Versteckter Nachruf

Matthias Lorenz setzt Reihe für Neue Musik fort

»Fremdbestimmt« kann eine unangenehme Deutung haben, mit fehlender Freiheit mit Zwang assoziiert werden und der Eigenständigkeit, die eigentlich angestrebt wird, entgegenstehen. Der Cellist Matthias Lorenz stellt das Thema in seiner Konzertreihe im GEH8 jedoch in einem positiven Sinn auf die Füße und hat sechs Komponisten gebeten, seine Programme zu bestimmen. Es soll nicht deren Lieblingsmusik sein, sondern Bezüge zu einem vorgegebenen Thema haben. Die Komponisten können jeweils mit einem eigenen Werk vertreten sein, was jedoch keine zwingende Vorgabe ist.

Für den fünften Teil der Reihe und das Thema »Ausdruck« hatte Matthias Lorenz Petr Bakla aus Prag gewonnen. »Ausdruck« konnte wie immer in jeder Hinsicht hinterfragt werden. Nicht nur der Anschlag auf der Tastatur eines Klaviers oder eine tänzerische Figur – auch mathematische Formeln sowie ein bedrucktes Stück Papier oder Stoff sind ein »Ausdruck«.

Petr Bakla sorgte dabei für eine Wiederbegegnung: Der im vergangenen Jahr mit gerade 66 Jahren verstorbene Peter Ablinger hatte in Matthias Lorenz‘ Reihe »Alte Meister« bereits einmal einem Werk Iannis Xenakis‘ gegenübergestanden. Damals erklang neben Ablingers »in G« (Uraufführung) Xenakis‘ »nomos alpha«. Schon 2016 trafen bei »in G« Komposition elektronische Aufnahme und Cellospiel zusammen.

Steuerungs des Ablaufes (Zeitmaß) eingespielter und verarbeiteter Aufnahmen in »Das Blaue vom Himmel« via Smartphone, Photo: NMB

Auch diesmal standen sich beide Elemente gegenüber, »Das Blaue vom Himmel« spielt noch mehr mit elektroakustischer Verstärkung. Der Komponist unterschied zudem zwischen dem »Raum«, in dem etwas stattfindet, und dem »Ort«, der sich konkretisiert, in diesem Fall durch die Anordnung von Spieler, Lautsprechern und Publikum. Für den Klang von »Das Blaue vom Himmel« wird der Klang außerdem zum Teil aus dem Innerem des Cellos (noch einem »Ort«) abgenommen.

Im Stück standen sich räumlicher Hall und verarbeitete, teils gestapelte Klänge aus den Lautsprechern sowie der originale Klang des Violoncellos gegenüber. Anfangs war das Gegenüber der Akteure (oder der Orte des Akteurs) mit Liegetönen und wenig Veränderung hervorgehoben, später schien die Aufnahme auf Spielfiguren zu reagieren. Der Raum oder (dem Titel nach) »Himmel« wurde durch einen sehr allmählich aufsteigenden Ton eröffnet, in dem ein scheinbares Kippeln oder eine plötzliche Tonfolge als Elemente enthalten waren.

Im Vergleich war Enno Poppes »Zwölf« das traditionellste Stück des Abends. Es greift die mythische, religiöse, magische und musikalische Zahl Zwölf auf, ohne aber Zwölftonmusik darzustellen. Eine kurze Sequenz wurde mit kleinen Veränderungen, die sich auf Tonhöhe, Verlängerungen und Anreicherungen wie Glissandi beziehen, wiederholt. Die knappen Stücke, die Matthias Lorenz wegen ihrer Kürze wiederholte, entsprachen einerseits einem Ausdruck musikalischer Konzentration, andererseits – fast expressiv – der emotionalen Darstellung.

Experimentalaufbau für Alvin Luciers »Charles Curtis«, Photo: NMB

Mit Alvin Luciers »Charles Curtis« stand nach der Pause das experimentellste Werk auf dem Programm. Darin werden zwei Sinuswellen über Lautsprecher dargestellt, während das Violoncello einzelne Töne aus den Wellen aufnimmt, nach- oder vorspielt. Da die Töne aber nicht immer exakt übereinstimmen (sollen), stellten sich Momente der Schwebung ein. Hier war die Wahrnehmung am stärksten mit Raum und Klang (sowie Zeit) verbunden. Die Sinuswellen konnten je nach Sitzposition fast unangenehm laut und eindringlich werden. Den »fremdbestimmten« Anreiz nutzten viele, um Klangeindrücke an verschiedenen Positionen im Raum zu vergleichen.

Das schon 2016 erklungene »nomos alpha« von Iannis Xenakis hatte Matthias Lorenz (wie Peter Ablingers »in G«) noch öfter in seinen Programmen gehabt. Xenakis‘ »kottos« (nach der griechischen Mythologie einer der drei Hekatoncheiren, den Söhnen von Uranos und Gaia) stand erstmals darauf. »kottos« vereinigte Eindrücke (oder Ausdrücke) und rief in manchem Erinnerungen an vergangene Konzerte im GEH8 wach. Mit kurzen, starken Bogenstrichen schien es einem Ziel im Raum zuzueilen, nahm Formen des Lachens, Jauchzens, Singens an, beeindruckte aber vor allem in einer kolossalen Intensität. Die Reibung des Bogens war eines der Erinnerungselemente – in anderer Form fand man es auch in Helmut Lachenmanns »Pression für einen Cellisten« (mehrfach bei Matthias Lorenz, 2017 bei im GEH8-Konzert).

Über die Jahre hat Matthias Lorenz ein wachsendes und interessiertes Publikum gefunden. So blieben nach dem Konzert viele, um noch über Musik zu reden.

27. September 2026, Wolfram Quellmalz

»Fremdbestimmt« soll im kommenden Jahr mit dem sechsten Konzert abgeschlossen werden. Wer das experimentelle »Charles Curtis« von Alvin Lucier noch einmal erleben will, hat bereits am 8. Oktober (19:00 Uhr) im Rahmen der neuen Reihe »Klang Stelle« im riesa efau die Möglichkeit.

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