Barbican-Quartett bei den Meisterwerken – Meisterinterpreten
Vor wenigen Tagen wurden in München die Nachfolge gewählt – am 14. September hatte das Viatores Quartet aus Berlin den Ersten Preis und den Publikumspreis beim ARD-Musikwettbewerb in der Kategorie Streichquartett gewonnen. Einen Zweiten Preis gab es nicht, dafür zwei Dritte. Vor vier Jahren war es knapper gewesen – oder heißer? Damals hatte sich in einem spannenden Finale das Barbican-Quartet aus London durchgesetzt. Amarins Wierdsma und Kate Maloney (Violinen), Christoph Slenczka (Viola) sowie Yoanna Pradanova (Violoncello) waren seitdem schon zweimal bei den Meisterwerken – Meisterinterpreten in Strehlen zu Gast, jetzt kehrten sie zurück und traten erstmalig am Alternativspielort Kanonenhof auf (oder am Brühlschen Garten, wie die Anschrift schöner lautet).
Wie zuletzt (2025: Haydn, Ligeti, Beethoven) ließ sich das Barbican Quartet nicht auf ein reines Klassiker- oder Lieblingsstücke-Programm ein, sondern kombinierte unterschiedliche Handschriften und Epochen. Dennoch Joseph Haydn wieder für die Eröffnung: sein Streichquartett C-Dur (Opus 20, Nr. 2 / Hob. III: 32) stand jedoch weder für eine leichte Overtüre noch ein heiteres Quartett-Apercu, sondern entstammt vielmehr einer Serie von sechs Quartetten, die allesamt mit einem »In nomine Domini« (Im Namen des Herrn) beginnen und in einem »Laus omnipot: Deo« (Lob dem allmächtigen Gott) schließen – für Haydn eher ungewöhnlich.

Keine heiteren Violinfuguren, sondern ein vom Violoncello eröffneter Gesang stand am Anfang, den das Barbican Quartet mit großer Ernsthaftigkeit und Intensität gestaltete, wobei es das Gegenüber von Cello und den verbleibenden Streichern sorgsam herausarbeitete. Das Adagio erwies sich (angesichts der Zuordnung des Quartetts) ungeahnt leicht, bevor die Schlußsätze mit hurtige angetriebenem Menuett und der positiven Allegro-Energie abschlossen.
Also alles Haydn, könnte man meinen, wenn man vom Meister (oder »Papa«) hört. Doch die folgenden beiden Werke waren in ganz anderen Situationen entstanden. Benjamin Brittens Streichquartett Nr. 1 D-Dur (Opus 25) schien sich in manchen Klangflächen und -kanten an der Historie zu orientieren, wie den Schubert’schen Pizzicati des ersten Satzes, mit denen das Andante zunächst eine Dichte wie beim Wiener-Klassiker-Romantiker offenbarte. Doch reizte Britten mit Flageolett und Betonungen nicht nur den Quartettklang aus, er schien auch der Schubert-Welt zu fliehen. Das Barbican Quartet präsentierte ihn geradezu agitativ, da mochten die Pizzicati noch so satt und weich ausfallen.
Mit kurzen Bogenstrichen, kantig (aber nicht kurzatmig) zeigte das Allegro, die weit die Welten von Haydn, Schubert und Britten auseinanderliegen. Oder nicht? In den individuellen, tremolierenden Figuren (Menuett!) konnte man bei Britten vielleicht eine Haydn’sche Freiheit und Frechheit wiederfinden. Auch das Presto lebte nicht allein vom Tempo, sondern einer Frische, die das Vif von Maurice Ravel zu kennen schien.
Jenes lebhafte Attribut verlangt der französische Komponist für sein Streichquartett F-Dur (Opus 35) gleich zweimal: Assez vif, très rhytmé (ziemlich lebhaft, sehr rhythmisch) sowie Vif et agité (lebhaft und unruhig) sind der zweite und vierte Satz überschrieben – wie geschaffen für ein so agiles Quartett.
Wieder tremolierend nahm das Barbican Quartet Ravels Faden auf, aber mit Maß, und ließ mit dem Violoncello im Vordergrund den Mittelteil zauberisch wachsen. Im dritten Satz (Très lent, modéré) offenbarte sich gar Ravels Elfenhaftigkeit, bevor das Finale recht feurig gelang.
27. September 2026, Wolfram Quellmalz
Im nächsten Konzert der Meisterwerke – Meisterinterpreten stehen zwei besondere Werke auf dem Programm: Joseph Haydns »Sonnenaufgangsquartett (Opus 76 Nr. 4) sowie Olivier Messiaens »Quatuor pour la fin du temps«, Mitwirkende: Paul Moosbrugger (Klarinette), Zhora Sargsyan (Klavier), Jeanquirit Quartett
15. November 2026, 16:00 Uhr, Kanonenhof