausgeformt war. Das Adagio molto wuchs nach den Fanfarenmotiven am Schluß des ersten Satzes zum milden Gleichklang. Das Quartett geizte dabei weder mit Kantabilität noch mit technischem Geschick, wie das mehrfach fugiere Presto zeigte.

Posaunenquartett: Jonathan Nuß, Thomas Werner Monden, Sebastian Rehrl und Theodor Hentges, Photo: Sächsische Staatskapelle Dresden, © Oliver Killig

Die glänzende Kantabilität ließ sich in zwei Bearbeitungen von John Dowland-Liedern noch einmal steigern. »What if I never speed?« und »Come again, sweet love« zeigten die feine madrigale Kunst der Renaissance und konnten selbst ohne Dämpfer leise, aber rein leuchten – direkt schade, daß die Bearbeitung auf die Wiederholung bei »Come again« verzichtete!

Mit Saskia Apons Posaunenquartett Nr. 1 und Ingo Luis‘ »Samba de Mogán« durchbrach das Programm eine Schallmauer oder zumindest Zeitgrenze und ließ sich in gewitzten Stücken voller Echos und versetzter Akkorde (Apon) sowie mit unterhaltsamen Extrainstrumenten (Trillerpfeife, Rasseln und Vokalsingen bei Luis) nieder.

28. September 2026, Wolfram Quellmalz

Der dritte Kammerabend der Sächsischen Staatskapelle im November verspricht kaum weniger Entdeckerpotential, hält mit Jörg Widmann, Franz Danzi und Johannes Brahms aber auch Standardbesetzungen parat.

CD-Tip: Céline Moinet legt nach. am 23. Oktober erscheint ihr neues Album »Concert pour Paris« bei Berlin Classics, Werke von Alessandro Besozz, Jean-Marie Leclair, Carlo Besozzi und Franz Xaver Richter, mit Folkwang Kammerorchester Essen, Reinhard Goebel (Leitung)

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