Zum 350. Todestag von Paul Gerhardt

Kreuzvesper mit dem Vocal Concert Dresden

Wir befinden uns in einem Paul-Gehrhardt-Gedenkjahr. Kaum jemand hat so viele Texte für Kirchenlieder geliefert, die heute noch gesungen werden oder im Gesangbuch erhalten sind, wie der in Gräfenhainichen geborene Theologe.

Peter Kopp hat mit seinem Vocal Concert Dresden schon öfter besondere Schwerpunkte gesetzt. Außerdem rief er an der Kreuzkirche für eine Renaissance des Komponisten Gottfried August Homilius ins Leben. Für solche Schritte braucht es neben einem Blick für Lebensdaten und den aktuellen Kalender ein ständiges Suchen und Hinterfragen der Werke. So gab es auch am Sonnabend in der Kreuzvesper manches neu zu hören oder wiederzuentdecken.

Zunächst sorgte aber Anton Matthes an der Orgel für wohlgefälliges Aufhorchen, denn was er da so schön zum Einzug spielte und das nach einem der »Präludium« genannten, mehrteiligen und mehrfach fugierten Stücke Dieterich Buxtehudes klang, erwies sich als Improvisation – ein schöner Anfang!

Paul Gerhardt (unbekannter Künstler, Ölfarbe auf Leinwand, um 1700), Paul-Gerhardt-Kirche Lübben), Bildquelle: Wikimedia commons

Also kein historisches Stück aus dem Frühbarock, dennoch war der »Sprung« in die Romantik (scheinbar) groß. Mit Ferdinand Hillers Motette »Wach auf, mein Herz, und singe« aus den Sechs geistlichen Gesängen Opus 71 schwang sich weit auf und schien mehr und mehr beflügelt, obwohl (oder weil) es in im Schlußvers auf die Vollendung des menschlichen Lebens kam: »bis ich gen Himmel reise.«

Konnten die Stimmen des Vocal Concert Dresden hier a cappella, konzentriert und geschlossen (SATB) eine große Lebendigkeit entwickeln, schienen sie bei »Gib dich zufrieden und sei stille« von Albert Becker (Opus 53, Nr. 2) in sich zu ruhen, sogar noch ruhiger zu werden, wobei sie sich erneut dem Thema Tod zuwandten. Im Chorklang kam das Verständnis für das Leiden, aber auch die Mahnung (zur Besinnung) zum Ausdruck. Gerade die Anfangszeile verstört doch vielleicht oder ruft Ablehnung hervor. Superintendent Christian Behr ging in seinem Wort zum Sonntag darauf ein und legte dar, wie ihm der Text, dem er früher eher mißtraut oder den er abgelehnt habe, mit zunehmendem Alter (oder Erfahrung) mehr und mehr entspreche und er gespannt sei, ob das schöne Gemeindelied, das er mittlerweile besonders schätze, in der nächsten Ausgabe des Gesangbuches noch enthalten sei.

Anton Matthes hatte zunächst Johann Sebastian Bachs Präludium und Fuge C-Dur (BWV 547) eingefügt. Wen die mahnenden Worte Paul Gerhardts bei Becker, das Thema oder die Sichtweise niedergedrückt hatten, der konnte sich nun jubilierend erheben (Präludium), bevor die Fuge ein geschlossenes Miteinander bzw. einen Chor darstellte.

Johann Christoph Altnickols »Befiehl du deine Wege« war eine Entdeckung, fast schon ein Kuriosum im Programm – wer hatte je davon gehört? Der Musikhistoriker, Biograph, Schüler und Schwiegersohn Johann Sebastian Bachs hat einige eigene Werke verfaßt, auch wenn seine Motette vielleicht Anlaß gibt, zu hinterfragen, wie frei er in seinem Komponieren war (oder wie beeinflußt-beeindruckt von großen Bach). In zwölf langen Strophen, die dazu als Akrostichon den Psalmtext »Befiehl dem Herren dein Weg und hoff auf ihn, er wird’s wohl machen« enthalten, hat Altnickol in seiner Choralmotette kunstvoll den Bibeltext mit dem Choral »Herzlich tut mich verlangen« (für uns vor allem als Passionslied mit dem Text »Oh Haupt voll Blut und Wunden« bekannt) verknüpft. In vielen Elementen bezieht sich der Komponist auf seinen Lehrer Bach, andere verweisen wiederum auf die Epoche der Empfindsamkeit – gleichermaßen ein Höhepunkt wie eine Herausforderung in dieser Vesper, die das Vocal Concert aber konzentriert meisterte! Und eEin wohlgesetzter Programmpunkt, den Peter Kopp nicht weiter überhöhte. Statt dessen schloß die Vesper mit Johann Crügers Kirchenlied »Schwing dich auf zu deinem Gott« schlicht ab.

27. September 2026, Wolfram Quellmalz

Am kommenden Sonnabend gestaltet die Capella Sanctae Crucis Dresden eine Kreuzvesper zum Michaelisfest. Neben Adolph Carl Kuntzens Oratorio in Festo Michaeli (Michaelisoratorium, Schwerin 1752) erklingen Werke von Johann Gottfried Walther und Johann Adam Wilhelm Freinsberg. Orgel: Kreuzorganist Holger Gehring, Liturg: Pfarrer Holger Milkau

Das Vocal Concert Dresden gestaltet am 22. November das Konzert zum Ewigkeitssonntag in der Dresdner Kreuzkirche. Neben Carl Maria von Webers Missa G-Dur erklingt Johann Gottlieb Naumanns »Vater unser« (Beginn: 17:00 Uhr).

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